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VPP 4/2011

Gleichheit ist Glück oder: Die Wasserwaage

09. November 2011

Rezension des neuen Buchs von Richard Wilkinson und Kate Pickett

 

Der 2009 im englischen Original und kurz darauf in der deutschen Übersetzung erschienene Bestseller „Gleichheit ist Glück“ der beiden Epidemiologen Richard Wilkinson und Kate Pickett, von dem in Großbritannien schon mehr als 100.000 Exemplare verkauft wurden, ist zweifellos ein Meilenstein der Sozialwissenschaften und gilt als eines der wichtigsten Bücher der letzten zehn Jahre. Aber der Titel der deutschen Übersetzung ist leider missverständlich.

Es geht in dem Buch nicht um die großen Worte Glück oder Gerechtigkeit. Wörtlich übersetzt lautet der Originaltitel: „Die Wasserwaage. Warum Gesellschaften mit mehr Gleichheit fast immer besser dran sind.“ Die Wasserwaage ist eine Metapher für die Messlatte „soziale Ungleichheit“, die bei der Beurteilung der behandelten Probleme angelegt wird. Die Autoren haben die Statistiken der Industriegesellschaften der letzten Jahrzehnte durchforstet auf der Suche nach Korrelationen zwischen sozialer Ungleichheit (ausgedrückt in Einkommensverteilungsmustern) und dem Ausmaß sozialer und gesundheitlicher Probleme.

Das Buch zeigt auf der Basis der verfügbaren Daten, dass die meisten der heute im Vordergrund stehenden sozialen Probleme nicht mit dem Durchschnitts-Einkommen, sondern mit dem Grad der sozialen Ungleichheit korrelieren und mit wachsender Ungleichheit drastisch ansteigen. Viele Menschen in den unteren, aber auch in den mittleren und oberen Gesellschaftsschichten werden dadurch in Mitleidenschaft gezogen.

Die Ergebnisse der beiden Autoren basieren auf Massen von Daten, für die eine einfache und leicht verständliche Darstellungsweise gewählt wurde.  Herausgearbeitet wurde beispielsweise die Korrelation zwischen der Einkommensungleichverteilung (Quotient aus dem Durchschnittseinkommen der oberen und der unteren 20 Prozent der Bevölkerung) und der Häufigkeit der Fettleibigkeit (Adipositas) bei Erwachsenen. Bei den Ländern mit der höchsten Ungleichheit (USA, Portugal, UK) besteht hier ein Faktor von 8-10, bei denjenigen mit der niedrigsten Ungleichheit (Japan, Norwegen, Schweden) ein Faktor von 3-4.

Ähnlich gelagerte Korrelationen finden sich für viele weitere soziale und gesundheitliche Probleme, für die in den Industrieländern ausreichende Daten vorliegen, wie Lebenserwartung und Säuglingssterblichkeit, psychische Erkrankungen einschließlich Alkohol- und Drogensucht, Selbstmorde, Niveau des Vertrauens zwischen den Menschen, Zahl der Gefängnisstrafen und schulische Leistungen der Kinder. Bei all diesen Problemen schneiden die Länder mit höherer Einkommensungleichverteilung sehr viel ungünstiger ab als diejenigen mit niedriger Ungleichheit. So ist z. B. der Prozentsatz der Gefängnisinsassen in den USA etwa zehnmal so hoch wie in Schweden.

Ein wesentlicher Teil des Buches besteht in einer sachlichen und unaufgeregten Diskussion über die Frage, was diesen Korrelationen zu Grunde liegt. Die These der Autoren ist, dass es sich hier um einen ursächlichen Zusammenhang handelt. Zur Begründung werden viele überzeugende Befunde aus der aktuellen sozialwissenschaftlichen Literatur herangezogen. Die umfangreiche Literaturliste enthält 450 Verweise. Ein Ausgangpunkt der Überlegungen ist die auch von den Autoren festgestellte Korrelation zwischen dem Niveau des gesellschaftlichen Vertrauens und dem Ausmaß der Ungleichheit. In den Ländern mit einem größeren sozialen Gefälle bestehen ein niedriges Niveau des Vertrauens und dadurch vermehrte Unsicherheit, Ängste, Depressionen und chronische Stressbelastungen.

Im letzten Teil des Buches geht es darum, welche gesellschaftliche Therapie in Frage kommt. Hier sprechen sich die Autoren ganz eindeutig gegen den neoliberalen Zeitgeist aus und schlagen eine Reihe von Maßnahmen vor, mit denen mittel- und langfristig das soziale Gefälle abzubauen wäre, z.B. eine höhere Besteuerung der Einkommen mit sozialstaatlicher Umverteilung wie in Schweden oder geringere Einkommensunterschiede vor Steuern wie in Japan. Die Frage ist natürlich, wie das politisch umgesetzt werden kann.

Hier vertrauen die Autoren auf die Einsicht, dass gesellschaftliche Veränderungen in Richtung auf einen Abbau des sozialen Gefälles und ein Mehr an sozialer Gleichheit  im objektiven Interesse der gesamten Bevölkerung, auch der Wohlhabenden, liegen. Dafür liefern sie viele überzeugende Argumente. Um die Diskussion über ihre Vorstellungen zu befördern, haben sie eine Stiftung (The Equality Trust) gegründet, die sich mit einer ansprechenden und sehr informativen Website (www.equalitytrust.org.uk) an alle Interessierten wendet und vor allem die Internet- und Facebook-Generation ansprechen dürfte.

Prof. Dr. Klaus-Dieter Kolenda

Der Autor ist Facharzt für Innere Medizin, Physikalische und Rehabilitative Medizin in Kiel. Er schrieb diese Rezension für den vdää (verein demokratischer ärzte und ärztinnen), der sie in seinem Rundbrief 2/2011 veröffentlichte. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion..

Literaturhinweis:
Richard Wilkinson und Kate Pickett: Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Berlin 2009.
Titel der englischen Originalausgabe: The Spirit Level. Why More Equal Societies Almost Always Do Better. London 2009.