Arzneiverordnungs-Report 2011 [1]
Ulrich Schwabe, Dieter Paffrath (Hrsg.)
typo3/#_ftn1Bereits zum 27. Mal ist nun der Arzneiverordnungs-Report[2] erschienen, der jeweils die Verordnungen des Vorjahres innerhalb der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) analysiert und bewertet. Auf über 1.100 Seiten und unter Mitarbeit von 24 AutorInnen wurden neben allgemeinen Übersichten zur Marktentwicklung wie in den Vorjahren auch 40 verordnungsrelevante Indikationsgruppen besprochen.
Für das Jahr 2010 wurden insgesamt 626 Millionen Verordnungen von Fertigarzneimitteln berücksichtigt. Mit Ausgaben im Fertigarzneimittelbereich von 29,7 Milliarden Euro (Vorjahr: 28,5 Mrd. Euro) setzte sich der seit Langem bestehende Anstieg – wenn auch auf einem etwas geringeren Niveau als in den Vorjahren – weiterhin fort. In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Fertigarzneimittelumsatz übrigens mehr als verdoppelt (1991: 15,8 Mrd. Euro), während die Anzahl an Verordnungen deutlich zurückging (1991: 1.015 Mio.). Diese Entwicklung kommt vor allem durch die Verordnungen hochpreisiger patentgeschützter Präparate zustande, die mittlerweile 14,2 Milliarden Euro und damit 48 % des Fertigarzneimittelumsatzes ausmachen, während auf sie lediglich 11,5 % der Verordnungen entfallen (72 Mio.).
Solche patentgeschützten Mittel dominieren letztlich die Ausgaben: Wie 2009 waren auch 2010 die unter anderem bei rheumatoider Arthritis eingesetzten TNF- Antagonisten Humira (Wirkstoff: Adalimumab; 493,1 Mio. Euro) und Enbrel (Wirkstoff: Etanercept; 406,8 Mio. Euro) die umsatzstärksten Mittel. Beide verzeichneten zudem erneut deutliche Umsatzzuwächse gegenüber dem Vorjahr (+16,9 % bzw. +12,9 %). Nach der Anzahl der Verordnungen liegen diese Präparate übrigens nur auf den Plätzen 1.126 und 1.110, die durchschnittlichen Tagestherapiekosten von 64,19 Euro bzw. 61,27 Euro machen sie aber zu „Blockbustern“.
Unter den 20 umsatzstärksten Präparaten befinden sich mit Rebif und Avonex (Interferon beta-1a), Copaxone (Glatirameracetat) und Betaferon (Interferon beta-1b) weiterhin vier Mittel zur Behandlung der Multiplen Sklerose, die pro Tagestherapie zwischen 53,62 Euro und 78 Euro kosten. Überraschend ist der Umsatzanstieg von stolzen 48,9 % beim Analgetikum Targin, einer mit Tagestherapiekosten von 11,50 Euro vergleichsweise kostenintensiven Fixkombination aus dem Betäubungsmittel Oxycodon und Naloxon ohne belegten Zusatznutzen gegenüber reinen Oxycodon-Präparaten. Dieses vergleichsweise teure Produkt steht mittlerweile auf Rang 27 nach Ausgaben (122,8 Mio. Euro).
Betrachtet man hingegen die führenden Arzneimittel nach Verordnungen im Jahr 2010, finden sich auf den vorderen Plätzen gewohnt generikafähige und preisgünstige Präparate. Wie in den Jahren zuvor blieb L-Thyroxin Henning das am häufigsten verordnete Präparat (7,2 Mio. Packungen; +12,9 %; Umsatz: 105 Mio. Euro). Insgesamt machen generikafähige Wirkstoffe aber mittlerweile „nur“ noch einen Umsatz von 13,7 Milliarden Euro aus und dies, obwohl der Großteil der Verordnungen (nämlich 517 Mio.) auf solche Mittel entfällt.
Dies weist noch einmal auf die immense Belastung des Gesundheitssystems durch teure patentgeschützte Präparate hin, für die die Hersteller ihre Preise (noch) uneingeschränkt festlegen konnten. Dies soll sich allerdings nun mit der Kosten-Nutzen-Bewertung im Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) ändern. Umstrittene Arzneimittel, noch vor 15 Jahren ein erheblicher Kostenblock, schlagen mittlerweile nur noch mit 755 Millionen Euro zu Buche.
So wertvoll die präsentierten Daten zum Arzneimittelverbrauch auch sind, so gebetsmühlenartig werden in den vergangenen Jahren scheinbar immer größer werdende Einsparpotenziale pressewirksam verpackt. Diesmal waren es 12,1 Milliarden Euro, also 41 % der Fertigarzneimittelausgaben. Diese ließen sich dann einsparen, wenn einerseits neue, aber therapeutisch nicht bessere Analogpräparate und Generika von günstigen hierzulande verfügbaren Mitteln ersetzt würden und wenn weiterhin britische Arzneimittelpreise als Basis verwendet würden. In der Pressemappe werden von der genannten Einsparsumme noch 2,7 Milliarden Euro für gesetzliche Abschläge und 1,3 Milliarden Euro aus Rabattverträgen abgezogen, wodurch das „reale Einsparpotenzial“ mit 8,1 Milliarden Euro angegeben wird. Rechnerisch real vielleicht, realistisch keinesfalls. Die Summe wird interessanterweise auch an keiner Stelle im Report genannt. Außerdem wurden zu den vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) zur Pressekonferenz bereitgestellten Materialien weitere Lobpreisungen der AOK-Rabattverträge beigefügt, die in dieser Deutlichkeit auch nicht Thema des Buches waren.
Das alles spricht nicht gerade für eine wissenschaftlich unabhängige Darstellung des GKV-Arzneimittelmarktes! Insgesamt erscheinen uns sowohl die 12,1 Milliarden Euro wie auch die 8,1 Milliarden Euro als Einsparungen weder real noch ist es nützlich, diese zu kommunizieren. Benzin kostet in anderen Ländern auch weniger, nur kann ich als deutscher Autofahrer davon kaum profitieren. 2009 wurden noch schwedische anstatt britische Preise herangezogen, man darf gespannt sein, welche internationalen Märkte im kommenden Jahr zur Berechnung von Einsparpotenzialen herangezogen werden.
Dass in Deutschland besonders die teuren patentgeschützten Arzneimittel im Vergleich zum europäischen Ausland wesentlich höhere Preise aufweisen, kann zwar nicht oft genug hervorgehoben werden, allerdings sind daraus berechnete „reale Einsparpotenziale“ für unser Gesundheitssystem unbrauchbar. Dies gilt mittlerweile auch für jegliche Einsparungen im Generikabereich und zum Teil auch im Analogpräparatebereich, da bestimmte Präparate aufgrund bestehender Rabattverträge abgegeben werden müssen. Diese gelten damit per Gesetz als wirtschaftlich und eine Substitution ist in der Praxis kaum möglich. Ein wirklich „reales“ Einsparpotenzial für die Kassen (und damit nicht nur für die Presse) hätte lediglich in der Apotheke zum Zeitpunkt der Rezepteinlösung durch Abgabe eines vergleichbaren Präparates erreicht werden können und dies wird ja gerade durch die Rabattverträge verhindert. Zudem sind die Rabattkonditionen und damit die tatsächlichen Ausgaben der Kasse nach wie vor unbekannt und werden gerne – unter Vernachlässigung aller Transaktionskosten bei der Ausschreibung und Umsetzung der Verträge – „schön“ gerechnet.
Insgesamt bleibt der Arzneiverordnungs-Report nach wie vor ein unverzichtbares Nachschlagewerk für jeden, der Informationen rund um den Arzneimittelverbrauch in der GKV und eine kritische Würdigung des Verordnungsverhaltens sucht. Viele andere Aspekte, insbesondere die Berechnung von Einsparpotenzialen (weder mit nationalen noch unter Hinzuziehung internationaler Preise), erscheinen dagegen nicht mehr zeitgemäß. Leider verliert der Report durch die unrealistisch hohen und pressewirksam herausgestellten Einsparsummen an Seriosität. Stattdessen könnten mit dem mittlerweile immer umfangreicheren Datenschatz aller Kassen Themen wie Versorgungsqualität, regionale Differenzen und Unterschiede zwischen den Geschlechtern, Altersgruppen oder der Facharztzugehörigkeit deutlich mehr in den Fokus des Interesses gerückt werden.
Bleibt also zu hoffen, dass die Autoren die Nennung von astronomischen und artifiziellen Einsparpotenzialen in zukünftigen Ausgaben selbst einmal zugunsten nützlicherer Botschaften einsparen. Der evidenzbasierte Anspruch des Reports sollte nicht durch derartig vordergründige und konstruierte Aussagen konterkariert werden. Solche Darstellungen sollten das „Privileg“ pharmazeutischer Firmen bleiben!
Dr. Falk Hofmann,
Dr. Roland Windt,
Prof. Dr. Gerd Glaeske,
Zentrum für Sozialpolitik (ZeS)
der Universität Bremen
[1]Quelle: Dr. med. Mabuse, Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe, Nr. 194, November/Dezember 2011, Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.
[2] Arzneiverordnungs-Report 2011 zu bestellen bei Springer, Heidelberg 2011, 1121 Seiten, 49,95 Euro.