Bericht von der Herbstakademie zur Gesundheitsförderung vom 1. bis 3. Okt. 2003 an der Hochschule Magdeburg-Stendal
Die diesjährige Herbstakademie zur Gesundheitsförderung stand unter dem Schwerpunktthema "Gesundheitsförderung durch Organisationen und Gemeinden im europäischen Kontext". Die Herbstakademie versteht sich als "ein Forum der Begegnung, des Informations- und Erfahrungsaustausches und der Diskussion für PraktikerInnen und WissenschaftlerInnen in der Gesundheitsförderung und eine Aus- und Fortbildungsmöglichkeitsmöglichkeit für Studierende und eine interessierte Fachöffentlichkeit" (Ausschreibungstext). Die drei Tage der Herbstakademie standen jeweils unter einem Leitthema: Organisationen, Kommunen und Europäische Integration.
Inhaltlich eingeleitet wird die Tagung mit zwei Eröffnungsvorträgen. In dem ersten Referat entwickelt E. Göpel sechs Thesen zu den grundlegenden Ausgangbedingungen, Ansatzpunkten und Aufgabenstellungen von Gesundheitsförderung.
- Regionale Wirtschaftsstrukturen verlieren aufgrund der allgemeinen Globalisierungsprozesse an Bedeutung und beeinträchtigen die Möglichkeiten der sozialen Einbindungen.
- Infolge der veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen tragen die tradierten Lebensmuster nicht mehr und führen bei Vielen zu Enttäuschungen, Kränkungen, zu persönlichen und biographischen Brüchen bis hin zu Krankheiten.
- In seiner dritten These formuliert Göpel die Erwartung, dass die Thematisierung von Gesundheit und Lebenshoffnung die Suche nach neuen und tragfähigen Lebensmustern stützen und fördern kann, und äußert die Hoffung, dass eine von allen Bevölkerungsgruppen getragene Gesundheitsbewegung zu einer "Lebensgewerkschaft des 21. Jahrhunderts" werden könnte.
- Die vierte These geht von dem Postulat aus, Gesundheit entsteht und vergeht im Alltag. Vor diesem Hintergrund habe Gesundheitsförderung im Wesentlichen an den Organisationsformen des Alltags, vor allem in ihren Ausprägungsformen im kommunalen Lebensraum anzusetzen.
- Eine solche Perspektive erfordert nach Göpel ein sog. Mehrebenen-Konzept von Gesundheitsförderung, das persönliche, gemeinschaftliche, betriebliche, kommunale und gesellschaftliche Initiativen miteinander verbindet. Dies wiederum erfordere die Entwicklung neuer Formen partizipatorischer Politik, integrierender Programme und wirksamer Unterstützungsstrukturen.
- Abschließend postuliert Göpel, dass sich Gesundheitsförderung zukünftig in der Unterstützung unterschiedlicher Lebenssituationen und Lebensformen bewähren und zu einem gelingenderen Leben in Vielfalt beitragen müsse.
Darüber hinaus führt Göpel aus, das Alltagsleben der heutigen Menschen sei geprägt von dem Zusammenwirken zwischen der Person, den Strukturen, der Kultur und der Natur. Diese Aspekte wiederum würden beeinflusst durch die allgemeinen Entwicklungstendenzen der Moderne: der Individualisierung, Differenzierung, Rationalisierung und Domestizierung. Um auf diese Entwicklungstendenzen angemessen reagieren zu können, müssen die Handlungsansätze der Gesundheitsförderung sowohl individuen- als auch settingzentriert sowie sozialökologisch ausgerichtet sein. Ferner fordert Göpel eine klare methodische Orientierung für das professionelle Handeln im Bereich der Gesundheitsförderung, wobei die Entwicklung einer professionellen Systemkompetenz zur Entwicklung von gesundheitsfördernden Kontexten für das Alltagsleben der Menschen im Vordergrund zu stehen habe. Ein so verstandener Ansatz von Gesundheitsförderung orientiere sich nach Göpel an folgenden vier Leitkonzepten: Lebensqualität, Salutogenese, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit.
In dem zweiten Einführungsreferat gibt ein Vertreter des Bundesministeriums für Gesundheit und soziale Sicherung aus Sicht des Bundes einen Überblick über Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland. Er verweist zunächst auf strukturelle Defizite im Bereich der Gesundheitsförderung. Diese sieht er insbesondere in den Aspekten Vernetzung, Qualifizierung und der Nachhaltigkeit im Bereich der Gesundheitsförderung. Um den Stellenwert von Gesundheitsförderung und Prävention zu stärken, hält das Bundesgesundheitsministerium einen Paradigmenwechsel in Richtung ganzheitlicher Medizin und Prävention für erforderlich. Der Vertreter des Bundesgesundheitsministerium hebt weiter hervor, dass sich aus Sicht des Ministeriums Prävention und Gesundheitsförderung zu einer eigenständigen Säule im Gesundheitsbereich neben anderen entwickeln solle. In diesem Zusammenhang werde angestrebt, möglicht innerhalb eines Jahres ein Präventionsgesetz zu verabschieden. Dieses Gesetz gründe auf folgende Eckpunkte:
- Prävention ist eine Gemeinschaftsaufgabe.
- Prävention bedarf einer bundesweiten Zielsetzung.
- Prävention bedarf der Bündelung aller Kräfte.
- Prävention muss zielgruppenspezifisch erfolgen.
- Und schließlich muss der Settingansatz deutlich gestärkt werden.
Darüber hinaus sei beabsichtigt, eine Deutsche Stiftung für den Bereich Prävention und Gesundheitsförderung einzurichten. Des Weiteren hält es das Bundesgesundheitsministerium für unabdingbar, eine verlässliche Datengrundlage für den Gesundheitsbereich zu schaffen. So sei es beabsichtigt, für Kinder und Jugendliche einen Gesundheitsbericht zu erstellen, in dem die Gesundheitsdaten auch mit den Daten zur sozialen Lage von Kindern und Jugendlichen verknüpft werden sollen.
Im zweiten Teil des ersten Tages standen dann die Berufsfeldentwicklungen und Qualifikationsanforderunge im Bereich Gesundheitsförderung im Zentrum der Diskussion. In dem einführenden Referat (J. Hilbert, Institut für Arbeit und Technik) werden zunächst Hinweise zur potentiellen Entwicklung der Gesundheitswirtschaft gegeben. Unter dem Blickwinkel der Arbeitsmarktpolitik kommt der Gesundheitswirtschaft - so der Referent - eine große Bedeutung zu. Etwa 4,3 Millionen Personen sind im Bundesgebiet im Gesundheitsbereich tätig. Die Anzahl der Fachkräfte in diesem Bereich könnte in Zukunft weiter wachsen, und zwar aufgrund von Alterung und zunehmender Individualisierung in der Gesellschaft, aufgrund des medizinisch-technischen Fortschrittes und der wachsenden Bereitschaft von großen Teilen der Bevölkerung, für Gesundheit und Lebensqualität ein Teil des Einkommens auszugeben. Das Institut für Arbeit und Technik hat für das Land Nordrhein-Westfalen eine grobe Prognose zu der Entwicklung von Arbeitsplätzen innerhalb der nächsten fünfzehn Jahre erstellt. Danach sei zu erwarten, dass die Anzahl der Arbeitsplätze im Bereich der ambulanten Versorgung wächst, im Bereich der stationären Versorgung abnimmt, in der Altenhilfe und Altenpflege zunimmt und in der Zulieferindustrie und Nachbarbranchen leicht zunehmen wird. Wie gesagt, beziehen sich diese Angeben allein auf Nordrhein-Westfalen. Es sei jedoch zu erwarten, dass auch in den anderen Bundesländern ein ähnliche Entwicklung zu beobachten sein wird.
Aus Sicht der Krankenkassen steht das Gesundheitssystem im Wesentlichen vor drei Herausforderungen: dem demografischen Wandel, einem Wandel des Krankheitspanoramas und den Folgewirkungen des medizinisch-technischen Fortschrittes. Ferner werde sich zeigen, dass das kurative System zunehmend an seine Grenzen stoßen wird und der Stellenwert von Prävention und Gesundheitsförderung steige. Auch aus Sicht der Krankenkassen könnte sich in Zukunft Prävention und Gesundheitsförderung als vierte Säule im Gesundheitswesen etablieren, wenngleich z.Z. nur 4,5% der Krankenkassenausgaben auf diesen Bereich entfallen. Auch die Krankenkassen sehen mittel- bis langfristig eher eine optimistische Arbeitsmarktentwicklung im Bereich von Prävention und Gesundheitsförderung - aktuell stagniere der Arbeitmarkt jedoch.
Im Bereich der Aus- und Weiterbildung sollten aus Sicht der Krankenkassen insbesondere folgende Themenbereiche angesprochen werden:
- Theoretische Grundlagen
- Gesundheitsmanagement und Gesundheitsökonomie
- Gesundheitswissenschaftliche Forschungsmethoden
- Interventionsmethoden
- Projektmanagement
- Qualitätsmanagement/ -sicherung/ Evaluation
- Kommunikation, Moderation und Präsentation.
Für die weitere Entwicklung von Prävention und Gesundheitsförderung sind auch die kommunalen Gesundheitsämter von Bedeutung. So äußert ein Vertreter eines kommunalen Gesundheitsamtes die Erwartung, dass der öffentliche Gesundheitsdienst in Zukunft der Ort für Gesundheitsförderung werden könnte. Insbesondere Gesundheitshäuser könnten sich hier zu innovativen Zentren entwickeln. Mögliche Aufgabenbereiche solcher Häuser könnten u.a. sein: Gesundheitsservice, Entwicklung und Bereitstellung von Gesundheitsangeboten, Förderung der Gesundheitskommunikation vor allem zwischen BürgerInnen, Politik und Verwaltung oder auch ein Zentrum für Bündelung und Weitergabe von Gesundheitswissen allgemein und hinsichtlich der gesundheitlichen Entwicklung in dem jeweiligen Einzugsbereich. Die Grundausrichtung solcher Zentren müsse bürgerorientiert, politik- und gesundheitsübergreifend sein. Benötigt würden für die hier anstehenden Aufgaben - so der Vertreter des kommunalen Gesundheitsamtes - vorrangig Gesundheitswissenschaftler/innen.
Der zweite Tag der Herbstakademie steht ganz im Zeichen der Themen "Stadtentwicklung" und "kommunale Gesundheitsförderung". Die inhaltliche Einführung erfolgte durch den Stadtsoziologen Hartmut Häußermann. Im Weiteren wurden vier Programme gesundheitsfördernder Städte- und Gemeindeentwicklung sowie die Entwicklung des Gesunde-Städte-Projektes in der Stadt Halle vorgestellt. Abgerundet wurde der Tag mit der Frage nach den erforderlichen Handlungskompetenzen, um im Bereich der kommunalen Gesundheitsförderung angemessen handeln zu können.
In dem einführenden Referat "Kommunale Daseinsvorsorge in Zeiten der Globalisierung. Nachhaltige Planungs- und Steuerungskonzepte für eine 'lokale' Stadtentwicklung in Europa" entwirft Häußermann die Entwicklungslinien zukünftiger Stadt(teil)entwicklung. Die heutigen Städte stehen - so Häußermann- sowohl in einem starken Wettbewerb untereinander als auch in internationaler Konkurrenz. Im Zuge dieser als auch der technologischen Entwicklungen lässt sich nach Häußermann auch auf der Ebene der Städte von Modernisierungsverlierern und Modernisierungsgewinnern sprechen. Die Deindustrialisierung führte insbesondere zu einem Verlust von Arbeitsplätzen im verarbeitenden Gewerbe. Dadurch verloren vor allem Städte mit einer Monokultur in diesem Bereich ihre ökonomische Basis. In Städten mit einer breiteren Mischung waren nach Häußermann die Einbrüche hingegen nicht so stark. Aber auch die Zunahme der Dienstleistungsökonomie zeige eine duale Struktur. Einerseits entstehen zwar vielfach Arbeitsplätze im hochqualifizierten Bereich andererseits jedoch auch im sog. haushaltsorientierten Bereich. Hierbei handelt es sich um Angebote, die sich unmittelbar an Haushalte und Personen richten und eher schlecht bezahlte und wenig qualifizierte Arbeitsplätze enthalten. Ein weiteres Charakteristikum der aktuellen Situation von Städten und Gemeinden ist aufgrund der sinkenden Steuereinnahmen ihre akute Finanznot, wodurch wiederum die Stadt- und Gemeindepolitik erheblich beeinflusst wird. Als Folge hiervon zeigt sich einerseits ein Steuerungsverlust der Städte und Gemeinden andererseits reagieren sie mit Aufgabenkürzungen und Privatisierungen kommunaler Dienstleistungen.
Die Differenzierung in Modernisierungsgewinner und -verlierer zeigt sich nach den Worten von Häußermann nicht nur zwischen den Städten, sondern auch innerhalb der Städte selbst zwischen den Stadtteilen und Stadtvierteln. So ist innerhalb der Städte vielfach eine Tendenz zur räumlichen Konzentration von Arbeitslosigkeit, Armut, Marginalisierung bis hin zur Exklusion zu beobachten. In solchen Stadtteilen ist des Weiteren eine selektive Wanderung erkennbar: die, die es können, ziehen aus solchen Quartieren/ Vierteln weg, parallel dazu nimmt der Bevölkerungsteil zu, der von Marginalisierung bedroht ist. Häußermann spricht in diesem Zusammenhang von einem "Prozess der Entmischung". Insbesondere gehen den Quartieren/ Vierteln bei einem solchen Prozess wichtige Ressourcen verloren. Verstärkt wird die Abwärtsentwicklung weiterhin durch Prozesse wie die Verschlechterung der Infrastruktur (z.B. die Schul- und allgemeine Versorgungssituation des Stadtteils) und der Wohn- und Wohnumfeldbedingungen. Ferner wirken die benachteiligten Quartiere/ Viertel auf die BewohnerInnen selbst wiederum benachteiligend u.a. durch den Verlust an Informationskreisläufen, begrenzten, homogenen Netzwerken und durch Stigmatisierung.
Häußermann nennt im Wesentlichen zwei Anknüpfungspunkte, benachteiligte Stadtteile/ -viertel zu stabilisieren: Lebensbedingungen und Lebenschancen. Die Lebensbedingungen - sprich die Infrastruktur, die Wohnbedingungen u.ä. - lassen sich nach Häußermann am ehesten durch entsprechende Maßnahmen beeinflussen. Bei der Förderung von Lebenschancen geht es vor allem um die Schaffung von lokalen Arbeitsplätzen, Förderung von Bildungschancen und Förderung der Teilhabe am sozialen und politischen Leben als wesentliche Bedingungen für Inklusion. Als eine vorrangige Zielgruppe der stabilisierenden Aktivitäten in einem Stadtteil sieht er die Gruppe der Kinder und Jugendlichen. Zugleich verweist er auf die Ambivalenz von Interventionen und Fördermaßnahmen in benachteiligten Stadtteilen/ -vierteln. Einerseits sind solche Maßnahmen sicherlich sinnvoll und notwendig, da benachteiligte Viertel auch immer benachteiligend wirken. Andererseits ist nach Häußermann auch immer zu beachten, dass auch benachteiligte Viertel ein Schutzraum für die dort Lebenden ist, ein Rückzugsort und eine Rückzugsmöglichkeit, wo man unter seines Gleichen ist mit den entsprechenden alltäglichen Unterstützungs- und Netzwerkstrukturen. Schließlich hebt Häußermann hervor, dass bei der Umsetzung und Steuerung von Projekten immer auch mit Schwierigkeiten zu rechnen ist. So habe es sich insbesondere als schwierig erwiesen,
- Empowermentprozesse zu initiieren,
- lokale Arbeit zu schaffen,
- die Vernetzung in den Viertel/ Quartieren zu fördern,
- Kommunikationsprozesse anzustoßen
- als auch im Sinne von Nachhaltigkeit zur Selbsthilfe zu befähigen.
Abschließend betont Häußermann, dass sich die initiierten Projekte und Maßnahmen zur Stabilisierung von benachteiligten Stadtteilen nicht nur auf den Stadtteil selbst konzentrieren dürften, denn nur die ganze Stadt könne eine "soziale Stadt" sein. Entwicklungen in der Gesamtstadt hätten immer auch Rückwirkungen auf die Stadtteile/ Stadtviertel.
Im Weiteren wurden dann vier integrierende Programme gesundheitsfördernder Städte- und Gemeindeentwicklung vorgestellt: Gesunde Städte-Netzwerk, Lokale Agenda 21, Soziale Stadt und Zukunftsfähige Kommunen.
Gesunde Städte-Netzwerk
In Deutschland wurde das Gesunde Städte-Netzwerk 1989 gegründet und zählt z.Z. 60 Kommunen als Mitglieder. Die Mitglieder dieses Netzwerkes müssen ein Neun-Punkte-Programm umsetzen, und zwar u.a.
- einen Ratsbeschluss über die offizielle Teilnahme an dem Gesunde Städte Projekt herbeiführen,
- eine kontinuierliche Gesundheits- und Sozialberichterstattung einführen,
- regelmäßig Gesundheitskonferenzen einberufen,
- eine ressortübergreifende gesundheitsfördernde Politik verfolgen,
- förderliche Rahmenbedingungen für Beteiligung und Selbsthilfe schaffen und
- alle vier Jahre einen Erfahrungsbericht vorlegen.
Perspektivisch sei - so der Berichterstatter - angedacht, die Qualitätsentwicklung im Rahmen des Gesunde Städte Programms durch einen Preis zu fördern und Kompetenzzentren einzurichten.
Lokale Agenda 21
Lokale Agenda 21 gründet auf eine Initiative bzw. einen Beschluss der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro. Der Berichterstatter nennt u.a. folgende Ziele von Agenda 21: Deckung der Grundbedürfnisse, Verbesserung des Lebensstandards und größeren Schutz und bessere Bewirtschaftung des Ökosystems. Die Handlungsprinzipien orientieren sich an dem sog. Dreieck der Nachhaltigkeit: dem Zusammenwirken und der gegenseitigen Abhängigkeit von Ökonomie, Sozialem und Ökologie. Zu ergänzen ist das Dreieck der Nachhaltigkeit durch den Aspekt der Intergenerationengerechtigkeit.
Das derzeit größte Problem von Agenda 21-Projekten besteht laut Berichterstatter darin, dass eine personelle, finanzielle und strukturelle Absicherung dieser Projekte fehlt. Zudem werde die inhaltliche Schwerpunktsetzung von Agenda 21 gegenwärtig von anderen politischen Themen verdrängt oder überlagert. (Wer an guten Projektbeispielen interessiert ist, findet diese unter www.gute-beispiele.net ).
Soziale Stadt
Gegenüber den anderen vorgestellten Programmen hat das Programm "Soziale Stadt" den unbestreitbaren Vorteil, dass es - so der Berichterstatter - mit Geld ausgestattet ist, wenngleich diese Mittel bspw. im Vergleich zur Eigentumsförderung noch immer gering sind. Darüber hinaus hat das Programm "Soziale Stadt" durch seine gesetzliche Verankerung auch eine langfristige Perspektive. Im Zentrum des Programms steht die Entwicklung von Stadtteilen, und zwar von Stadtteilen mit einem erheblichen Entwicklungsbedarf. Das Ziel des Programms ist es, (Abwärts-)Spiralen in der Stadtentwicklung und hier insbesondere von benachteiligten Stadtteilen zu durchbrechen. Ansatzpunkte sind hier, entsprechende Stadtteile durch bauliche Maßnahmen, Schaffung und Förderung der Infrastruktur (z.B. durch Gesundheitshäuser, Jugendzentren) etc. aufzuwerten. Planungsschritte und Planungsgestaltung sind dabei dem partizipatorischen Ansatz bzw. Prinzip verpflichtet. Ein zentraler methodischer Ansatz im Rahmen dieses Programms ist das Quartiersmanagement.
Zukunftsfähige Kommunen
Das Programm "Zukunftsfähige Kommune" ist ein überregionales Projekt, das lokale Agenda 21-Projekte durch Kampagnen oder ausgeschriebene Wettbewerbe u.ä. unterstützt. Das Programm "prüft" und unterstützt Kommunen, die sich am Agenda-Projekt beteiligen, anhand folgender vier Fragen:
- Was heißt "Nachhaltigkeit" konkret für die Stadtentwicklung?
- Was unterscheidet die der Nachhaltigkeit verpflichteten Stadt von anderen Kommunen?
- Verläuft in den einzelnen Kommunen der Agenda-Prozess bürgerbeteiligt?
- Was können die an dem Programm teilnehmenden Kommunen voneinander lernen?
An dem Programm "Zukunftsfähige Kommune" können nur solche Kommunen teilnehmen, die je nach Größe eine bestimmte Anzahl von Nachhaltigkeitsfaktoren erfüllen. Darüber hinaus werden im Rahmen dieses Programms 22 Qualitätskriterien zur Einschätzung eines lokalen Agenda-Prozesses entwickelt. Durch die Teilnahme an dem Programm wurde in den Kommunen u.a.
- in der Kommunalverwaltung ein Diskussionsprozess über nachhaltige Entwicklung angestoßen.
- Impulse für die weitere Arbeit mit Indikatoren gegeben,
- neue Projekte angestoßen,
- Diskussionen zwischen Politik, Verwaltung und am Agenda-Prozess-Beteiligte initiiert bzw. gefördert und schließlich
- vorbildliche Aktivitäten im Rahmen von Agenda-Projekten aufgezeigt.
An den umfassenden Überblick über die vier Programme im Kontext von gesundheitsfördernder Städte- und Gemeindeentwicklung schloss sich ein Bericht über die Aktivitäten der Stadt Halle im Rahmen des Gesunde Städte-Projektes an. Die Koordinatorin des Projektes beschreibt eindrucksvoll die bereits zehnjährige Geschichte des Gesunde Städte-Projektes der Stadt Halle. In Halle hat sich eine verbindliche Projektstruktur herausgebildet mit einer Schirmfrau (Bürgermeisterin) an der Spitze, einer Projekt-Steuerungsgruppe, einer Sprecherin und einer Koordinatorin. Darüber hinaus haben sich thematische Arbeitskreise mit jeweils einer bestimmten Schwerpunktsetzung gebildet: zum einen Arbeitskreise, die sich mit settingbezogenen Themen (z.B. Schule, Stadtteil) beschäftigen, dann zielgruppenorientierte (z.B. Kinder und Jugendliche) und themenspezifische (z.B. Aids-Prävention).
Sowohl die Erfahrungen aus Halle als auch die eigenen Projekterfahrungen der TeilnehmerInnen an der Herbstakademie zeigen, dass
- das jeweilige Thema für die BürgerInnen relevant sein muss und sie sich beteiligen können und wollen,
- die Projekte möglichst kleinräumig ausgerichtet sind,
- die Projektinhalte bzw. Thematiken realisiert werden können und als beeinflussbar angesehen werden,
- es wichtig ist, Schlüsselpersonen zu erschließen und
- Institutionen/ Einrichtungen im Einzugsbereich wie Schulen, Kirchen etc. zur Mitwirkung anzusprechen.
Ein zentrales Moment im Bereich der kommunalen Gesundheitsförderung ist die BürgerInnenbeteiligung. Ein zentraler Ansatzpunkt sei daher, hierfür das Interesse der BürgerInnen zu wecken und durch geeignete methodische Schritte zu fördern. Als angemessene methodische Ansatzpunkte wurden in diesem Zusammenhang genannt: Aktivierende Befragung, Planungszellen, Bürgergutachten, Zukunftswerkstatt, Stadtteilgespräche und auch Bürgerbüros.
Abschließend wurden dann noch stichwortartig einzelne Methoden- bzw. Kompetenzbereiche zusammengetragen, die im Rahmen von Fort- und Weiterbildung im Bereich der kommunalen Gesundheitsförderung angesprochen werden sollten. Es wurde u.a. genannt:
- Projektmanagement
- Gesundheits- und Sozialberichterstattung
- Beratungskompetenzen
- Gestaltung der Zusammenarbeit von Professionellen und ehrenamtlich bzw. bürgerschaftlich Engagierten
- Methodische Ansätze aus dem Bereich der Gemeinwesenarbeit
- Kontextwissen
- Moderationskenntnisse
- Öffentlichkeitsarbeit
- Qualitätsmanagement, Evaluation.
Am dritten Tag standen dann Fragen der europäischen Integration im Vordergrund. Zu diesem Zeitpunkt war der Berichterstatter jedoch bereits wieder aus Magdeburg abgereist. Er hatte sich nur für die ersten beiden Tage angemeldet. Gleichwohl hat sich die Reise gelohnt sowohl wegen der Tagung als auch, um - wenn auch nur in begrenzter Form - die Stadt Magdeburg kennen zu lernen.