Bericht der Landesgruppe Baden Württemberg (VPP 2/2004)
Die Begrüßung und die Vorstellung des Hauses übernahm Wolfgang Haag, ein Kollege aus der Suchtberatung der Evangelischen Gesellschaft.
1. Fortbildungsveranstaltung: Alkoholabhängigkeit nach ICD-10.
Zunächst stellte ich die Einbettung der Abhängigkeitserkrankungen in das Diagnostische Manual vor. Schon da gilt es aufzumerken: Wo ist der Missbrauch im ICD-10 geblieben und was gibt es beim schädlichen Gebrauch einer Substanz zu beachten? Wichtig war der Austausch über das jeweilig eigene Vorgehen mit den entsprechenden Erfahrungen (z.B. "schädlicher Gebrauch" kommt bei mir als isolierte Diagnose nicht vor, da im Vorfeld davon bereits die Kriterien für Abhängigkeit erfüllt werden).
Auch mit den Kriterien für die Abhängigkeitserkrankung selbst ist es nicht so einfach. Diese liegen in verschiedenen Ausführungen vor, die alle aktuell sind. Ich selbst verwende 8 Kriterien, so wie ich sie im EBIS-Handbuch vorfinde. Mit dem EBIS-Dokumentationssystem führen wir unsere Statistik in der Suchtberatung, von daher bin ich in der Arbeit an diese Kriterien gebunden.
Aber zunächst die Kriterien im Vergleich, ergänzt durch die amerikanische Diagnostik DSM-IV.
Vergleich der diagnostischen Kriterien für Abhängigkeitserkrankungen in verschiedenen Systemen, nach Themen geordnet
| ICD-10 F 102 / 8 Kriterien | ICD-10 F 102/ 6 Kriterien | ICD 10 F102 / Forschungskriterien | DSM IV |
| Zeitliche Bedingungen: Irgendwann während des letzten Jahres sind drei oder mehr Kriterien vorhanden | Drei oder mehr Kriterien gleichzeitig während des letzten Jahres | drei oder mehr Kriterien zusammen mindestens einen Monat lang bzw. innerhalb von 12 Monaten wiederholt | drei Kriterien zu irgendeinem Zeitraum in demselben 12-Monats-Zeitraum |
| Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, Substanzen oder Alkohol zu konsumieren. | Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang.... | Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang.... | |
| Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Substanz- oder Alkoholkonsums. | Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums | Verminderte Kontrolle über den Substanzgebrauch, d.h. über Beginn, Beendigung oder die Menge des Konsums, deutlich daran, dass mehr von der Substanz konsumiert wird oder über einen längeren Zeitraum als geplant, und an erfolglosen Versuchen oder dem anhaltenden Wunsch, den Substanzkonsum zu verringern oder zu kontrollieren. | Die Substanz wird häufig in größeren Mengen oder länger als beabsichtigt eingenommen. |
| Substanzgebrauch mit dem Ziel, Entzugssymptome zu mildern und der entsprechenden positiven Erfahrung | s.u. | ||
| Ein körperliches Entzugssyndrom . | Ein körperliches Entzugssyndrom (siehe F1x.3 und F1x.4) bei Beendigung oder Reduktion des Konsums, nachgewiesen durch die substanzspezifischen Entzugssymptome oder durch die Aufnahme der gleichen oder einer nahe verwandten Substanz, um Entzugssymptome zu mildern oder zu vermeiden. | Ein körperliches Entzugssyndrom (siehe F1x.3 und F1x.4), wenn die Substanz reduziert oder abgesetzt wird, mit den für die Substanz typischen Entzugssymptomen oder auch nachweisbar durch den Gebrauch derselben oder einer sehr ähnlichen Substanz, um Entzugssymptome zu mildern oder zu vermeiden | Entzugssymptome, die sich durch eines der folgenden Kriterien äußern: (a) charakteristisches Entzugssyndrom der jeweiligen Substanz (b) dieselbe (oder eine sehr ähnliche Substanz) wird eingenommen, um Entzugssymptome zu lindern oder zu vermeiden. |
| Nachweis einer Toleranz. Um die ursprünglich durch niedrigere Dosen erreichten Wirkungen der Substanz hervorzurufen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich (eindeutige Beispiele hierfür sind die Tagesdosen von Alkoholikern und Opiatabhängigen, die Konsumenten ohne Toleranzentwicklung schwer beeinträchtigen würden oder sogar zum Tode führten). | s. links | Toleranzentwicklung gegenüber den Substanzeffekten. Für eine Intoxikation oder um den gewünschten Effekt zu erreichen, müssen größere Mengen der Substanz konsumiert werden, oder es treten beim Konsum derselben Menge deutlich geringere Effekte auf. | Toleranzentwicklung, definiert durch eines der folgenden Kriterien: (a) Verlangen nach ausgeprägter Dosissteigerung, um einen Intoxikationszustand oder erwünschten Effekt herbeizuführen. (b) deutlich verminderte Wirkung bei fortgesetzter Einnahme derselben Dosis |
| Ein eingeengtes Verhaltensmuster im Umgang mit Alkohol, wie z.B. die Tendenz, Alkohol an Werktagen wie an Wochenenden zu trinken und die Regeln eines gesellschaftlich üblichen Trinkverhaltens außer acht zu lassen. | (Ein eingeengtes Verhaltensmuster wird ergänzend nach der Aufzählung der Kriterien erwähnt. ) | Einengung auf den Substanzgebrauch, deutlich an der Aufgabe oder Vernachlässigung anderer wichtiger Vergnügen oder Interessensbereiche wegen des Substanzgebrauches; oder es wird viel Zeit darauf verwandt, die Substanz zu bekommen, zu konsumieren oder sich davon zu erholen. | Anhaltender Wunsch oder erfolglose Versuche, den Substanzgebrauch zu verringern oder zu kontrollieren. Es wird viel Zeit für Aktivitäten verwendet, um die Substanz zu beschaffen (z.B. mehrere Ärzte aufsuchen oder längere Strecken fahren), sie zu gebrauchen (z.B. Kettenrauchen) oder sich von den Effekten der Substanz zu erholen. |
| Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen zugunsten des Substanzkonsums. | Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen zugunsten des Substanzkonsums, erhöhter Zeitaufwand, um die Substanz zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen. | Wichtige soziale, berufliche oder Freizeitaktivitäten werden aufgrund des Substanzgebrauchs aufgegeben oder eingeschränkt | |
| Anhaltender Substanz- oder Alkoholkonsum trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen. Die schädlichen Folgen können körperlicher Art sein, wie z.B. Leberschädigung durch exzessives Trinken, oder sozial, wie Arbeitsplatzverlust durch eine substanzbedingte Leistungseinbu�?e, oder psychisch, wie bei depressiven Zuständen nach massivem Substanzkonsum. | s. links | Anhaltender Substanzgebrauch trotz eindeutig schädlicher Folgen (siehe F1x.1), deutlich an dem fortgesetzten Gebrauch, obwohl der betreffende sich über die Art und das Ausmaß des Schadens bewusst war oder hätte bewusst sein können. | Der Substanzgebrauch wird fortgesetzt trotz Kenntnis eines anhaltenden oder wiederkehrenden körperlichen oder psychischen Problems, das wahrscheinlich durch den Substanzmissbrauch verursacht oder verstärkt wurde (z.B. Kokaingebrauch trotz erkannter kokaininduzierter Depression oder fortgesetztes Trinken trotz der Einsicht, dass ein Geschwür durch den Alkohol schlimmer geworden ist). |
Das Durchsprechen der einzelnen Kriterien und deren Operationalisierung wurde vom Erfahrungsaustausch begleitet. Insbesondere hatte ich eine faktorenanalytische Zuordnung der einzelnen Kriterien mitgebracht. Auf der theoretischen Ebene war eine Einigung weitgehend möglich.
Auch im praktischen Teil - ich hatte Experten der praktischen Erfahrung dazugebeten (also "Betroffene") - ging es einheitlich zu, solange das geschilderte Krankheitsbild extrem klar war: Trinken wie unter Zwang und nach Entgiftung weitertrinken und, und, und ... Alle Kriterien erfüllt. Wesentlich schwieriger wurde es, die missbräuchliche Trinkweise von Alkohol korrekt einzuordnen. Beispielhaft waren die Fragen an einen jungen Mann zum Kriterien Interessensverlust: Er ging nicht mehr so oft zum Leistungsschwimmen. Aha. Jedoch die Nachfrage: er machte nun andere Sportarten, Schwimmen ging aus beruflichen Gründen nicht mehr so häufig. Also andersrum gefragt. Wie er aufhörte zu trinken, was war dann? Er legte sich einen Hund zu. Und so kamen wir mit unseren Fragen schließlich auf den Hund. Am Ende war für die meisten klar, einen Interessensverlust hat es nie gegeben. Um diesen kleinen Schluss zu ziehen, bedurfte es vieler Fragen und des Verständnisses der Lebenssituation eines berufstätigen jungen Mannes. Manche Missverständnisse konnten durch den praktischen Teil erlebt und geklärt werden. Anderes blieb als Thema zumindest für mich bestehen: Wenn eine Frau aus eigener Erfahrung sagt, die Menge des Alkohols ist nicht das Wesentliche (zumindest nicht im Vergleich zum Missbrauchen), wir dies auch zuvor theoretisch durch Untersuchungen zur Toleranzentwicklung dargestellt hatten, warum sieht man in dieser Aussage zunächst die Abwehr?
Letzterer Punkt könnte vor dem Hintergrund Suchtgedächtnis diskutiert werden. Kenne ich das Konzept des Suchtgedächtnisses, die therapeutischen Konsequenzen - oder verwerfe ich dieses Konzept völlig? Je nachdem gebe ich der Frau vollkommen recht oder ich glaube ihr nicht. Für dieses Thema war die Zeit dann zu kurz und es würde sich eine eigene Veranstaltung dazu lohnen aufzugreifen.
2. Landestreffen der Mitglieder der DGVT in Baden-Württemberg
Auch der zweite Teil der Veranstaltung war gut besucht. Neben Ralf Adam als weiterem Landessprecher nahmen Kerstin Burgdorf und Anke Tolzin von der Geschäftsstelle der DGVT teil.
Unsere Themen
- KV-Wahlen in Baden-Württemberg - unsere KandidatInnen stellen sich vor
- Fortbildungsordnung
- Bericht vom Berliner Kongress der DGVT (Vollversammlung, u.a. Ethik-Kodex)
- Qualitätssicherung (z.B. TK-Modell)
Kandidaten bei der KV-Wahl werden für die DGVT Marianne Funk und Wolfgang Palm sein, die beide anwesend waren. Marianne Funk berichtete als Mitglied der Vertreterversammlung der KV Südwürttemberg über die bisherige Arbeit und auch über die Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb der KV. Wichtig sei die gute Verständigung der psychotherapeutischen und ärztlichen Vertreter untereinander.
Auch über die demnächst in Kraft tretende Fortbildungsordnung der baden-württembergischen Psychotherapeutenkammer wurde lange diskutiert. Derzeit gelten bereits Übergangsregelungen, nach denen Veranstaltungen auch vor dem Stichtag 1.7.2004 angerechnet werden können ... Nun ja, weniger Bürokratie hat niemand versprochen.
Wichtig war mir noch, über die Postkartenaktion der DGVT-Landessprecher in Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein und deren Forderung einer gemeinsamen "Psychotherapeutenkammer Nord" zu informieren. Die besonderen, auch finanziellen Probleme der Nordkammern treffen auf uns in Baden-Württemberg aufgrund der großen Kammermitgliederzahl noch nicht so zu. Dennoch stieß der Bericht hierzu auf großes Interesse bei den Teilnehmenden.
Ich hoffe auf bleibendes Interesse der Mitglieder bei den nächsten Veranstaltungen. Eine weitere Fortbildungsveranstaltung ist in Planung. Wir werden rechtzeitig darüber informieren.
Literatur:
- EBIS-Handbuch: IFT Institut für Therapieforschung, München, 2001
- Weltgesundheitsorganisation: Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10. Verlag Hans Huber, 1993
- Weltgesundheitsorganisation: Internationale Klassifikation psychischer Störungen. Forschungskriterien. ICD-10. Verlag Hans Huber, 1997
- American Psychiatric Association. Diagnostic and statistical manual of mental disorders. Fourth Edition DSM-IV, Washington. DC., 1994