Beitrag wird revidiert Robert-Koch-Institut räumt Fehler bei der Interpretation der Daten zu Gewalterfahrungen von Männern und Frauen ein
Sehr geehrte Vertreterinnen des Netzwerks Frauen und Gesundheit,
sehr geehrte Frau Dr. Brzank,
vielen Dank für die Zusendung der Stellungnahme des Netzwerks Frauen und Gesundheit zu unserem Beitrag „Körperliche und psychische Gewalterfahrungen in der deutschen Erwachsenenbevölkerung – Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1)“ im Bundesgesundheitsblatt 5/6 2013. Ihre Stellungnahme macht uns deutlich, dass wir in diesem Beitrag nicht ausreichend gendersensibel vorgegangen sind.
Wir bedauern sehr, dass unsere Interpretation der ersten, deskriptiven Ergebnisse der Studiendaten zum Thema Gewalterfahrungen missverständlich war. Es ist auch in unserem Interesse, die mit unseren Daten möglichen Aussagen und ihre Limitationen eindeutig zu beschreiben und daraus entstandene Fehlinterpretationen zu korrigieren. Wir würden uns daher freuen, mit Ihnen und anderen auf diesem Gebiet arbeitenden Forscherinnen und Forschern in einen wissenschaftlichen Austausch zu dieser Thematik einzutreten und gemeinsam an vertieften Auswertungen dieser Daten zu arbeiten.
Da Gewalt als Risikofaktor für eine Vielzahl von körperlichen und psychischen, zum Teil langanhaltenden Gesundheitsstörungen anzusehen ist, war unsere Absicht, im Rahmen der bevölkerungsbezogenen, bundesweiten DEGS-Studie, dieses Thema unter dem Blickwinkel von Täter- und Opfererfahrung in verschiedenen Sozialräumen näher zu betrachten und Aussagen über das Belastungs- und Unrechtserleben in der erwachsenen Bevölkerung zu erhalten. Die mit dem von uns eingesetzten Screeninginstrument erhobenen Daten können mit einer Vielzahl von körperlichen und psychischen Gesundheitsparametern sowie mit Informationen zur Lebenslage in Beziehung gesetzt werden. Weitergehende Analysen sind erforderlich um einschätzen zu können, in wieweit mit Hilfe dieses Instruments Aussagen zum Zusammenhang von Gewalterfahrungen und gesundheitlichen Auswirkungen möglich sind.
Die Grenzen, die unsere Daten bezüglich Ihrer Aussagekraft haben, haben wir in dem Artikel angesprochen, aber nicht ausreichend deutlich gemacht. Wir erheben mit der Publikation nicht den Anspruch, ein vollständiges Abbild von Gewaltereignissen (also von körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt einschließlich der Aspekte von Macht und Kontrolle) in der deutschen Erwachsenenbevölkerung vorlegen zu können. Dabei sehen wir die Einschränkungen unter anderem darin, dass aus Kapazitätsgründen keines der etablierten Befragungsinstrumente in den Fragebogen integriert wurde. Dies hatte zur Folge, dass Aussagen zu sexueller und sozial-relationaler Gewalt, zur Schwere und Dynamik des Gewaltgeschehens, zum Kontextgeschehen, zu Folgen von Gewalt und Gewalterfahrungen im höheren Lebensalter nicht erhoben werden konnten.
Nicht zuletzt die Medienberichterstattung zu dem Thema zeigt, dass dieses eine große gesellschaftliche Relevanz hat. Die von uns genannten Limitationen der Analysen wurden aber nicht entsprechend berücksichtigt, was wir durch unsere Darstellung mit zu verantworten haben. Es lag in keiner Weise in unserer Absicht, mit unserem Beitrag Gewalterfahrungen von Frauen zu banalisieren oder Männer einseitig als Gewaltopfer darzustellen.
Da wir sehr an einer vertieften Auswertung der von uns erhobenen Daten zu Gewalterfahrungen interessiert sind und dazu beitragen möchten, dass ein differenziertes und unverzerrtes Bild zum Gewalterleben erstellt wird, schlagen wir vor, in Zusammenarbeit mit Ihnen und den auf diesem Gebiet arbeitenden Forscherinnen und Forschern einen revidierten Beitrag zu erarbeiten. Wir würden uns freuen, wenn wir uns hier auf eine gemeinsame Vorgehensweise verständigen könnten und Sie uns dabei unterstützen würden, dieses wichtige Thema im Weiteren angemessen wissenschaftlich zu bearbeiten.
Mit freundlichen Grüßen
im Auftrag
Dr. Cornelia Lange
Leiterin des Fachgebiets
Gesundheitsbefragungen und Europäische Zusammenarbeit
Anm.: Dr. Petra Brzank ist Mitglied im Nationalen Netzwerk Frauen und Gesundheit und arbeitet an der Hochschule Fulda, Fachbereich Pflege und Gesundheit.