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VPP 4/2012

Ältere Männer und Psychotherapie - Von der Geschichte eines Ressentiments

08. November 2012
 

Ältere Männer und Psychotherapie[1] - Von der Geschichte eines Ressentiments

Meinolf Peters (Marburg/Bad Hersfeld)

»Die größte Überraschung im Leben eines Mannes ist das Alter«

Tolstoi

Zusammenfassung

Ältere Männer befinden sich nach wie vor selten in psychotherapeutischer Behandlung. Verantwortlich dafür ist eine traditionelle männliche Identität, die mit dem psychotherapeutischen Denken nicht ohne Weiteres vereinbar ist. Doch die jetzt in ein höheres Lebensalter vorrückende Männer bringen andere Erfahrungen mit und sind weniger einem traditionellen Männlichkeitsideal verpflichtet, sie werden sich zukünftig häufiger in Psychotherapie begeben. Es ist aber auch Aufgabe der Psychotherapeuten, sich mehr auf die männlichen Eigenarten einzustellen, als es in der Vergangenheit der Fall war.

Stichworte: Traditionelle Männlichkeit, Kohortenwandel, Psychotherapie

Abstract: Elderly men and psychotherapy – A story of resentment

Elderly men still rarely seek therapeutic treatment because of a traditional male identity, which is not readily compatible with therapeutic thinking. As men growing old today make different experiences and are less bound to this traditional ideal conception of masculinity, they will seek psychotherapeutic treatment more often in the future. It is a challenge for psychotherapists to adapt themselves to male characteristics better than in the past.

Key words: traditional manhood, change of cohorts, psychotherapy

Ältere Männer in der Psychotherapie – ein übersehenes Problem

Die Tatsache, dass ältere Menschen nur selten psychotherapeutisch behandelt werden, ist inzwischen hinreichend bekannt. Weniger bekannt aber ist, dass von diesen älteren Psychotherapiepatienten nur wenige männlichen Geschlechts sind. In der Berliner Kammerstudie (Görgen u. Engler 2005) betrug ihr Anteil ca. 20%, in der neueren Studie von Imai et al. (2008) sogar nur 10%. Dieser noch niedrigere Anteil erklärt sich daraus, dass hier die Inanspruchnahme in der ländlichen Region des Münsterlandes untersucht wurde und nicht in einer Metropole wie in der erstgenannten Studie. Wohlgemerkt, es handelt sich um 20 bzw. 10% der ohnehin wenigen Älteren, die sich einer psychotherapeutischen Behandlung unterziehen. In jüngeren Altersgruppen beträgt der Anteil der Männer gut 30%. Mit anderen Worten: Ältere Männer in der Psychotherapie – Fehlanzeige. Aber damit nicht genug, wenn sie eine psychotherapeutische Behandlung beginnen, ist ihre Abbruchrate höher (Bedi u. Richards 2011). Immerhin scheinen die Behandlungsergebnisse gleich gut zu sein wie bei Frauen, wenn sie denn durchhalten.

Diese Ergebnisse fügen sich ein in das Bild, das den Umgang von älteren Männern mit ihren gesundheitlichen Beeinträchtigungen zeigt. Sie gehen nicht nur viel seltener als Frauen zur Vorsorgeuntersuchung (Altgeld 2004), sondern auch bei ernsthaften Erkrankungen häufig zu spät zum Arzt. Das Hilfesuchverhalten von Männern setzt im Bedarfsfalle erst spät ein und geht oftmals in eine Richtung, in der angemessene Hilfe nicht zu erwarten ist. Dies gilt insbesondere dann, wenn eine psychische Erkrankung vorliegt. Welche Hintergründe hierfür liegen vor? Welche Folgen sind damit verbunden und wie kann das Hilfesuchverhalten älterer Männer bei Vorliegen psychischer Konflikte verbessert werden? Diesen Fragen soll nachgegangen werden.

Männer im Alter – brauchen sie überhaupt Psychotherapie?

Warum so wenige ältere Männer eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen, kann eine Frage des Bedarfs sein. Brauchen sie vielleicht keine oder zumindest seltener eine Psychotherapie als ältere Frauen; was spricht für diese These? Die empirische Forschung sieht die älteren Männer auf der Gewinnerseite – jedenfalls auf den ersten Blick –, so etwa die Berliner Altersstudie (BASE), in der die Geschlechtsunterschiede fast alle zugunsten der Männer ausfallen (Smith u. Baltes 1998): Männer weisen im Vergleich zu Frauen eine höhere Lebenszufriedenheit auf, sie äußern ein geringeres Maß an negativen Affekten, sie haben geringere Depressionswerte und erkranken seltener an einer Demenz. Sie weisen niedrigere Werte für Neurotizismus und höhere für internale Kontrolle auf, d.h. sie fühlen sich weniger äußeren Einflüssen bzw. dem Schicksal ausgeliefert. Auf den ersten Blick also scheinen Männer im Alter im Vergleich zu Frauen im Vorteil zu sein. Liegt also die Schlussfolgerung nahe, dass Männer seltener eine psychotherapeutische Behandlung brauchen, weil sie mit ihrem Leben besser zurechtkommen? Eine solche Schlussfolgerung ist aber voreilig, widerspricht sie doch der häufigen Wahrnehmung, der zufolge eher die Frauen im Alter noch einmal zu neuen Ufern aufbrechen, ja denen es gelingt, vielleicht sogar ein Stück eigenes Leben nachzuholen. Wie nun ist dieser Widerspruch zu erklären?

Die Autoren der Berliner Altersstudie sind dieser Frage nachgegangen und haben in ihrer weiteren Analyse eine Reihe von Kontextvariablen wie ehelicher Status, Bildung, Multimorbidität und funktionale körperliche Kapazität berücksichtigt. Dabei zeigte sich, dass Männer nur deshalb im Vorteil sind, weil sie über bessere körperliche und soziale Voraussetzungen für das Älterwerden verfügen: Sie leben eher in einer ehelichen Beziehung, verfügen über eine höhere Bildung und haben weniger körperliche Krankheiten und Gebrechen. Dies erleichtert den Männern im Alter, ein stabiles Niveau an Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden zu bewahren.

Was aber ist, wenn diese günstigen und stabilisierenden Rahmenbedingungen entfallen, wenn das Alter mit seinen Schattenseiten nicht mehr fernzuhalten ist und wenn Verlust, Trauer und emotionaler Schmerz nicht länger zu vermeiden sind? Wie reagieren Männer, wenn das Leben im Alter einen Riss bekommt und solche Zumutungen die männliche Abwehr durchdringen? Dann ändert sich das Bild grundlegend: Es sind eher die Männer, die »nachsterben«, wenn der Ehepartner stirbt, sie sind eher die Verlierer, wenn die Ehe im höheren Alter zerbricht. Wenn sie krank werden, sind die Krankheiten oft gravierender, sodass sie eher zum Tode führen. Außerdem steigen die Suizidraten bei älteren Männern in extremer Weise an (Peters 2004). Schließlich leben Männer immer noch ca. 5 Jahre kürzer als Frauen (Brähler u. Spangenberg 2011), was u. a. dazu führt, dass Vergleiche zwischen Frauen und Männern gleichen Alters immer problematischer werden, weil eben nur die gesünderen Männer länger leben. Manches spricht dafür, dass dann, wenn sich die Kontextbedingungen verschlechtern, die Abwehrmechanismen rasch überfordert sind und der Schutzwall, hinter dem sich die Männer bisher verbergen konnten, zusammenbricht. Dann werden ihre eigentliche Labilität, ihre Unflexibilität und ihre eingeschränkte Fähigkeit, sich auf ein reduziertes Leben einzustellen, sichtbar.

Sind Männer also nur scheinbar die Gewinner, aber in Wirklichkeit die Verlierer im Alter? Ist ihre Stärke nur eine äußere Fassade, die sie so lange wie möglich aufrechterhalten, während dahinter eine uneingestandene Schwäche lauert? Entpuppt sich im Alter endgültig das Bild vom starken Geschlecht als Mythos?

Zum männlichen Identitäts- und Rollenkonflikt im Alter

Ausgehend von der These, dass Männer auf die Zumutungen des Alters nicht gut vorbereitet sind, stellt sich die Frage, worauf dieses Anpassungsdefizit zurückzuführen ist. Warum gelingt es ihnen nur schwer, sich allmählich den Veränderungen des Alterns anzupassen, dem Alter das Unverhoffte und Überraschende zu nehmen und die zunehmenden Kontingenzerfahrungen abzufedern. In der psychoanalytischen Entwicklungstheorie wird die männliche Identitätsproblematik auf das Erleben der frühen Trennung zurückgeführt, die darauf beruht, dass der Junge in seiner frühen Entwicklung das primäre Objekt, nämlich die Mutter, partiell aufgeben muss, um sich dem eigentlichen Identifikationsobjekt, nämlich dem Vater, zuzuwenden (Pollack 1998). Auf diesen frühen Entwicklungsschritt aber sind zahlreiche männliche Eigenarten zurückzuführen, so Pollack (ebd.): Unter dem Druck zu stehen, erfolgreich, wichtig und mächtig zu sein, Ziele mit Ausdauer, Zähigkeit und Selbstbewusstsein zu verfolgen, was durch ein kraftvolles körperliches Auftreten unterstrichen wird, und dabei Konkurrenz nicht zu scheuen, auch wenn dazu ein gewisses Maß an Aggressivität erforderlich ist. Zum Männlichkeitsbild gehöre auch, Autonomie und Ichstärke an den Tag zu legen, die, so formulierte es einmal die Theologin Dorothee Sölle (2003), zu einer imperialen Deutung des Lebens führe. Pollack deutet das Autonomiebestreben der Männer als eine »defensive Autonomie«, weil ihr verborgener Sinn darin bestehe, vermeintliche Schwäche und Abhängigkeit zu vermeiden und damit verbundene Schamgefühle zu umgehen. Der hierfür zu entrichtende Preis ist allerdings groß, sie meiden Lebensbereiche, die sie mit intensiven Gefühlen konfrontieren, oder nehmen dann Zuflucht zu einem konkretistischen, realistischen und logischen Denken, das sie ohnehin in ihrer Lebensbewältigung stärker bestimmt.

Sprichwörtlich ist die Schwierigkeit von Männern, Zugang zur eigenen Gefühlswelt, wie zu der Anderer, zu finden, was Levant (1998) dazu veranlasste, von einer normativen männlichen Alexithymie zu sprechen. Er zieht damit ein Konzept heran, das aus der psychosomatischen Forschung stammt und dort die Schwierigkeit beschreibt, die eigenen Gefühle zu identifizieren, zu beschreiben und auszudrücken. Dieses Konzept, so Levant, könne generell auf Männer angewandt werden, auch wenn die Einschränkungen nicht so stark wie bei psychosomatischen Erkrankungen seien. Es beschreibe aber die oftmals anzutreffende Sprachlosigkeit, die Männer erfasse, wenn sie mit Gefühlen oder mit ihrem Körper konfrontiert seien. Diese Eigenart stelle ein normatives kulturelles Muster dar, an dem sich Männer orientieren.

Dass es sich bei dieser Feststellung nicht allein um ein Stereotyp handelt, sondern dass eine Facette der männlichen Persönlichkeit darin zum Ausdruck kommt, bestätigen empirische Studien. So fanden Collignon et al. (2010), dass Männer (im Alter zwischen 18 und 43 Jahren) im Vergleich zu Frauen weniger gut in der Lage sind, Gefühlszustände zu identifizieren, und zwar sowohl dann, wenn die zu identifizierenden Gefühle visuell als auch akustisch sowie auch auf beiden Sinneskanälen gleichzeitig dargeboten werden. Gefühlszustände sind außerdem bei Frauen leichter zu erkennen, Frauen können also Gefühle sowohl leichter wahrnehmen als auch ausdrücken. Folgende Gründe für dieses Defizit lassen sich anführen: Nicht nur Mütter, sondern auch Väter benutzen, wenn sie mit ihren Töchtern sprechen, mehr emotionsbezogene Wörter, als wenn sie mit ihren Söhnen sprechen. Der Umgang der Väter mit ihren Söhnen ist stärker aggressiv getönt, auch wenn er spielerischen Charakter hat. Jungen zeigen in ihrer Mimik schon früher weniger Gefühlsausdruck, und Müttern fällt es schwerer, Gefühlszustände im Gesicht ihrer Söhne abzulesen als bei ihren Töchtern (Dunn 1987). Die Erziehung von Jungen und Mädchen orientiert sich an kulturellen Mustern und ist auf die Aneignung gesellschaftlich geprägter Geschlechtsrollen ausgerichtet.

Im Hinblick auf das Alter kann nun folgende Schlussfolgerung gezogen werden: Ältere Männer sind in noch stärkerem Maße einer traditionellen Männlichkeitsnorm verpflichtet, die sie dazu treibt, an ihrem phallischen Männlichkeitsbild auch dann festzuhalten, wenn das Alter längst anderes von ihnen verlangt. So verstanden sich etwa in einer Befragung von Hoonaard (2007) ältere Männer, die ihre Frau verloren hatten, nicht als Witwer, sondern eher als Junggesellen, eine Umdeutung, mit der sie offenbar ihre männliche Identität zu schützen versuchten. Das Alter aber konfrontiert mit Veränderungen, die dieser Norm widersprechen und das phallische Ideal untergraben: Auseinandersetzung mit körperlichen Veränderungen, nachlassende Leistungsfähigkeit, Verlust und Trauer, Abhängigkeit und Tod. Damit aber geraten Männer im Alter in einen Rollen- und Identitätskonflikt, zu deren Lösung sie ein psychotherapeutisches Angebot aber nicht als mögliche Hilfe wahrnehmen. Vielmehr scheinen sie die Möglichkeit, sich zu öffnen, sich mitzuteilen und sich mit den schmerzlichen Gefühlen und dem verletzten Selbst auseinanderzusetzen, als zusätzliche Bedrohung wahrzunehmen. Das tradierte Männerbild stellt gewissermaßen eine Antithese zur Psychotherapie dar.

Ältere Männer und Psychotherapie – zum Abbau von Ressentiments

Ältere Männer und Psychotherapie, das scheint nicht zusammenzupassen, als handele es sich um einander fremde kulturelle Welten. Es sind eine Reihe von Ängsten, die Männer davon abhalten, in eine psychotherapeutische Behandlung zu gehen: die Angst vor Stigmatisierung, die Angst, nicht verstanden zu werden, Ängste vor einer sie befremdenden Situation, vor einer für sie ungewohnten Intimität sowie davor, gegen den eigenen Willen verändert zu werden (Wexler 2009). Von besonderer Bedeutung ist auch die Angst vor Schamgefühlen, die bei der Vorstellung entstehen können, sich auf das einzulassen, was in einer Psychotherapie gefordert ist: sich mit den eigenen Gefühlen, Schwächen und Defiziten zu befassen (Osherson u. Krugman 1990). Die Kluft ist offensichtlich so groß, dass es nur Wenigen gelingt, sie zu überwinden. Dies scheint dann zu gelingen, wenn der äußere Druck keine andere Wahl lässt oder das Gefühl auftritt, keine Alternative mehr zu haben. Die klinischen Erfahrungen zeigen, dass Männer seltener als Frauen mit einer Psychotherapie die Hoffnung verbinden, eigene Wünsche und Entwicklungsambitionen zu realisieren, sie erwarten eher Lösungen, Linderung ihrer Symptome und Wiederherstellung des Zustandes vor der Erkrankung (Wexler 2009).

Doch die Ressentiments liegen keineswegs allein aufseiten der Männer. Neuere Studien – die allerdings an jüngeren Männern durchgeführt wurden – belegen, dass auch Psychotherapeuten ihren Anteil daran haben, dass sich weniger Männer als Frauen in Psychotherapie begeben. Das dürfte bei Männern im Alter in noch stärkerem Maße zutreffen. Psychotherapeuten fiel es in der Vergangenheit oftmals schwer, sich auf die Behandlung älterer Männer einzulassen, in ihnen verdichteten sich alle Vorbehalte gegenüber Älteren. Das negative Altersbild der Unflexibilität und der verhärteten, undurchdringlichen Abwehr, wie es ja auch von Freud formuliert worden war, schien sich besonders bei älteren Männern zu bestätigen. Müssen sich also erst die älteren Männer verändern, bevor sich ihnen die Türen der psychotherapeutischen Praxen öffnen?

In der Psychotherapie arbeiten deutlich mehr Frauen als Männer und es herrschen weiblich geprägte Denk- und Verhaltensweisen vor, die Männern wenig entgegen kommen (Deering u. Gannon 2005). Herkömmliche Psychotherapie, so Bedi et al. (2011) in einer empirischen Studie, habe die männliche Gefühlswelt und den geschlechtsspezifischen Umgang mit Problemen nicht nur zu wenig berücksichtigt, sondern diesen sogar pathologisiert. Good und Robertson (2010) halten es für problematisch, dass Männer in Psychotherapien oft zu hören bekommen, was sie alles falsch machten, dass sie etwa ihre Gefühle nicht zeigen könnten oder sich deren nicht bewusst seien, dass sie zu wenig Rücksicht nähmen oder zu egoistisch seien.

Von neueren Studien geht das Signal aus, Männern den Zugang zu einer Psychotherapie zu erleichtern, indem die männlichen Eigenarten stärker berücksichtigt und respektiert werden, etwa dass Männer eine weniger tiefe therapeutische Beziehung bevorzugen, die ihnen mehr emotionale Distanz, Selbstverantwortung und Selbstständigkeit belässt (Ogrodniczuk 2006). Auch sollten die männlichen Möglichkeiten und Ressourcen stärker wahrgenommen und berücksichtigt werden, etwa die Bereitschaft, Opfer zu bringen und andere zu schützen oder deren Probleme zu lösen, die Tendenz, die Zuneigung zu anderen dadurch zum Ausdruck zu bringen, für diese etwas zu tun, die Fähigkeit, logisch zu denken und Probleme anzupacken, ebenso wie die Bereitschaft, Risiken einzugehen und Ruhe zu bewahren, auch wenn Gefahr droht. All das sollte positiv konnotiert werden, damit eine tragfähige Arbeitsbeziehung entstehen kann (Cochran u. Rabinowitz 1996).

In der Studie von Bedi und Richards (2011) erwies sich für die Entwicklung einer Arbeitsbeziehung eine zielorientierte Gesprächsführung als hilfreich, in der das Problem klar herausgestellt wird und Fragen gestellt, Vorschläge gemacht und erste Hinweise auf mögliche Lösungen des Problems gegeben werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Männer dazu neigen, eine psychotherapeutische Beziehung analog zu einer Geschäftsbeziehung zu sehen, in der zu Beginn die Parameter der Zusammenarbeit zu klären sind. Auch formale Aspekte des Rahmens wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit u.ä. waren für Männer besonders wichtig.

Es geht also nicht allein darum, dass sich ältere Männer mehr für psychotherapeutische Angebote öffnen, auch Psychotherapeuten sind aufgefordert, sich mehr auf die männlichen Lebenswelten einzulassen und sie vor narzisstischen Kränkungen zu schützen. In der Psychotherapie müssen Männer allmählich lernen, Ohnmacht lebbar, Schwäche eingestehbar, das Peinliche hoffähig, Niederlagen sprach- und diskursfähig und Scham und Angst artikulierbar zu machen, ohne dass sie ihre bisher gelebte Männlichkeit aufgeben müssen bzw. ohne dass diese entwertet wird. Im Zuge eines sich entwickelnden therapeutischen Prozesses steht der Therapeut vor der Aufgabe, die inneren Konflikte des älteren Mannes zu verstehen, seinen Umgang damit auch dann therapeutisch zu handhaben, wenn Externalisierung und Acting-out im Vordergrund stehen. Dabei wird der Patient auch immer wieder versuchen, eigene Schamgefühle in den Therapeuten zu verlagern, was diesem einen reflektierten Umgang mit seiner Gegenübertragung abverlangt. Die im Laufe eines solchen Prozesses einsetzende Regression kann zu einer Feminisierung der Übertragung führen, d.h. zur Entwicklung des Wunsches, Geborgenheit und Fürsorge zu erfahren. Der ungestillte »Objekthunger« des Mannes kann sich vielleicht dann erstmals zeigen (Osherson u. Krugman 1990).

Ein Erstgespräch – In Treatment

In der Therapieserie In Treatment[2] kommt der etwa 70-jährige Unternehmer Walter zum Erstgespräch. Er wurde von seiner Frau wegen andauernder Schlafstörungen zur Therapie geschickt, d.h. er bietet ein ich-fernes Problem an mit der Hoffnung auf eine konkrete Lösung. Bereits in der Eingangsszene wird ein grundlegendes Thema angedeutet, indem er den männlichen Therapeuten mit dem Satz begrüßt: »Den Fahrstuhl habe ich doch nicht übersehen?« Damit wird das Statusgefälle thematisiert, praktiziert doch der Therapeut offenbar in einem Haus, in dem es keinen Fahrstuhl gibt. Indem Walter dies ausspricht, begibt er sich dem Therapeuten gegenüber sogleich in eine aktive, überlegene Position. Es hatte ihm aber vor allem Mühe bereitet, die Treppen hoch zu steigen, da er sich in seiner Leistungsfähigkeit geschwächt fühlte.

Walter versucht weiterhin, das Heft in der Hand zu behalten. Er legt seinen Mantel sorgfältig ab, richtet das Kissen in dem Sessel, in dem er Platz nehmen soll, legt das Handy auf den Tisch daneben, als ob er sich einrichtet und den fremden Ort in Besitz nimmt. Schließlich eröffnet er selbst das Gespräch, indem er sagt: »Wir sollten jetzt anfangen.« Die Angst, nicht zu wissen, was auf ihn zukommt, und die Scham, geschickt worden zu sein, aber auch darüber, etwas in seinem Leben nicht mehr unter Kontrolle zu haben, werden durch eine aktive Beziehungsgestaltung abgewehrt. Immer wieder gerät der Therapeut in eine defensive Position und wird beschämt, doch diese Gegenübertragung scheint er sorgfältig zu registrieren, ohne sich damit zu identifizieren. Als beide Platz genommen haben und Ruhe in die Situation einkehrt, wird die Unsicherheit Walters spürbarer: Immer wieder legt er sein Handy, die Verbindung zur Außenwelt, noch einmal zurecht und schaut unruhig auf seine Uhr. Einem anderen Mann gegenüberzusitzen ist für ihn eine ungewohnte, Konkurrenzgefühle weckende Position. Unterstützende und verbindende Männerbeziehungen, angefangen bei der Beziehung zum Vater, sind eher durch die Position des Nebeneinanders und des Ausgerichtetseins auf etwas Drittes gekennzeichnet. Walter versucht, seine Unsicherheit durch aktives Handeln zu bewältigen, in dem er das Gespräch immer wieder zu lenken sucht und dem Therapeuten zu verstehen gibt, er solle ihm sagen, was mit ihm los sei. »Ich habe ein dickes Fell«, sagt Walter, als gehe es um ein Duell, dem er sich tapfer zu stellen bereit ist, wenn es Opfer erfordert. Immer wieder präsentiert er sein narzisstisches und leistungsorientiertes Selbstbild und stellt sich als mutiger Mann dar, der jederzeit bereit ist, die Dinge in die Hand zu nehmen. Bald entwickelt sich folgender Dialog:

W.: Haben Sie mal das Buch Blink von Malcom Gladwell gelesen? Seine These lautet im Grunde, dass ein Experte in der Sekunde eines Blinzelns erkennen kann, was los ist. Ist ein Gemälde echt oder eine Fälschung, ist der Krieg gewonnen oder verloren?

Th.: Gut, ich kenne das Buch, aber bedenken Sie, dass die Art von Therapie, die ich praktiziere, keine Schnellreparatur ist. Es ist ein Prozess, und letztendlich kann eine Veränderung eintreten, aber das erfordert Zeit.

W.: Und ich muss ihnen sagen, dass ich nicht viel Zeit habe. Überhaupt hier ihnen gegenüberzusitzen und über meine Gefühle zu reden, kostet mich Geld, kostet meine Firma Geld und meinen Angestellten. Ich möchte ihnen damit sagen, Sie müssen mich nicht mit Samthandschuhen anfassen. Sie haben viel Erfahrung, setzen Sie die ein. Sagen Sie mir, was mein Problem ist und was ich tun muss. Falls es mehr kostet für intensivere Sitzungen, geht das in Ordnung.

Th.: Walter, die Therapie eines jeden Patienten ist anderes …

W.: Ja, ja, wir alle sind einzigartige Schneeflocken. Aber dennoch, sie wissen, was ich meine.

Th.: Ja, ich glaube, sie wollen sagen, dass dies für Sie keine zwanglose Angelegenheit ist. Dass durchaus viel auf dem Spiel steht und dass, bevor Sie Zeit hierin investieren, Sie sicher gehen wollen, dass ich ihnen tatsächlich helfen kann.

Bei Walter werden Verhaltensweisen sichtbar, die bei vielen älteren Männern, wenn auch vielleicht nicht immer in so prägnanter Form, von Bedeutung sind: Sie werden geschickt und bringen zunächst ein möglichst ich-fernes Problem ein, wie hier Schlafstörungen. Schamgefühle werden durch eine aktive Haltung abgewehrt. Sie versuchen, die Kontrolle über die Situation in der Hand zu behalten, und erwarten Antworten und konkrete Lösungen. In diesem ersten Gesprächsteil wird die Situation ausgehandelt, es geht um die Frage, was eine Therapie ist, wie man dort spricht und was man erwarten kann. Es geht aber auch um Angst und Scham und den Wunsch, in seinem Selbst erkannt und respektiert zu werden. Der Therapeut wiederum lässt sich geduldig darauf ein, er erklärt das Vorgehen, erläutert, was Therapie ist und was man von ihr erwarten kann, er spricht aber auch auf behutsame Art und Weise die Angst des Patienten an, wenn er darauf hinweist, dass etwas für ihn auf dem Spiel steht. Dies kann als eine assoziationsreiche Deutung verstanden werden, die einen inneren Raum öffnen, einen Spannungsbogen freilegen und die Angst in Neugier verwandeln kann. Dieses Vorgehen des Therapeuten ist verbunden mit einer selbstwertschützenden Haltung, wenn er etwa respektierend zum Ausdruck bringt, dass Walter eine hohe Verantwortung für seine Mitarbeiter trage. Er bietet eine Form von Beziehung an, die für Walter neu ist, indem er darauf hinweist, man könne gemeinsam danach suchen, welche Unruhe den Schlafstörungen zugrunde liege. Er verbündet sich mit den gesunden Ich-Anteilen des Patienten, um mit diesen eine selbstreflexive Haltung zu entwickeln und das zugrunde liegende Problem zu untersuchen. Dass dies gelingt, zeigt sich im weiteren Verlauf des Gesprächs: Er sorgt sich um seine Tochter, rasch wird deutlich, dass mit der Tochter der emotionale Kern des Problems verknüpft ist.

Männliche Identitäten im Wandel – Männer auf dem Weg in ein anderes Alter

Das bisherige Bild von Männern im Alter ist durch Kohorten geprägt, die einem traditionellen Männlichkeitsideal verpflichtet sind und etwas von dem verkörpern, was Klaus Theweleit (1986) in seinen Buch Männerphantasien beschrieben hatte. Theweleit hatte die Freikorps, die nach dem ersten Weltkrieg ihr Unwesen trieben, untersucht, und dabei eine Männerwelt ausgemacht, die eine erschreckende Härte und Gewaltbereitschaft an den Tag legte. Deren Ursprung sah Theweleit in einer panischen Angst vor allem Weiblichen, Weichen, Flutenden, Verschmelzenden, das deshalb geringschätzig betrachtet und entwertet werde. Man könnte den Charakterpanzer dieser Männer auch als »Metall-Ich« (Dornes 2010) beschreiben, das zu einem Umgang mit sich und anderen führt, der durch Unnachgiebigkeit, Voreingenommenheit und Kälte gekennzeichnet ist. Dass diese Studie, die sich ja mit einem vermeintlich eher historisch relevanten Thema befasste, in der intellektuellen Öffentlichkeit der 1980er Jahre eine erhebliche Aufmerksamkeit erfuhr, ist auf die in dieser Zeit aufkeimende Männerdebatte zurückzuführen, die das traditionelle Männlichkeitsbild infrage stellte. Horst-Eberhard Richter (2006), aber nicht nur er, hatte eine Krise der Männlichkeit postuliert. Vielerorts schlossen sich Männer zu Selbsthilfegruppen zusammen, um sich auf die Suche nach einem neuen Männerbild zu machen. In dieser Situation soziokulturellen Wandels fiel das Buch von Theweleit auf fruchtbaren Boden, es lenkte gewissermaßen den kritischen Blick auf eine Form von Männlichkeit, die so viel Leid über das ausgehende Jahrhundert gebracht hatte. Es handelte auch von dem historischen Versagen der Vätergeneration, das zum zentralen Impuls für das Aufbegehren der Söhne in der 1968er Revolte wurde, und schließlich zu einem Infragestellen traditioneller Formen von Männlichkeit führte. Diese Revolte ist vermutlich vor dem Hintergrund des Fehlens geeigneter Identifikationsmöglichkeiten innerhalb der Familien wirklich zu verstehen, waren doch die Väter entweder im Krieg gefallen, infolge der Kriegsgefangenschaft lange abwesend oder kamen geschlagen und gedemütigt aus dem Krieg zurück. Die daraus folgenden Entwicklungsdefizite, insbesondere bei den Söhnen, wirken sich, wie wir heute wissen, bis ins Alter aus (Radebold 2006, Franz 2011).

Das traditionelle Männlichkeitsbild aber war durch diese historischen Umstände längst in seiner Gültigkeit unterhöhlt, als es von der Generation der Söhne, die jetzt an der Schwelle zum Alter stehen, auf den kritischen Prüfstand gestellt wurde. Das Versagen der Vätergeneration hat zur Erosion des tradierten Männerbildes beigetragen, in dessen Folge sich nicht nur ein anderes Männerbild und eine veränderte männliche Identität entwickeln konnte, sondern sich die nachfolgende Männergeneration auch auf einen anderen Weg ins Alter machte. Wenn es Männern gelingt, wie es Richter (2006) forderte, eine größere psychologische Weiblichkeit zu entwickeln, dann werden sie sich auch leichter auf einen allmählichen Prozess des Älterwerdens einlassen können, um zu verhindern, dass der Einbruch des Alters als Trauma erlebt wird. Dass das Alter eine solche allmähliche Anpassung, ja Weiterentwicklung ermöglichen kann, deuten Befunde an, die eine Umkehr des Geschlechterverhältnisses bei den über 80-Jährigen zeigen: Jetzt sind es nicht mehr die Frauen, sondern die Männer, die häufiger Vorsorge- und Rehabilitationsmaßnahmen in Anspruch nehmen (Saß et al. 2009).

Bei psychotherapeutischen Behandlungen ist eine solche Umkehrung allerdings nicht zu beobachten, hier ist die Kluft zu groß. Dennoch deutet sich an, dass diejenigen Männer ein höheres Lebensalter erreichen, denen es gelingt, sich auf die von C.G. Jung postulierte und gelegentlich empirisch bestätigte Androgynität des Alters einzulassen, d.h. diejenigen Anteile ihres Selbst besser zu integrieren, die auch Richter im Blick hatte, als er von der psychologischen Weiblichkeit sprach. Es geht darum, jene mehr emotionalen Teile des Selbst besser zu integrieren, die etwa Walter in der Therapieserie im Sinne einer projektiven Identifikation in seiner Tochter untergebracht hatte. Dies würde Männern erlauben, auch mit den Schattenseiten des Alters umgehen zu lernen (Peters 2004). Männer befinden sich mittlerweile auf dem Weg, einen flexibleren Umgang mit dem Alter zu entwickeln und diesen Lebensabschnitt individueller zu gestalten (Hinze 2011). Auf diesem auch steinigen Weg werden sie zukünftig eher die Bereitschaft entwickeln, bei auftretenden Konflikten, Belastungen und Problemen eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen, auch wenn es sich hierbei vorerst um eine hochselektive Gruppe handelt, so wird diese Gruppe doch zukünftig anwachsen.

 

Literatur

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Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. phil. Meinolf Peters
Institut für Alternspsychotherapie und Angewandte Gerontologie
Schwanallee 48a
35037 Marburg
E-Mail: info@alternspsychotherapie.de

 


[1]Quelle: Meinolf Peters: »Ältere Männer und Psychotherapie. Von der Geschichte eines Ressentiments«. Zuerst erschienen in: Meinolf Peters & Henning Wormstall (Hg.): Männer. Psychotherapie im Alter Nr. 33, 9(1) 2012, S. 9-21. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Psychosozial-Verlags und des Autors.

[2] Die amerikanische Therapieserie, von Schauspielern gespielt, lief in zwei Staffeln auf 3SAT.