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Klaus Stöhr, Ingolstadt

Gegen die Verschlechterung der Situation der Sozialpsychiatrischen Dienste - Fachtagung der Bayerischen Psychotherapeutenkammer am 28. Oktober 2005 in Nürnberg

22. Januar 2007

Auf Initiative des Angestelltenausschusses der Kammer fand bereits am 16.2.2004 ein "Runder Tisch" im Sinne eines Expertengesprächs statt, an dem Vertreter des bayerischen Landtages, der bayerischen Bezirke, des bayerischen Ministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, der Krankenkassen, der Träger, der Betroffenen- und Angehörigenverbände und Mitarbeiter eines sozialpsychiatrischen Dienstes (SPDI) teilnahmen.

 

Das Eingangsstatement und die anschließenden Diskussionsbeiträge sind in einer Broschüre der Landeskammer dokumentiert.
Als ein Ergebnis dieser Veranstaltung kann die Anhörung am 04.03.04 im Ausschuss für Sozial-, Gesundheits- und Familienpolitik zum Thema "Sicherung der ambulanten sozialpsychiatrischen Versorgung psychisch Kranker und psychisch Behinderter" angesehen werden. Zu diesem Termin waren Vertreter der Kammer bzw. des Ausschusses "Psychotherapeuten in Institutionen" eingeladen und wurden dort auch angehört. Bei dieser Sitzung wurde deutlich, dass keiner der Kostenträger an der qualitativ hochwertigen Arbeit der sozialpsychiatrischen Dienste zweifelte. Dennoch wurde kurzfristig kein Konzept gesehen, wie 20 % der disponiblen Leistungen, die bislang durch die Krankenkassen freiwillig gezahlt worden waren und jetzt wegfielen, ersetzt werden konnten.
Im vergangenen Jahr kam es dann nicht zu den gefürchteten Radikalkürzungen bei den sozialpsychiatrischen Diensten, wohl aber zu einer moderaten Stellenreduktion. Zumindest wurde durch die Bezirke eine personelle Grundausstattung (mindestens eine halbe Psychologenstelle, eine Sozialarbeiterstelle, eine halbe Verwaltungskraft) garantiert. Im Bezirk Oberbayern, in dem pro Landkreis eine Dienststelle besteht, wurden mit den Diensten Rahmenleistungsvereinbarungen getroffen, diese werden jährlich neu getroffen und sollen die versorgungsspezifischen Besonderheiten der jeweiligen Gebiete berücksichtigen.

Veranstaltung zur Selbstreflexion und Selbstorganisation

Da weiterhin eine Reduktion der Finanzen und der damit verbundenen Verschlechterung der Versorgung psychisch Kranker und Behinderter zu befürchten war, plante der Ausschuss nunmehr eine weitere überregionale Veranstaltung, die den Mitarbeitern der sozialpsychiatrischen Diensten die Chance einer Selbstreflexion und ggf. auch Selbstorganisation ermöglichen sollte. Diese fand dann ganztägig am 28. Oktober 2005 im Haus Eckstein in Nürnberg statt. Nach  Eröffnungsansprachen durch den Präsidenten der Bayerischen Psychotherapeutenkammer, Dr. Nikolaus Melcop, sowie Klaus Stöhr und Heiner Vogel, beide aus dem bayerischen Ausschuss "Psychotherapie in Institutionen", hielt zunächst der Referatsleiter vom Bezirk Oberbayern, Herr E. Brinckmann, ein Referat zum Thema: "Situation und Zukunft der Sozialpsychiatrischen Dienste aus Sicht des Bezirks Oberbayern."

Wie in Bismarcks Zeiten

Brinckmann ging initial noch einmal auf die Stellensituation der Dienste ein und beklagte das überholte Finanzierungssystem, das dazu führe, dass nicht alle an der psychiatrischen Versorgung Beteiligten auf kostenrechtlich abgesichertem Terrain stehen. Es bestünden zum Teil noch "die Strukturen von Bismarck", meinte Brinckmann. Im Sozialhilferecht in SGB XII sei "ambulant vor stationär" zwar als Grundsatz im Gesetz verankert, der Gesetzgeber setze dies jedoch nicht konsequent um. Der Rechtsanspruch des Einzelnen werde im Wesentlichen mit stationärer Behandlung abgedeckt. Im Krankenkassenrecht sei ein Teil der Leistungen als "disponible Pflichtleistungen" definiert und damit nicht einklagbar. 

Wünsche der Angehörigen

Die Vorsitzende des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker e.V., Frau E. Straub, trug ein Reihe von Wünschen und Anregungen vor: Die Angehörigen wünschen sich Beratungen und Informationen, eine verbesserte Zusammenarbeit, Psychoedukation, Hausbesuche, Unterstützung bei krankheitsuneinsichtigen Patienten, insbesondere aufsuchende Krisenhilfe und die Organisation von Angehörigengruppen, falls es vor Ort ggf. noch keine gibt. Bei Ersterkrankungen benötigten die Angehörigen Hilfen zur Verarbeitung der Diagnose und zum Umgang mit Symptomen und Rückfallängsten. Bei chronischem Verlauf und immer wieder drohenden Rückfällen brauche man Unterstützung zum Erkennen von Frühwarnzeichen und bei Suizidvermutungen. Aufgrund der hohen Belastung benötigen Angehörige auch Hilfen zur eigenen Stabilisierung und Gesunderhaltung. Sie appellierte an die SPDi's, niederschwellig zu bleiben.
Die sozialpsychiatrischen Dienste könnten außerdem neu Betroffene an ApK-Selbsthilfe bzw. Betroffenengruppen weitervermitteln. Sie regte die Durchführung von Psychoseseminaren an.

Effektivität ist erwiesen

Dr. Heinrich Berger, Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes München-Giesing, konnte in seinem Referat überzeugend darlegen, dass sich die Versorgung insbesondere der chronisch psychisch Kranken durch die Tätigkeiten der Sozialpsychiatrischen Dienste nachweislich deutlich verbessert. So wurde beispielsweise für Bad Cannstadt nachgewiesen, dass sich bei den durch den sozialpsychiatrischen Dienst betreuten Kranken die Rehospitalisierungsrate um 36 % reduzierte. Auch die stationäre Behandlungsdauer ging zurück.

Paradoxien und Perspektiven

In den anschließenden Arbeitskreisen wurde in kleiner Runde die Themen "Artikulation von Interessen", "Wissenschaftliche Begleitforschung" sowie "Zukunftswerkstatt" behandelt. Deutlich wurde hier noch u.a. die paradoxe Situation der Psychotherapeuten in den sozialpsychiatrischen Diensten, die in ihrer alltäglichen klinischen Arbeit natürlich psychotherapeutische Methoden anwenden, um möglichst effizient zu sein. Sie dürfen dies jedoch offiziell nicht "Psychotherapie" nennen, da diese Tätigkeit eine definierte Kassenleistung wäre, die nicht zum Auftrag und dem offiziellen Leistungsangebot der sozialpsychiatrischen Dienste gehört bzw. gehören darf. Problematisch ist dieser Aspekt in Hinblick auf berufspolitische Perspektiven: Psychotherapeutische Interventionen in den SPDi's müssen aus den genannten Gründen anders deklariert werden: Das könnte - so wurde spekuliert - längerfristig die Konsequenzen haben, dass man meint, auf psychologisch/psychotherapeutische Mitarbeiter in den sozialpsychiatrischen Diensten verzichten zu können.  
Die besondere Qualität der Arbeit von ausgebildeten PsychotherapeutInnen ist zwar spürbar, sie darf aber nur unter einem label wie Beratung, soziale Unterstützung, Psychoedukation etc. aufscheinen. So könnte man, ohne die wahren (Kosten-) Gründe zu nennen, als Träger künftig auf die Einstellung von Psychotherapeuten verzichten, da ja deren besondere Qualifikation offensichtlich verzichtbar zu sein scheint.

Man war sich einig, dass gegenwärtig die Außendarstellung, zum Beispiel hinsichtlich der Niederschwelligkeit des Zugangs zu den Angeboten, noch sehr insuffizient ist. Durch weitere Studien sollte die Effektivität gegenüber den Bezirken und dem Sozialministerium nachgewiesen werden. Gegenwärtig wird beispielsweise eine Untersuchung zum Thema: "Inanspruchnahme, individuelle Bedeutung und subjektive Zufriedenheit" bezogen auf die Arbeit eines Sozialpsychiatrischen Dienstes am Lehrstuhls Sozialpädagogik und Gesundheitspädagogik der Universität Eichstätt (Prof. Dr. Hans-Ludwig Schmidt) durchgeführt.

Die Kommunikation und Kooperation der Dienste soll nachhaltig verbessert werden. Man wird zentral eine E-Mail-Adressenliste einrichten und pflegen (SPDI.giesing@projekteverein.de). Auf einer gemeinsamen Tagung in Seeon sollen die angeschnittenen Themen weiter vertieft werden.

Angeregt durch die Tätigkeit der bayerischen Psychotherapeutenkammer ist bei den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung die Problematik und die Konsequenzen von Mittelkürzungen bei den sozialpsychiatrischen Diensten bewusster geworden; bei den Diensten selbst wurde offensichtlich ein weiterer Prozess der Selbstreflektion und auch der beginnenden Selbstorganisation in Gang gebracht.

Dr. Klaus Stöhr
Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinikum Ingolstadt
EMail: Klaus.Stoehr@klinikum-ingolstadt.de