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Psychotherapie  • Rosa Beilage 3/2012  • Psychotherapie BV

Arzneimittelreport der Barmer GEK belegt geschlechtsspezifisches Verordnen von Psychopharmaka

01. August 2012
 

(ab). Frauen bekommen etwa zwei- bis dreimal mehr Psychopharmaka als Männer. Männer hingegen erhalten im Schnitt mehr Medikamente zur Behandlung körperlicher Erkrankungen, vor allem bei Herz-Kreislauf-Krankheiten. Dies ist eine der zentralen Aussagen des Arzneimittelreports 2012, den die Barmer GEK im Juni vorgestellt hat. Warum Medikamente geschlechtsspezifisch verordnet werden, soll eine weitere Studie klären.

Laut Barmer GEK Arztreport wird bei mehr als doppelt so vielen Frauen eine „Depressive Episode“ diagnostiziert als bei Männern. Dieses Ergebnis spiegelt sich in der Verschreibungspraxis wider.

Angenommen wird, dass Frauen eine höhere Sensibilität und Emotionalität gegenüber Krankheiten haben, die (in Verbindung mit einer niedrigeren Schwelle, Hilfe zu suchen) zu einer vermehrten Inanspruchnahme des Arztes führen. Dieser wisse bei bestimmten Belastungssymptomen keinen anderen Rat, als psychotrop wirkende Mittel zu verordnen. Des Weiteren hätten Frauen traditionell andere Bewältigungsstrategien als Männer: Stress, Angst und Alltagsprobleme werden von Frauen eher mit Medikamenten, von Männern eher mit Alkohol „heruntergeschluckt“. Alles nur Rollenklischees? Die Barmer GEK will dies genauer untersuchen und im nächsten Arzneimittelreport Ergebnisse vorlegen.

Frauen bekommen auch insgesamt mehr Arzneimittel verordnet als Männer, so der Bericht weiter: Auf 100 Frauen entfallen 937 Verordnungen, auf 100 Männer 763. Interessant dabei: Frauen bekommen mehr Arzneimittel verordnet, diese sind aber im Schnitt preisgünstiger als die Mittel für Männer. Eine Verordnung für Männer verursachte durchschnittliche Ausgaben von 54 Euro, eine Verordnung für Frauen 48 Euro. Insgesamt gab die Kasse im vergangenen Jahr 3,9 Milliarden Euro für Arzneimittel aus. Dabei machen neue Spezialpräparate gegen Rheuma, Multiple Sklerose und Krebs 32 Prozent der Kosten aus.

Während die Autoren des Arzneimittelreports noch rätseln, wie es zu dem geschlechtsspezifischen Verordnungsverhalten der Ärzte kommt, ist für die Psychiater der Fall klar: Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) sowie der Berufsverband für Nervenärzte (BVDN) und der Berufsverband für Psychiater (BVDP) erklären, dass bei Frauen Depressionen und Angststörungen weit häufiger seien als bei Männern, und die Bereitschaft von Frauen, sich mit psychischen Störungen in ärztliche Behandlung zu begeben, sei höher. Bei Männern seien demgegenüber Missbrauch und Abhängigkeit von Alkohol bis zu fünfmal häufiger als bei Frauen.

Psychopharmakotherapie sei ein wichtiger und integraler Bestandteil der Behandlung psychischer Störungen. Es gebe keinerlei Hinweise – auch nicht im aktuellen Barmer GEK Arzneimittelreport – dass eine Überversorgung der Bevölkerung mit Psychopharmaka vorliege. Unter den 20 am häufigsten verordneten Arzneimitteln, die der Report auflistet, finde sich kein einziges Psychopharmakon.

Weitere Informationen:

Der Barmer GEK Arzneimittelreport umfasst 223 Seiten und ist im Internet auf www.barmer-gek.de einsehbar. Er wurde von Gerd Glaeske und Christel Schicktanz vom Zentrum für Sozialpolitik (ZwS), Abteilung für Gesundheitsökonomie, Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung, der Universität Bremen erstellt.