Europäische Solidarität oder amerikanische Selbsthilfe?
Quelle: 'Rosa Beilage' zur VPP 3/2004
Ein Plädoyer für ein 'mittelatlantisches Modell'[1]
Anlässlich des 4. Workshops "Zukünftiger Stellenwert von Gesundheit in Europa" der Firma GlaxoSmithKline am 22. Juni in Hamburg referierte der Unternehmensberater Heinz Redwood über unterschiedliche Auffassungen von Gesundheit in Europa und Amerika. An den Anfang seiner Betrachtungen stellte er ein Befragungsergebnis aus dem Jahrbuch 2002 der statistischen Europabehörde Eurostat. Befragt wurden Frauen und Männer von mehr als 65 Jahren Lebensalter nach der Selbsteinschätzung ihrer Gesundheit. Das Ergebnis zeigt die nachstehende Tabelle:
| Land | "sehr gut" oder "gut" in Prozent | |
Frauen | Männer | |
| Vereinigtes Königreich | 54,4 | 57,5 |
| Irland | 53,5 | 62,3 |
| Dänemark | 43,4 | 53,7 |
| Europäische Union im Durchschnitt | 29,0 | 34,5 |
| Frankreich | 27,1 | 31,6 |
| Spanien | 26,4 | 36,9 |
| Griechenland | 23,1 | 37,8 |
| Italien | 20,3 | 26,7 |
| Deutschland | 17,2 | 19,3 |
| Portugal | 5,1 | 12,8 |
Die Befragung zeigt, dass es bereits in Europa starke regionale und Geschlechtsunterschiede bei der Selbsteinschätzung des Gesundheitszustandes gibt. Im Durchschnitt war ein ziemlich deutlicher Teil der britischen und irischen Senioren positiv zu ihrem Gesundheitszustand eingestellt, deutlich mehr als in Deutschland, wo man in Bezug auf die eigene Gesundheit offensichtlich sehr pessimistisch ist. In allen Mittelmeerländern gibt es zwischen Männern und Frauen signifikante Unterschiede, wobei insgesamt die Gesundheit weniger gut eingeschätzt wird als in England oder Irland. Redwood arbeitete die kulturellen Unterschiede in Europa als Ursache für die variable Einschätzung der Gesundheit von Land zu Land und Geschlecht zu Geschlecht heraus.
Solche Unterschiede gibt es nach Redwood selbstverständlich auch zwischen Europa und den USA. In den USA existiere kein einheitliches Gesundheitswesen, sondern eine Reihe von verschiedenenartigen Modellen. Man könne das amerikanische Gesundheitswesen eher als ein "Nichtsystem" kennzeichnen. Im Gegensatz zu Europas vorwiegend staatlichen und monolithischen Aufbauprinzipien zur Gesundheitssicherung werde das amerikanische Nichtsystem pluralistisch finanziert, versichert und versorgt. Die Patienten hätten weitgehend freiere Wahl - wenn sie sich denn eine Krankenversicherung leisten könnten. Die Kluft zwischen Europa und USA sei im wesentlichen kulturell bedingt. Europa glaube an Solidarität. Amerika bekenne sich eher zu Selbstverantwortung und Selbsthilfe. Dieser Mentalitätsunterschied sei geradezu philosophisch und habe beachtliche Auswirkungen in der Praxis der Gesundheitssicherung.
Begrifflich bedeute Solidarität im Gesundheitswesen die Bereitschaft der Gesellschaft zur Übernahme der Verantwortung für die Versorgung derjenigen, die nicht in der Lage seien, sich selber zu versorgen. Prinzipielle Voraussetzung für die Solidarität sei das Anrecht der gesamten Bevölkerung auf Zugang zum Gesundheitswesen. Infolgedessen finanziere man dieses Solidaritätsprinzip entweder durch eine gesetzlich geregelte Sozialversicherung oder durch Steuereinnahmen. Diesem Prinzip habe sich ganz Westeuropa angeschlossen und bemühe sich, es auch in der Praxis anzuwenden.
In den USA sei dies keineswegs der Fall. Dort gelte das Ideal der Selbsthilfe. Wer diese schätze, betrachte das Anrecht auf die Solidarität weder als notwendig noch unbedingt als wünschenswert. Über die Folgen berichtete Redwood so: "In Amerika zahlen in erster Linie Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Beiträge zur Krankenversicherung. Sonst versichert man sich privat, wenn man zahlungsfähig ist. Das Resultat: Über 40 Millionen - also etwa ein Sechstel der amerikanischen Bevölkerung - haben keine Krankenversicherung. Viele andere sind ungenügend versichert."
Trotzdem mache man beträchtliche Konzessionen an die Solidarität. Für Senioren und Schwerbehinderte sei Medicare gegründet worden, dies zeige, dass die amerikanische Öffentlichkeit bestimmte Gruppen der Bevölkerung unterstützen wolle, die sich selbst nicht helfen könnten. Dagegen sei der Versuch, eine Sozialversicherung für alle einzuführen, aber immer wieder gescheitert - bekanntlich zuletzt 1994 die Clinton-Reform. "Viele Europäer betrachten das Nichtsystem des amerikanischen Gesundheitswesens als widerwärtiges Schreckbild. Andererseits verabscheuen viele Amerikaner die europäische Solidarität als socialised medicine - also als eine unamerikanische Verstaatlichung der Medizin."
An diese Feststellung knüpfte Redwood die Frage: Wer hat Recht? Auf der Grundlage einer historischen Analyse kommt Redwood für das 21. Jahrhundert zu dem Schluss, dass ein "mittelatlantisches Modell" die Vorteile des amerikanischen "Nichtsystems" mit denen der europäischen Systeme verknüpfen müsse. Von den Amerikanern könne man Flexibilität, die ablehnende Einstellung zum Zentralismus, pluralistischen Wettbewerb, das schöpferische Streben nach Experimenten und den Willen lernen, innovative Ideen in der Wissenschaft, in der Technologie und auch im Gesundheitsmanagement durchzusetzen.
Auf der Grundlage europäischer Erfahrungen solle man diese amerikanischen Tugenden benutzen, um
- die Solidarität im Sinne der tatsächlichen sozialen Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts neu zu formulieren
- eine Evolution vom Zentralismus der Öffentlichkeit im Gesundheitswesen zum Patienten als Mittelpunkt in Gang zu setzen, und
- Management und Finanzierung der Gesundheitssicherung pluralistisch zu entwickeln.
Auf diesem Weg sei die Schweiz am weitesten vorangeschritten. Redwood empfahl den Mitgliedstaaten der europäischen Union, in diesem Sinne einige mutige Innovationen zu wagen.