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VPP 2/2006  • DGVT-Preis 2006 - Weitere Infos

Dankesrede von Roswitha Beck zur Verleihung des D.G.V.T. – Preises 2006

27. April 2006
 

Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) e.V.

im Rahmen des
16. Kongresses für
klinische Psychologie, Psychotherapie
und Beratung

am 6. März 2006
an der Technischen Universität Berlin 

Sehr geehrter Herr Vogel,
sehr geehrter Herr Scholten,
lieber Bernhard,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich möchte mich bei Ihnen allen sehr herzlich für diese besondere Auszeichnung bedanken.

Es ist für mich doch noch etwas besonderes, einen Preis im Empfang zu nehmen. Gewöhnlich bin ich diejenige, die Tagungen eröffnet, Schirmherrschaften übernimmt, Preise verteilt oder Danksagungen ausspricht.

Heute ist dies anders: zum ersten Mal erhalte icheinen Preis und stehe   -etwas verlegen-   vor Ihnen, um mich für den Preis und für Ihre Lobreden zu bedanken.

Als ich vor mittlerweile fast elf Jahren den Verein zur Unterstützung Gemeindenaher Psychiatrie in Rheinland-Pfalz mit anderen Mitstreiterinnen und Mitstreitern gründete, wollte ich eine kleine Lobby für Menschen mit psychischen Erkrankungen schaffen.

Es ging mir zu keinem Zeitpunkt um meine Person, sondern ich wollte meine neue Stellung nutzen, um Menschen, die nach meiner Beobachtung durch ihr individuelles Schicksal, aber auch durch die Gesellschaft benachteiligt werden,
zu ermutigen, dass sie für ihre Belange selbst eintreten.

Dieser Wunsch geht auf eine Erfahrung in meinem Berufsleben zurück:
als Frisörin habe ich auch einmal im Frisörsalon der Pfalzklinik Landeck in Klingenmünster ausgeholfen. Dabei lernte ich Menschen mit psychischen Erkrankungen sowohl als Kunden, wie als Kolleginnen kennen.
Denn in diesem Frisörsalon arbeiteten auch so genannte Langzeitpatientinnen, die teils schon 10 Jahre und länger „uff der Landeck“ – wie es auf gut pälzisch heißt – waren. Sie hatten vor ihrer Erkrankung den Beruf der Frisörin erlernt und übten ihn jetzt in der Klinik aus. Von ihnen erfuhr ich, wie schwierig ist es, psychisch krank zu sein. Es ist eine doppelte Beeinträchtigung, die mit diesen Erkrankungen einhergeht:

  • „Psychisch krank zu sein“

bedeutet, sich selbst nicht mehr zu kennen.

Die Persönlichkeit verändert sich. Menschen mit großem Selbstvertrauen und
Selbstbewusstsein ziehen sich zurück, bekommen Angst vor anderen,
wenn sie depressiv werden. Wieder andere Menschen müssen lernen,
ihren eigenen Wahrnehmungen zu misstrauen: sie hören Stimmen, die sonst niemand hört; sie „erkennen“ Zusammenhänge zwischen Menschen und Sachen, die sonst keiner sieht; sie spüren, dass sie beobachtet und verfolgt werden und müssen dann später erfahren, dass diese Wahrnehmungen nicht der Realität entsprachen. Die Menschen lernen, sich zu misstrauen, sie verlieren das Vertrauen in sich selbst. Dies ist schon schwer genug.

  •  Doch „psychisch krank zu sein“ bedeutet auch,

für den anderen, den Freund, die Partnerin, den Nachbarn, die Bekannte anders zu werden, nicht mehr der „Alte“ zu sein. So ziehen sich auch Freunde, Bekannte, Nachbarn und manches Mal auch Familienangehörige zurück. Lassen den Menschen, der sich selbst nicht mehr vertrauen kann, allein. Wenn die sozialen Bindungen abreißen, fehlt aber eine wesentliche Voraussetzung, um
wieder ins Alltagsleben zurückkehren zu  können.

Und die Menschen, die psychisch krank sind, leiden nicht nur unter ihrer schwer verständlichen Erkrankung sondern auch noch an der sozialen Isolierung und der damit oftmals einhergehenden gesellschaftlichen Stigmatisierung   und Diskriminierung.
Dies waren meine Gründe, michfür psychisch krankeMenschen einzusetzen. Zu Gute kam mir, dass die Landesregierung sich den Ausbau der gemeindenahen Psychiatrie „auf die Fahnen geschrieben“ hatte.
Im Gründungsjahr meines Vereins wurde der Entwurf eines Landesgesetzes für psychisch kranke Menschen im Landtag erörtert und Ende November auch mehrheitlich verabschiedet. Dieses Gesetz wird von vielen Aktiven in der Psychiatrie als Initialzündung für die Psychiatriereform in Rheinland-Pfalz gesehen.

Diese Reform sorgte dafür, dass die bisher drei großen Kliniken in Rheinland-Pfalz schrittweise verkleinert wurden. Ihre Aufgabe übernahmen: neue psychiatrische Kliniken, Fachabteilungen an Allgemeinkrankenhäuser und psychiatrische Tageskliniken überall im Land. Ich hatte mir die Aufgabe gestellt, diese Entwicklung zu begleiten, mit finanziellen und ideellen Maßnahmen zu unterstützen und zu fördern.

Mit zahlreichen Initiativen ist es mir gelungen, mehr als 500.000 Euro in den letzten elf Jahren zu sammeln, mit denen ich viele kleinere Initiativen unterstützen konnte. Doch Geld zu sammeln, war eigentlich nicht mein Hauptziel, ich wollte um Verständnis und Anerkennung psychisch kranker Menschen werben. So habe ich in den letzten elf Jahren für zahlreiche Tagungen und Veranstaltungen die Schirmherrschaft übernommen.

Mittlerweile bin ich regelmäßiger Gast bei den Jahrestagungen des Landesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker und des
Landesverbandes der Psychiatrie-Erfahrenen.

Mit meiner Anwesenheit werte ich diese und viele andere Tagungen und Veranstaltungen auf, die Anwesenheit „der Gattin des Ministerpräsidenten“ weckt dann auch häufig das Interesse der Öffentlichkeit – also von Ihnen.

Und so wird über die jeweilige Tagung, Initiative oder Veranstaltung berichtet.

Und ein weiteres Ziel meiner Arbeit ist erfüllt. Psychische Erkrankungen sind kein Tabu-Thema mehr sondern es wird über sie berichtet und über sie geredet.

Und es gibt noch einen dritten

  • vielleicht den wichtigsten - Aspekt meiner Arbeit:

mit meinem Engagement will ich Menschen, die entweder selbst psychisch krank sind oder einen psychisch kranken Angehörigen haben, ermutigen, von ihrem Schicksal in der Öffentlichkeit zu berichten. Diese Menschen müssen und sollen sich nicht verstecken. Sie haben Rechte und Möglichkeiten, wenn sie diese nur wahrnehmen. Ich will Sie dabei mit meiner Arbeit unterstützen, diese Bürgerrechte als psychisch behinderte Menschen oder als deren Angehörige wahrzunehmen. Auch hier gilt das politische Ziel der „Selbstbestimmung“ und der gesellschaftlichen „Barrierefreiheit“. Der Zugang zum öffentlichen Leben muss auch für psychisch kranke Menschen möglich sein.

Es ist sicherlich noch längst nicht alles erreicht. Stigmatisierungen und Diskriminierungen, vielleicht feiner und versteckter, als vor elf Jahren,
gibt es auch heute noch. So habe ich mir für die kommenden Jahre weitere konkrete Ziele gesetzt:

  • Ich will mit dazu beitragen, dass den Kindern psychisch kranker Eltern, die Aufmerksamkeit und Beachtung geschenkt wird, die sie benötigen;

denn gerade Kinder psychisch kranker Eltern haben ein erhöhtes Risiko selbst psychisch zu erkranken. Hier gibt es mittlerweile gute präventive Ansätze. Diese Kinder dürfen nicht allein gelassen werden, mit ihren Ängsten und Unsicherheiten, denn gerade Kinder leiden darunter, wenn sich die Mutter oder der Vater plötzlich scheinbar ohne Grund in seiner Persönlichkeit verändert.

  • Weiterhin will ich verstärkt dafür werben, dass psychisch kranke Menschen wieder eine Chance auf dem Arbeitsmarkt erhalten.

 Psychisch erkrankte Menschen sind nicht intellektuell beeinträchtigt sondern sie sind häufige verlangsamt im Denken und Arbeiten,
sie brauchen mehr Zeit für die gleiche Arbeit,
aber sie können sie meistern.

Ihnen die angemessenen Arbeitsbedingungen zur Verfügung zu stellen, ist sicherlich nicht einfach. Doch wenn wir die Forderung nach einer barrierefreien Umwelt ernst nehmen, dann gehört auch dazu, die Arbeitswelt so zu gestalten, dass auch psychisch erkrankte Menschen entsprechend ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten wieder arbeiten können. Ich werde diese Ziele nicht allein erreichen können. Ich kann nur Impulse setzen, kann für mehr Verständnis werben. Für die Erreichung dieser Ziele ist ein großes Bündnis erforderlich. Es würde mich freuen, wenn der Preis, den ich heute von Ihnen erhalten habe, auch ein Zeichen dafür ist, dass sich die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie mit diesen Zielen identifiziert.

Ihrem Kongressführer habe ich entnommen, dass Sie sich mit diesen - und zahlreichen anderen Themen, die mir im Alltag immer wieder begegnen - beschäftigen. Dem Thema der "Kinder psychisch kranker Eltern" haben Sie ein ganzes Symposium gewidmet. Das freut mich sehr. Ich hoffe, wir können in Rheinland-Pfalz mit unserem Projekt zu dieser Thematik von Ihren Erfahrungen profitieren.

Ich fühle mich durch diesen Preis ermutigt, für und mit den betroffenen Menschen weiterzuarbeiten. Ich freue mich über diese Unterstützung und hoffe, dass die DGVT auch in Zukunft in gesundheitspolitischen Diskussionen
die Interessen der seelisch behinderten und psychisch kranken Menschen in den Focus nimmt.

Ihr Kongress macht mir dabei Mut.

Ich danke Ihnen für diese Ermutigung. 

Quelle: VPP 2/2006