Gedenkveranstaltung zur Würdigung von Klaus Grawe - Die Zukunft der Psychotherapie
Es war eine beeindruckende Schar von KollegInnen, StudentInnen, WegbegleiterInnen, die sich mehr als ein Jahr nach dem plötzlichen Tod von Klaus Grawe (V 10.7.2005) in Aula und Audimax der Universität Bern versammelten, um ihm noch einmal Reverenz zu erweisen. Die illustre Schar von Hochschul-Referenten konnte als Hinweis auf den Eindruck und die Spuren gewertet werden, die er als Mensch und Wissenschaftler hinterlassen hat.
In seinen einleitenden Worten gab Professor Semmer, der Dekan der Fakultät den Rahmen vor, als er sagte, dass es darum ginge die Gedanken von Grawe weiter zu entwickeln und nicht „in der Exegese zu erstarren“, da Grawe für das In-Frage-Stellen von etablierten „Wahrheiten“ stand. Die Veranstaltung solle deutlich machen, dass es „nicht darum gehen kann, seine Arbeit linear fortzuschreiben, sondern dass ein zukunftsorientierter wissenschaftlicher Diskurs geführt werden bzw. angestoßen werden soll, der die Entwicklung des Faches durch ständiges kritisches Überprüfen des aktuellen Kanons vorantreibt. Seine wissenschaftliche Arbeit werde inzwischen von vielen anerkannt, die ihr zunächst kritisch oder sogar feindselig gegenüber gestanden haben. Es sei klar geworden, dass es nicht um die Anfeindung von Personen, sondern um die wissenschaftliche Fundierung von Psychotherapie ging, einem Anliegen, das letztlich im Interesse aller liege, die in diesem Feld wissenschaftlich und praktisch tätig sind.
Prof. Dietmar Schulte von der Universität Bochum, der der in seinem Beitrag den beruflichen Lebensweg von Klaus Grawe skizzierte („Klaus Grawe: Auf dem Weg zu einer psychologischen Therapie“), nahm diesen Gesichtspunkt auf, indem er aus einem Interview zitierte, das Steffen Fliegel mit Grawe etwa ein halbes Jahr vor dessen plötzlichen Tod geführt hatte: „Es ist eine offene Frage, wie die Psychotherapie am besten weiter entwickelt werden könnte.“ Eine Aussage, die er immerhin nach 35 Jahren Psychotherapieforschung machte. Er habe es als „eine Art von Befreiung (erlebt), an nichts glauben zu müssen.“ An anderer Stelle des Interviews: „Ich habe keinen glaubenden, sondern einen wissbegierigen Bezug zur Psychotherapie“ (Psychotherapie im Dialog 2/2005; VPP 3/2005; www.klaus-grawe-institut.ch). Grawe machte es weder sich, noch den BerufskollegInnen leicht, da er mit gelegentlich atemberaubenden Tempo an der Weiterentwicklung der Psychotherapie arbeitete. Schulte fasste dies prägnant zusammen, indem er sagte, dass er mit einem neuen Ansatz kam, bevor man seinen aktuellen Ansatz richtig verstanden hatte. In einem anderen Interview (Report Psychologie) kurz vor seinem Tod bekräftigte er dies mit der Aussage: „Alle paar Jahre gebe ich ganz neue Antworten.“ Ein wichtiger Gesichtspunkt bei seiner Entwicklung und der späteren Schwerpunktsetzung in der Forschung war die Tatsache, dass Grawe nicht die universitäre „Ochsentour“ absolvierte (er war nie „Assistent“), sondern den Ruf nach Bern erhielt, bevor seine Habilitation abgeschlossen war. In seinen beruflich formativen Jahren in der Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf fand er, wie Schulte ausführte, ideale Arbeitsbedingungen vor, bei denen er Psychotherapieforschung und Praxis verknüpfen konnte. Die wissenschaftliche Arbeit war immer auf den psychotherapeutischen Alltag bezogen, was dazu führte, dass er lange Zeit bei den PraktikerInnen bessere Resonanz fand als bei seinen KollegInnen an den Universitäten.
Sein Weg führte von der Plananalyse über die Schematheorie zur Inkonsistenz, dabei immer wieder auf Begriffe und Konstrukte der Grundlagenforschung zurückgreifend - unter Vermeidung der Diktion von Therapieschulen. (Wegmarken: 1986 Schematheorie und Heuristische Psychotherapie, 1988 Prozessanalyse, therapeutische Wirkfaktoren, 1998 Konsistenztheorie, ab 2000 experimentelle Variationen zur Verbesserung von Therapiemotivation und therapeutischer Ressourcenaktivierung, 2004 Neuropsychotherapie, 2005 Empirische Untersuchungen zur Neuropsychotherapie, ein Ansatz der aktuell in reduzierter Form weiter geführt wird.)
Grawes Angriffe gegen das „Schulenkartell“ führten Ende der 90-er Jahre zu Feindseligkeiten, die sich bei einer Gelegenheit sogar in körperlichen Angriffen entluden. Offensichtlich verletzte er vitale (vermutlich ökonomische) Interessen von etablierten Vertretern des „Systems“. Auch wenn sich die Debatte in den letzten Jahren deutlich versachlicht hat, Grawe blieb bis zu einem gewissen Grade im deutschsprachigen KollegInnen-Kreis ein „enfant terrible“.
Dietmar Schulte beendet seinen beeindruckenden und auch sehr emotionalen Vortrag mit den Worten: Sein Weg „ist ein bewundernswert stetiger Weg, es ist ein Weg, der stetig weiterführt und uns in Vielem zu einem besseren Verständnis von Psychotherapie geführt hat. Es ist ein Weg, auf den er sehr viele mitgenommen hat, vor allem viele Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis. Kein Psychotherapieforscher kann für sich in Anspruch nehmen, ein solches Gehör in der Praxis gefunden zu haben. Die Forderung nach einer allgemeinen Psychotherapie kommt heute fast weniger aus der Forschung, als aus der Praxis. Ist das Ziel erreicht?“ „Nie ist das letzte Wort gesprochen.“ - sagt Klaus Grawe in dem PID-Interview.
Prof. Hansjörg Znoj („Geschichtliches zur Praxisstelle“), der derzeitige Lehrstuhlvertreter in Bern, zeichnete die Entwicklung der universitären „Praxisstelle“ nach, die weniger als Versorgungsinstitution, denn als praxisorientierte Forschungsstelle und Weiterbildungseinrichtung für angehende PsychotherapeutInnen konzipiert war. Klinische Anliegen und Forschungsanliegen sollten zu gleichen Teilen berücksichtigt werden.
Ab 1980 begann die Einführung erster qualitätssichernder Maßnahmen (Messmittel zur Erfassung des Therapieerfolgs). Die Diagnostik war sehr aufwändig. So wurden und werden im Standardverfahren neben den Eingangsinterviews Fragebogen mit insgesamt ca. 800 Items eingesetzt. 1986 wurde eine erste Version der „Figurationsanalyse“ eingeführt, mit deren Hilfe den PsychotherapeutInnen die Effekte der Therapie auf verschiedenen Dimensionen „optisch“ zurückgemeldet werden konnte. Da sich die erste „Figana“ als zu unflexibel erwies, wurde ab 1997 eine Neufassung eingesetzt. Qualitätssicherung und Forschung waren eng verknüpft, zum Beispiel bei der Prozessanalyse von Psychotherapie. Die aufgezeichneten Psychotherapien wurden unter verschiedenen Fragestellungen detailliert analysiert.
Das Behandlungskonzept soll sich bestmöglich an den Erkenntnissen der Wissenschaft orientieren, unter Berücksichtigung der Diagnose der PatientInnen und ihrer individuellen, interaktionellen Bedürfnisse. 1992 wurde ein postgradualer Studiengang eingeführt, der inzwischen erheblich gewachsen ist und dennoch den regionalen Bedarf nicht vollständig decken kann.
In einer Coda zum Bericht von Prof. Znoj stellte PD Dr. Martin Grosse-Holtforth die im Juli 2005 in Zürich gegründete Klaus-Grawe-Stiftung zur Förderung der Psychotherapieforschung vor. „Die Stiftung bezweckt die Förderung der Psychotherapieforschung zur Verbesserung der Versorgung von Menschen mit psychischen Problemen und Störungen und zur Prävention solcher Probleme und Störungen; dabei können insbesondere innovative und interdisziplinäre Forschungsprojekte mit Preisen, Stipendien, Forschungsbeiträgen und/oder Auszeichnungen unterstützt werden. Die Stiftung kann im Rahmen ihrer Tätigkeit eigene Organisationen gründen oder sich an bestehenden Organisationen beteiligen durch Leistung finanzieller Beiträge oder Erbringung sonstiger Hilfeleistungen.“ Stiftungsadresse: Klaus-Grawe-Institut für psychologische Therapie, Großmünsterplatz 8, CH-8001 Zürich
Im darauf folgenden wissenschaftlichen Teil wurde das Spektrum der Psychotherapie (?forschung) unter den verschiedensten Aspekten beleuchtet. Die Beiträge können hier nicht alle dargestellt werden, daher beschränken wir uns zur Illustration des Programms auf eine subjektive Auswahl von Beiträgen.
Prof. Walter Perrig(„Das Unbewusste in der Psychotherapie“) vom Institut für Psychologie der Universität Bern referierte über Bewusstes im Aufbau und in der Nutzung von Erfahrung. In einem eindrucksvollen Überblick skizzierte er Aspekte des Unbewussten und setzte sie in Relation zum Bewusstsein. Er stellte eine Theorie zum Bewusstsein und Unbewussten vor, ein Modell das er als „Version zum Korrigieren“ bezeichnete. Im nächsten Schritt erörterte er Bewusstsein und Unbewusstes in der Erlebnis- und Verhaltenssteuerung (reflektives Handeln, intuitives Entscheiden, reflektives Verhalten). Perrig stellte einige Forschungsprojekte vor, die erhellen sollten, wie Unbewusstes „funktioniert“ (implizites Gedächtnis, implizites Lernen, Intuition). Für die Zuhörer und Zuhörerinnen von besonderem Interesse waren seine Schlussfolgerungen: Unbewusstes bestimmt Erkennen und Erleben, aktiviert und strukturiert Bedeutung, nutzt vergessene Erfahrung, erfasst Invarianz und begründet Intuition.
Die therapierelevanten Implikationen seiner Überlegungen sieht er darin, dass in Therapie (und Training) durch gezielte Interventionen frühe unbewusste Prozesse der Assoziation, der Konditionierung, der Bahnung (Priming), der Habituation und der Aktivierungsausbreitung manipuliert werden, um damit unbewusstes Geschehen und in der Folge auch das Erleben, Wissen und Erinnerungen zu verändern. Perrig schlägt „explizites Semantik-Training und implizites evaluatives Konditionieren in einem computerunterstützten Mentaltraining von jeweils kurzer Dauer (5 – 10 Min.) vor. Einzusetzen wäre es zur Ergänzung von Expositionstherapie bei der Depressionsbehandlung oder der Integration und Vernetzung von traumatischen Erinnerungen bzw. zur Veränderung des autobiographischen Gedächtnisses.
Prof. Kurt Hahlweg(„Prävention kindlicher Verhaltensstörungen – ein Beitrag zur Senkung der Inzidenzrate psychischer Störungen“) von der Universität Braunschweig stellte in seinem sehr nachdenklich machenden Beitrag (einer gemeinsamen Arbeit mit Dr. Nina Heinrichs) internationale epidemiologische Studien vor, die zeigen, dass fast 20% aller Kinder und Jugendlichen in einem Untersuchungszeitraum von 6-12 Monaten klinisch bedeutsame Verhaltensauffälligkeiten wie Ängste, Depressionen und vor allem aggressives Verhalten, oppositionelles Trotzverhalten und hyperkinetische Störungen aufweisen. Dies wurde in Deutschland repliziert und bedeutet, dass in der Bundesrepublik Deutschland ca. 2.000.000 Kinder im Alter von ein bis 15 Jahren durch Störungen mit hoher Persistenz betroffen sind.
Präventive Interventionen sollten daher bereits früh im Kindesalter einsetzen, da sich eine Behandlung chronifizierter Störungen in der klinischen Praxis als schwierig erweise, auch wenn es durchaus starke Therapieeffekte in Forschungsstudien gäbe. Seine Folgerung: Zur Senkung der Auftretenshäufigkeit psychischer Störungen im Kindesalter könnte die breitflächige Einführung universeller präventiver Maßnahmen beitragen. Präventionsprogramme können danach unterschieden werden, auf welche dieser Risikofaktoren sie direkt Bezug nehmen. So gibt es universelle Programme, die auf die Allgemeinbevölkerung abzielten, selektive Programme mit Schwerpunkt bei Individuen oder Subgruppen mit erhöhtem Risiko für die zukünftige Entwicklung einer psychischen Störung und indizierte Programme, die auf Individuen mit prodromalen Zeichen oder Frühsymptomen einer psychischen Störung fokussieren. Hahlweg stellte Eltern-Trainingsprogramme mit ihren Vor- und Nachteilen vor und belegte deren Effektivität vor allem bei den teilnehmenden Müttern, durch deren Änderung im Erziehungsverhalten sich auch die o.a. Inzidenzrate verringerte.
In einem eher grundsätzlich angelegten Beitrag diskutierte Prof. Meinrad Perrez(„Dilemmas einer wissenschaftlich fundierten Psychotherapie“) von der Universität Fribourg Forschungsdilemmata in der Psychotherapie. Die randomisierte Kontrollgruppen-Strategie mache Voraussetzungen (Homogenität und Randomisierung der Patientengruppen mit möglichst homogenen Diagnosen, manualisierte und integre Behandlung, eher kurze Behandlungsdauer, valide Messverfahren, valide Diagnostik), die nur mit erheblichen Einschränkungen gegeben sind. Ausführlicher befasste er sich mit retrospektiven Messverfahren (Ratings), deren Unzuverlässigkeit über der Zeitachse er demonstriert. Er warb dafür, über die traditionellen Erfassungsmethoden hinaus ein Computer Aided Family Self Monitoring System einzusetzen, das deutlich weniger fehleranfällig sei, weil es „dicht an den Ereignissen“ einsetzbar sei. Perrez plädierte dafür, bei der zukünftigen ESP-Forschung („empirically supported psychotherapies“) veränderte Schwerpunkte zu berücksichtigen: Verstärkte Orientierung am DSM, Berücksichtigung moderner psychodiagnostischer Methoden, Lockerung des Treatment-Bezuges, Einbeziehung der Ätiologie der Störungen, häufigerer Einsatz kontrollierter Versuchsanordnungen im Feld, statt Manualisierung im herkömmlichen Sinn, Orientierung der Therapie an „Guidelines“ auf der Ebene kausal begründeter Prinzipien und schließlich die stärkere Erforschung therapeutischer Lernprozesse.
Prof. Franz Caspar(„Das kriegen wir schon hin - Überlegungen zur therapeutischen Beziehung“) von der Universität Genf sprach zum Thema der Psychotherapeutischen Beziehung. Er berührte verschiedene Aspekteder Beziehungsgestaltungunterplananalytischer Betrachtung von Interaktionen in dem amerikanischen Spielfilm „What about Bob?“, der die Beziehung zwischen einem Psychiater und seinem Patienten nachzeichnet. In der Folge stellte er angelaufene und abgeschlossene Studien vor, welche das Thema der komplementären Beziehungsgestaltung und ihrer Wirkung auf den Therapieerfolg untersuchten. Wenn wir aus den laufenden und unmittelbar geplanten Studien endgültig das nötige Rüstzeug haben, wird nach Caspar der nächste Schritt das umfassende Training von praktizierenden Therapeuten und Therapeuten in Motiv-orientierter Beziehungsgestaltung (mit Kontrollgruppenvergleich) sein. Es gibt erste, recht gut belegte Hinweise, dass Veränderungen in der Psychotherapie dann am wahrscheinlichsten sind, wenn Sicherheit und Herausforderung ausbalanciert sind. Aus der Perspektive der Wirkfaktoren nach Grawe sollten Ressourcenaktivierung (unter Anderem positive Erfahrungen im Sinne wichtiger Bedürfnisse) und Problemaktivierung (Arbeit an Problemen mit emotionaler Aktivierung) gleichermaßen realisiert werden. Dies ist dann am besten möglich, wenn die TherapeutInnen authentisches Interesse und Wertschätzung, verbunden mit Optimismus und Unterstützung in die Beziehung einbringen. „Das kriegen wir schon hin“, diese Worte von Klaus Grawe strahlten seinen Optimismus und seine Zuversicht aus.
Offen bleibt die Frage, wer kann und wer wird in der Lage sein, die Integrationsleistung von Klaus Grawe zu erbringen bzw. fortzuführen[2].
Am Vortag des Symposiums wurde in Zürich das Klaus-Grawe-Institut für Psychologische Therapie eröffnet. Das Institut wird geleitet von Dr. Mariann Grawe-Gerber und lic.phil. Barbara Heiniger-Haldimann. Es wurde neben der heutigen Leitung auch von Klaus Grawe vor vielen Jahren unter dem Namen „Institut für Psychologische Therapie“ mitgegründet und wird nun an sein Gedenken mit seinem Namen weitergeführt. Das Institut (www.klaus-grawe-institut.ch) hat sich als Aufgabe gesetzt, „maßgeschneiderte Psychotherapie auf hohem wissenschaftlichen Niveau anzubieten, Psychologinnen und Psychologen, Ärzte und Ärztinnen zu Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten auszubilden und Forschung zur Verbesserung Psychologischer Therapie zu betreiben.
Armin Kuhr, Steffen Fliegel
[1] Die vollständigen Beiträge werden als Schwerpunkt in VPP 2/07 veröffentlicht.
[2] Die DGVT wird mit den Lehrstuhlmitarbeitern in Bern und mit dem Klaus-Grawe-Institut für psychologische Therapie in Zürich weiterhin eng im Forschungs- und Ausbildungsbereich zusammenarbeiten, um die wissenschaftlichen Ansätze und therapeutischen Haltungen von Klaus Grawe aufrechtzuerhalten und weiter zu entwickeln.
Quelle: 'Rosa Beilage' zur VPP 4/2006