"Das Wesentliche unseres Tuns" <sup>1</sup> -Wie sich psychotherapeutisches Handeln im psychiatrischen Alltag abbildet
Zunächst möchte ich kurz erläutern, vor welchem Hintergrund psychiatrischer Alltagspraxis ich meine Gedanken entwickle.
Vor sechzehn Jahren habe ich die Leitung einer Abteilung im Niedersächsischen Landeskrankenhaus (LKH) Lüneburg übernommen, die die allgemeinpsychiatrische Versorgung für sechs von acht Landkreisen des LKH in Nordostniedersachsen sicherzustellen hatte. Es hat vierzehn Jahre gedauert, bis der letzte der sechs Landkreise in eine eigenständige, gemeindenahe Vollversorgung durch eine Abteilung am Allgemeinkrankenhaus übergeleitet war. Die verbleibenden beiden Landkreise werden nach Auflösung der Spezialabteilungen für Sucht und Gerontopsychiatrie nun durch die Klinik I (Landkreis Lüneburg) und die Klinik II (Landkreis Harburg) nach einem Regionalisierungskonzept versorgt, d.h., die beiden Abteilungen des Krankenhauses arbeiten so weit wie möglich gemeindepsychiatrisch (u.a. mit einer nach Buchholz in der Nordheide ausgelagerten Tagesklinik mit Institutsambulanz). Es bleibt der Umstand, dass das LKH seine stigmatisierende Wirkung nicht verloren hat. Dadurch, dass der Maßregelvollzug mit über hundert Betten inzwischen die größte Abteilung des Hauses darstellt, hat sich diese Problematik in den letzten Jahren eher verschärft.
Neben meinem beruflichen Erfahrungshindergrund dürfte für die folgenden Ausführungen meine "DGSP-Sozialisation" entscheidend sein - stellt doch der Verband seit meinen ersten psychiatrischen Gehversuchen die Verbindung zwischen den drei Schwerpunkten Beziehung, Gemeinde und Sozialpolitik her. Eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Psychotherapie in der Psychiatrie und ihrer Entwicklung muss deshalb unweigerlich die Dimension des Sozialen, nämlich Kommune und Politik, mit einbeziehen.
Was ist Psychotherapie?
Um es gleich vorwegzusagen: Die Frage, wie sich psychotherapeutisches Handeln in den nächsten Jahren im psychiatrischen Alltag abbildet, ist auf dem Hintergrund der Versorgungsrealität in Deutschland unter dem Einfluss der Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen nur mit einer finsteren Prognose zu beantworten. Doch zunächst ist ein Begriff zu klären:
Psychotherapie in der Sozialpsychiatrie.
Wenn wir von Psychotherapie sprechen, empfiehlt sich aus meiner Sicht nach wie vor die Definition von Hans Strotzka aus dem Jahre 1975. Danach ist Psychotherapie "ein bewusster und geplanter interaktioneller Prozess zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen, die in einem Konsensus (möglichst zwischen Patient, Therapeut und Bezugsgruppe) für behandlungsbedürftig gehalten werden, mit psychologischen Mitteln (durch Kommunikation), meist verbal oder auch averbal, in Richtung auf ein definiertes, nach Möglichkeit gemeinsam erarbeitetes Ziel (Symptomminimalisierung und/oder Strukturänderung der Persönlichkeit) mittels lehrbarer Techniken auf der Basis einer Theorie des normalen und pathologischen Verhaltens. In der Regel ist dazu eine tragfähige emotionelle Beziehung notwendig."
(Ich erlaube mir an der Stelle den Hinweis, dass ich im April 1984 nicht weit von hier in der Arbeitstherapie des Philippshospitals in Riedstadt an einer DGSP-Tagung mit Hans Strotzka und Maria Rave-Schwank teilgenommen habe, die sich mit der Frage "Was können Sozialpsychiater und Psychoanalytiker voneinander lernen"? beschäftigte – will sagen, vom Grundsatz her ist die Frage nach der Beziehung zwischen Sozialpsychiatrie und Psychotherapie ein echter Dauerbrenner, eine Art "Running Gag" unseres Selbstverständnisses.)
Was mir an der Psychotherapie-Definition gefällt, ist die relative Offenheit in Bezug auf ganz unterschiedliche Praxisfelder. Danach erfasst der Begriff sowohl die spezifische Psychotherapie im engeren Sinne, lässt aber auch andere Bereiche therapeutischer Praxis zu, die sich oft nicht einmal in ihrem Selbstverständnis der psychotherapeutischen Dimension ihres Tuns bewusst sind, geschweige denn sich in der Bezahlung angesichts der Schwierigkeit ihrer Arbeit einigermaßen angemessen entlohnt sehen könnten. Frage ich mich, ob und wo die Strotzka-Definition nach heutigem Erfahrungs- und Wissensstand eine Akzentverschiebung erfahren müsste, so sollte dies in der hier eher bescheidenen Erwähnung einer "tragfähigen emotionellen Beziehung" geschehen.
Die "Beziehung" in der Psychotherapie
Die "Beziehung an sich" hat in der Psychotherapie-Forschung einen Bedeutungszuwachs erfahren, der einhergeht mit einer Relativierung der Bedeutung von Technik und Methode. Hierzu hat die Wampold-Studie (Wampold 2001) mit der grandiosen Bestätigung der so genannten "Äquivalenz-Hypothese psychotherapeutischer Verfahren" entscheidend beigetragen. Im Klartext: Die Wirksamkeitsunterschiede zwischen den verschiedenen Therapieverfahren (und das sind zurzeit über 250!) sind deutlich geringer als die zwischen verschiedenen Therapeuten innerhalb ein und desselben Therapieverfahrens! Bei unbestrittener Wirksamkeit von Psychotherapie allgemein lässt sich danach feststellen, dass die gemeinsamen, unspezifischen Wirkfaktoren rund 70 Prozent der Gesamtwirksamkeit ausmachen. Darüber hinaus ergibt sich, dass die spezifischen Wirkfaktoren der verschiedenen Psychotherapieformen für maximal vier bis acht Prozent der Gesamtwirksamkeit verantwortlich sind (nach Piegler 2005). Nicht die Technik, nicht die Methode sind für Erfolg oder Misserfolg einer Behandlung verantwortlich, sondern die Qualität der Beziehung, das "psychotherapeutische Arbeitsbündnis".
Jedem, der eine Menge Geld in seine Psychotherapieausbildung gesteckt hat, müsste hier eigentlich das Blut in den Adern gefrieren – doch gemach: Für mich heißt das keineswegs, dass sich methodische Ausrichtung, Theorie und spezifische Ausbildung als überflüssig erweisen. Im Gegenteil: Die Theoriebildung, aber auch methodische Techniken und Fertigkeiten sind nach meiner Überzeugung für Therapeuten und Patienten überlebensnotwendig – wohlgemerkt für den Therapeuten mindestens genauso wie für den Patienten! Schließlich geht es in der Begegnung mit seelisch schwer gestörten Menschen vorrangig darum, sich selbst, wie Strotzka sagt, bewusst und geplant in eine emotionale Beziehung einzulassen. Die "Landkarte" einer möglichst umfassenden Theorie ist dabei ebenso wichtig wie die praktische Ausbildung durch supervidierte Behandlungen. Beides dient schließlich als Orientierungshilfe im Dschungel emotionaler Verstrickung. Beide, Theorie und Ausbildung, sind deshalb Maßnahmen, die sowohl mich als auch den Patienten vor den Risiken und Nebenwirkungen dieses Unternehmens schützen sollen. Und bei der Ausbildung ist der Selbsterfahrung nach wie vor die größte Bedeutung beizumessen. Wer sich selbst professionell als "Handwerkszeug" einzusetzen gedenkt, der sollte sich mit seinen Ecken und Kanten, seinen Stärken und Schwächen besser auskennen als der schlicht bemühte Mitmensch von nebenan.
Psychotherapie in der Gemeinde ...
Die Frage nach dem Standort und der künftigen Entwicklung der Psychotherapie im psychiatrischen Alltag ist allerdings auf dem Hintergrund einer tief greifend veränderten Versorgungslandschaft zu diskutieren, schlaglichtartig charakterisiert durch die Feststellung, dass die Fallkosten bei einer schizophrenen Erkrankung in einigen Regionen mittlerweile bereits zu 55 Prozent im Bereich des betreuten Wohnens anfallen (Schleuning, zit. nach Oschinsky 2005).
Die viel beschworene "Deinstitutionalisierung", der zumindest tendenzielle Abschied von den nicht nur Entmündigung und Gewalt, sondern auch Schutz und Halt vermittelnden Einrichtungen, hat im Rahmen der gemeindepsychiatrischen Versorgung eine Zunahme des Bedarfs an psychotherapeutischer Kompetenz zur Folge. Nicht umsonst hat Alexander Veltin in den 1980er-Jahren darauf hingewiesen, dass wir uns die Wirkungsmechanismen der Anstaltspsychiatrie gut anschauen sollten, bevor wir sie zerschlagen. Wenn die labilen Ich-Strukturen psychisch erkrankter Menschen früher im Korsett der Institution ihren Halt fanden, dann liegt diese Aufgabe heute bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der ambulanten Betreuung. Im betreuten Wohnen ist die Stabilisierung eine Funktion der Beziehung, Ausdruck von Bindung, Empathie, Containing, Holding und wie diese schönen Worte alle heißen, mit denen kluge Menschen das beschrieben haben, was sich abspielt, wenn ein chronisch schizophrener Mensch sich morgens aus dem Bett quält, um pünktlich zum Wäschewaschen mit dem Sozialarbeiter in der Kontaktstelle zu sein.
Ist die Begegnung mit einer Borderline-Patientin in ihrer eigenen Wohnung nicht eine ganz andere Geschichte als "auf Station" oder in der Praxis? Glaubt hier jemand, dass eine ambulante Betreuung, wenn sie Sinn machen soll, nicht als ein "bewusster und geplanter interaktioneller Prozess" angelegt und gestaltet werden muss? Ich bin sicher, dass sich die Väter und Mütter der Gemeindepsychiatrie über die Auswirkungen solch langfristiger, manchmal lebensbegleitender Beziehungen nicht allzu viel Gedanken gemacht haben – zumal in den ersten Jahren der Psychiatriereform so manche fachliche Schwäche durch ein hohes Maß an Menschlichkeit und Engagement ausgebügelt wurde. Die "Mühen der Ebene" des sozialpsychiatrischen Alltags in der Gemeinde lassen die Grenzen des "Gutgemeinten" im Sinne Kästners deutlicher hervortreten. Wie viel sicherer und für die eigene seelische Gesundheit zuträglicher ist dagegen doch das Arbeiten in der Einrichtung, im regelmäßigen Austausch mit Kollegen im Team, mit der stets geteilten Verantwortung. Und wie viel systemische, verhaltenstherapeutische, psychodynamische, sozio- oder milieutherapeutische Kompetenz erwarten wir von den Kolleginnen und Kollegen in der Begleitung eines psychisch schwer Erkrankten durch die Höhen und Tiefen des Lebens in der real existierenden Welt da draußen? Mal abgesehen von krankenpflegerischen und sozialarbeiterischen Fähigkeiten – und dass es eigentlich auch ganz angebracht erscheint, über Grundkenntnisse zur Reparatur von Haushaltsgeräten und die aktuelle Entwicklung in der Bundesliga zu verfügen ...
... und wo man das lernt
Die Verlagerung psychiatrischen Handelns in die Gemeinde hat einen erhöhten Bedarf an psychotherapeutischer Kompetenz zur Folge. In Abwandlung eines bekannten Dörner-Zitates1 heißt das: Psychiatrie ist entweder psychotherapeutische Psychiatrie oder keine Psychiatrie! Auf dem Hintergrund des Gesagten ist damit aber nicht eine hochaufwändige Spezialausbildung für jeden gemeint – auch wenn diese im Einzelfall ihre Berechtigung weiter behalten wird. Der Bedarf kann jedoch ebenso wenig auf regelmäßige Supervision allein beschränkt werden (sie bleibt aber unverzichtbar!). Fakt ist, dass die zur Vermittlung psychotherapeutischer Basiskompetenz erforderlichen Ausbildungsgänge bis heute nicht angeboten werden. Dabei besteht kein Mangel an Konzepten (z.B. Firmenburg 1998, Heltzel 2000, Küchenhoff 2000) und internationalen Erfahrungen (z.B. ein berufsgruppenübergreifendes Basiscurriculum in Österreich). Es kann ja wohl nicht sein, dass der Erfolg einer Wiedereingliederung davon abhängt, auf eine der seltenen Naturbegabungen im psychosozialen Feld zu treffen!
Psychotherapie im psychiatrischen Krankenhaus
Es wäre allerdings ein Irrtum, zu glauben, der Mangel an psychotherapeutischer Kompetenz wäre allein in der ambulanten Betreuung zu finden. Ein Blick auf die Wirklichkeit klinisch-stationärer Versorgung stimmt nicht gerade optimistisch: Hatte uns die Psychiatrie-Personalverordnung (PsychPV) 1995 eine personelle Ausstattung zugesichert, die die Entwicklung psychodynamischer und milieutherapeutischer Konzepte ermöglicht hätte, so ist die Realität auf den psychiatrischen Stationen seit Jahren von einem deutlichen Rückgang der therapeutischen Möglichkeiten gekennzeichnet. Dabei spielt die nur unvollständige Umsetzung der PsychPV (zwischen 70 und 90 Prozent) eine wesentliche Rolle. Gleichzeitig hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre die durchschnittliche Verweildauer der Patienten in der Klinik auf ca. zwanzig Tage verkürzt, so dass allein die notwendige Zeit für den Aufbau und die Entwicklung einer therapeutischen Beziehung oft schlicht nicht mehr vorhanden ist. Anhand der einfachen Formel Psychotherapie = Beziehung = Zeit = Geld kann die Logik auf den Punkt gebracht werden.
Erstaunlich ist schon, dass die Selbstdarstellung der psychiatrischen Krankenhäuser von alldem nichts erkennen lässt: Hier jagt eine psychotherapeutische Spezialmethode die andere, lächeln glückliche Patienten und zufriedene Therapeuten auf Hochglanzpapier aus in ihren potemkinschen Dörfern.
Psychotherapie als Kampfmittel
Dabei ist hinter den Kulissen inzwischen ein heftiger Kampf um die Psycho-Betten zwischen Psychiatrie und Psychotherapie/Psychosomatik entbrannt. Ein Kampf, dessen mögliche Konsequenzen noch gar nicht abzusehen sind. Als Gutachten und wissenschaftliche Arbeiten getarnt, krachen die Interessen von Großbetrieben und Konzernen als Ausdruck verschärfter Konkurrenz auf einem sich verknappenden Markt heftig aufeinander. Nur schwer ist zu durchschauen, wo überall sich hinter scheinbar fachlichen Debatten das nackte Interesse an Betten, Macht und Rendite verbirgt.
Da werden in Planspielen absurde Abgrenzungsmanöver bemüht, um zum Beispiel nach ICD-Diagnose-Ziffern die Entscheidung über Bettenmessziffern für die Psychosomatik oder die Psychiatrie zu begründen. Da werden schwer chronisch kranke Menschen als neue Klientel für psychosomatische Betten entdeckt. Da wird aus den Reihen der Psychosomatiker der Psychiatrie ein "schwerpunktmäßig neurobiologisches Konzept" (Janssen 1998) um die Ohren gehauen, während man für sich ein "ganzheitliches Verständnis seelischer Störung" in Anspruch nimmt – verbunden mit der Forderung nach entsprechend mehr Betten! Und plötzlich tönt psychiatrischerseits aus derselben DGPPN-Ecke2, die noch vor kurzem zum Beispiel bei den Leitlinien zur Behandlung der Schizophrenie ein erschreckend reduktionistisches Konzept vorgelegt hatte, im Brustton der Überzeugung die Behauptung, dass die Psychiatrie schon immer mit dem "bio-psycho-sozialen" Krankheitsverständnis eine Integration von Psychotherapie und Psychiatrie verfolgt habe. Zu schön, um wahr zu sein! Müsste man dagegen nicht ehrlicherweise feststellen, dass in einigen Bereichen der Psychiatrie das "bio-bio-biologische" Krankheitsverständnis (Aderhold 2005) fröhlich fortbesteht?
Psychotherapie im Behandlungskonzept
Tatsächlich stellt sich die Frage, was von den Änderungen auf dem Türschild (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie) und in der Weiterbildungsordnung für Ärzte (Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie) in der Realität der Beziehungen angekommen ist. Die erreichten Fortschritte sind zumindest skeptisch zu beurteilen. Allein dank der kontinuierlichen Manipulationsbemühungen der Pharmakonzerne besteht weiterhin eine unrealistisch überhöhte Erwartungshaltung bezüglich der Stellung der Medikamente in der Therapie - seien es die wunderbaren "atypischen" Neuroleptika, deren Compliance sich nach neueren Untersuchungen nicht wesentlich von den typischen unterscheidet, seien es die "modernen" Antidepressiva, die trotz kaum zu übertreffender Rezeptorselektivität nicht besser wirken als die alten, oder die in ihrer Wirksamkeit weiter heftig umstrittenen Antidementiva. Allein aus dieser Schieflage ließe sich ableiten, dass die Bedeutung der Psychotherapie weit hinter ihre Möglichkeiten zurückfällt, sei es im Rahmen der Sucht-, der Psychosen-, der Depressions- oder der Demenzbehandlung.
Psychiatrie ohne Psychotherapie?
Die Sozialpsychiatrie tut dennoch gut daran, sich der Vorwürfe und Behauptungen in dieser eindeutig interessengeleiteten Auseinandersetzung ernsthaft anzunehmen. Eine selbstkritische Prüfung verdient zum Beispiel die Behauptung, dass die Sozialpsychiatrie ihre Inkompetenz in zwei wichtigen Feldern unter Beweis gestellt habe: Sie sei weder in der Lage, psychoneurotische (= psychotherapeutische) Erkrankungen in ihren Settings zu behandeln noch den schwer und chronisch psychisch kranken Menschen gerecht zu werden. Als Beweis wird einerseits die Existenz und Inanspruchnahme der psychotherapeutisch-psychosomatischen Kliniken, andererseits die explosionsartige Erweiterung des Maßregelvollzuges angeführt. Auch wenn die tendenziöse Polemik erkennbar ist, so bleibt doch genug Wahres daran, um sich nach dem eigenen Anteil an dieser Problematik zu befragen. Damit werden allerdings Fragen gestellt, die weit über unser Thema hinausgehen. Ich erwähne diese Positionen im Betten-Verteilungskampf dennoch wegen ihrer möglichen katastrophalen Auswirkungen auf eine psychotherapeutisch arbeitende Psychiatrie. Der Wegfall der in der Psychosomatik angeblich besser behandelten Patientengruppen (Depressionen, Sucht, Persönlichkeitsstörungen etc.) hätte die Beschränkung der Psychiatrie auf Schizophrenie- und Demenzbehandlung zur Folge. Es darf an dieser Stelle auch gesagt sein, dass die in der DGSP nicht gerade geliebte DGPPN sich wacker für die Interessen einer psychotherapeutischen Psychiatrie ins Zeug legt.
Überhaupt stellt sich in der aktuellen gesundheitspolitischen Situation bisweilen der Eindruck ein, dass die Eröffnung des Wettbewerbes auf dem Psycho-Markt ein "Hauen und Stechen" unter den verschiedenen Anbietern provoziert, die sich nun gegenseitig an den Kragen gehen. Es gehört schon eine besondere Form der Fantasie dazu, sich auszumalen, wie man mit weniger Geld mehr Qualität in der Psychiatrie erzeugt – Qualität, die in diesem Bereich im Wesentlichen aus Zeit und Menschen besteht. Die Interessen der Betroffenen, insbesondere schwer und chronisch Kranker, fallen in Wirklichkeit weitgehend unter den Tisch. Schließlich müssen auch Magersüchtige lernen, den Gürtel enger zu schnallen! Zur selben Logik gehört auf Seiten der Anbieter, dass das Sankt-Florians-Prinzip mit einer autistischen Einengung auf den eigenen Geschäftsbereich verbunden wird – genau das Gegenteil also von dem, was mit Vernetzung und Verbundarbeit gemeint ist.
Psychotherapie in der Gesundheitspolitik
Wen interessiert es in der Klinik schon, wenn draußen niedergelassene Psychotherapeuten über das BGH-Urteil aufschreien, das den Kassen erlaubt, Psychotherapie auf maximal dreißig Stunden pro Jahr und Patient zu begrenzen? Wen interessiert es wirklich, dass die Budgetpolitik der Kassenärztlichen Vereinigungen diejenigen Praxen bis zur Existenzgefährdung bedroht, die nicht ausschließlich Psychotherapie, sondern zum Beispiel eine Schwerkrankenversorgung mit integrierter Psychiatrie und Psychotherapie betreiben? Wen interessiert es, wenn das Modell der integrierten Versorgung von interessierter Seite gegen die Institutsambulanzen in Stellung gebracht wird? Und das alles unter einer schwarz-rot-gelb-grünen Politik, die den Verkauf psychiatrischer Krankenhäuser an irgendwelches frei vagabundierendes Kapital als hoffnungsvolle Zukunftsperspektive sieht. Seien Sie versichert, die Hecke brennt bereits an verschiedenen Stellen.
Wie wird sich 2010 psychotherapeutisches Handeln im psychiatrischen Alltag abbilden? Es wird weniger psychotherapeutische Leistungen geben, ob bei der Antragspsychotherapie im ambulanten Bereich, beim betreuten Wohnen oder im stationären Bereich. Überall, wo der Kampf um die Ressourcen entbrannt ist, werden sich notgedrungen neue Strukturen entwickeln.
Doch bevor Sie nun rausgehen und sich erschießen: Herr Stierl neigt bisweilen – aus politisch-didaktischen Gründen – zur Dramatisierung. Natürlich gibt es Widersprüche in der Entwicklung wie auch vereinzelte Fortschritte, Baustellen, die weiterzubetreiben sich lohnt: "need-adepted treatment" (bedürfnisangepasste Behandlung), das skandinavische Beispiel für einen psychotherapeutisch-integrativen Ansatz zur ambulanten Erstbehandlung von Psychosen, die Wiederentdeckung der Gruppentherapie und auch die Traumatherapie mit EMDR(Eye-Movement Desensitization and Reprocessing) und die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) für Borderline-Patienten sind – wenn sie nicht als Heilslehren überhöht werden – sinnvolle Ergänzungen des therapeutischen Repertoires, eingedenk einer (sinngemäßen) Äußerung Luc Ciompis, man könne nie genug lernen an Therapien, aber im entscheidenden Augenblick der Behandlung sollte man in der Lage sein, alles zu vergessen und authentisch zu sein.
Wir werden uns ändern (müssen)
Die Sozialpsychiatrie wird ihre Kompetenz für alle schweren Formen seelischer Erkrankung unter Beweis stellen müssen. Die Bedingungen hierzu werden sich sicher nicht verbessern. Allerdings hängt dies auch von der politisch-öffentlichen Darstellung unseres Faches ab. Wir werden unsere Arbeit verkaufen müssen. Das ist im Kapitalismus eigentlich nichts Besonderes. Für uns ist es neu. In der Reform- oder besser Modernisierungsphase der 1970er- und 1980er-Jahre war vorübergehend bei einigen der Eindruck entstanden, es ginge auch in den größeren politischen Zusammenhängen um höhere Werte, z.B. um Humanität und Gerechtigkeit. Das ist jetzt vorbei. Der Vorschlag, Psychotherapie als Kassenleistung grundsätzlich zu streichen fällt unter die Rubrik "Tabubrechen als Volkssport". Sollten wir nicht lernen, uns zu wehren, werden uns einige der heutigen Selbstverständlichkeiten in kürzester Zeit um die Ohren fliegen.
Psychotherapie in der Sozialpsychiatrie bezeichnet nichts weniger als den Kern, das Wesentliche unseres Tuns, ob als psychotherapeutische Grundhaltung oder spezifisches Methodenwissen. Alles in der Psychiatrie, auch die Gabe eines – so Gott will – besser wirkenden Medikamentes, ist von unserer bewussten und möglichst geplanten Beziehung zum seelisch kranken Menschen geprägt, oft sogar abhängig (97 Prozent der Menschen mit einer Schizophrenie sehen sich zu Beginn ihrer Erkrankung nicht als krank an [nach WHO 1973 und Creer/Wing 1975]). Nicht zuletzt ist die Beziehung zu den Patienten aber auch der beglückende Teil, der Teil unserer Arbeit, der uns ermutigt, der uns immer wieder neu die Sinnhaftigkeit unseres Berufs vermittelt. Eine solche direkte, intensive Beziehung von zwei Menschen braucht, um gesund zu bleiben, immer die "Triangulierung", d.h. die Einbindung in eine größere Gemeinschaft, ob Familie, soziale Gruppe oder Gemeinde.
Politische Psychotherapie
Psychotherapie umfasst deshalb auch eine Auseinandersetzung mit der Kultur, mit dem Staat und der Politik und zwingt manchmal auch zur Parteilichkeit. Wer seinen Arbeitsplatz in einer Klinik gefunden hat, die ihre Stellenanzeigen damit garniert, dass die Attraktivität der Arbeit darin besteht, "höhergestellten Personen aus Wirtschaft und Gesellschaft" zu begegnen, wird sich unsere Gedanken ersparen können. Auch überall da, wo sich Psychotherapie von der Unternehmensberatung bis zur Esoterik auf lukrativen Abwegen befindet, eröffnen sich in einer zunehmend verrückter werdenden Welt schillernde Beschäftigungsmöglichkeiten. Doch da, wo sich Psychotherapie als bewusster und geplanter Umgang mit psychisch leidenden Menschen versteht, wird sie sich, wenn sie nicht zur reinen Anpassungstechnik verkommt, immer als kritisch-emanzipatorisch, als an der Würde des Menschen und seiner sozialen Bindung orientiertes Handeln behaupten.
Es ist gut, wenn man zur Standortbestimmung zusammenkommt. Und bei allem Pessimismus in den aktuellen Umverteilungskämpfen, bei der Armut vieler unserer Patienten – der Titel dieser Tagung kokettiert elegant mit dem, was uns in diesem anstrengenden Berufsfeld hält: Als Menschen macht es uns reich – wie gesagt: beziehungsreich.
Dr. Sebastian Stierl ist leitender Arzt am Niedersächsischen Landeskrankenhaus Lüneburg und Mitglied des erweiterten Vorstands der DGSP.
Anmerkungen:
1 Das Zitat von Klaus Dörner lautet: "Psychiatrie ohne Sozialpsychiatrie ist keine Psychiatrie."
2 DGPPN = Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie.
Literatur beim Verfasser.
((BU))
W. Michaeli: Therapie-Visite
W. Michaeli: Mein Leben-Angst
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift soziale psychiatrie, Heft 2, April 2006, Seite 12f