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Aktuell

Kommentar zur Stellungnahme des PARITÄTISCHEN zum Entwurf eines Gesetzes zur Neuordnung der Sicherheitsverwahrung und zur Stärkung der Führungsaufsicht

17. November 2010
 

Nach dem Lesen der Stellungnahme des PARITÄTISCHEN konnte ich dieser in weiten Teilen unumschränkt zustimmen, aber eben nur in weiten Teilen. Meine Zustimmung ebenso wie mein Widerspruch betreffen den Punkt, dass Psychotherapie zur „Resozialisierung“ eindeutig den Vorrang vor Sicherheitsverwahrung haben sollte. Leider werden in der vorliegenden Stellungnahme des PARITÄTISCHEN, wie auch generell in der politischen Diskussion aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur Therapierbarkeit von bestimmten Straftätern nicht angemessen berücksichtigt. Ich möchte in meiner Anmerkung genau diese wissenschaftlichen Ergebnisse der letzten Jahre in die Diskussion einbringen. Darüber, denke ich, sollten die Ergebnisse dieses politischen Diskurses der Problematik gerechter werden, als dies im Moment der Fall ist.

Sehr vereinfacht ausgedrückt stellt sich in der Forschung die Frage, ob Straftäter und hier in erster Linie Gewalttäter, therapiert werden können und sollen oder ob es nur die Möglichkeit gibt, diese „wegzusperren“. Dieses Problem hat seit vielen Jahren international eine Vielzahl von Forschungsprojekten hervorgebracht. Gerade dann, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, ob auch jugendliche Straftäter bereits in Sicherheitsverwahrung genommen werden sollten, hat die Forschung in den letzten Jahren eindeutige Ergebnisse vorgelegt. Diese Resultate sind leider in der Öffentlichkeit und auch in der politischen Diskussion kaum zur Kenntnis genommen worden und damit spielen diese wissenschaftlichen Ergebnisse auch in der aktuellen Diskussion nicht die Rolle, die ihnen eigentlich zusteht. Ich selbst habe die Forschungsergebnisse zur Fragestellung der Behandelbarkeit von „dissozialen Persönlichkeiten“ Anfang 2010 in einem Buchbeitrag (Merod, 2010) dargestellt und diskutiert. Mittlerweile gibt es zusätzliche neuere Ergebnisse, die meine Schlussfolgerungen zwar zum jetzigen Zeitpunkt nicht außer Kraft setzen, aber für Betroffene (und auch für Therapeuten) neue Möglichkeiten und Hoffnung eröffnen.

In den Forschungsergebnissen zu Persönlichkeitsstörungen der letzten Jahre hat sich deutlich herauskristallisiert, dass es zwei unterschiedliche Formen von „Dissozialen Persönlichkeiten“ gibt, die sich in der Symptomatik teilweise unterscheiden, aber auch einen hohen Überschneidungsgrad haben. Dennoch ist es aus juristischer Sicht, sowie aus Gründen des therapeutischen Zugangs notwendig diese zu unterscheiden. Es zeigt sich, dass sich hinter einer vergleichbaren Oberflächenstruktur (Symptomatik) unterschiedliche Tiefenstrukturen (neurobiologische Grundlagen) verbergen können, die unterschiedliche Herangehensweisen notwendig machen.

  • Dissoziale Persönlichkeiten vom Impulsiven (Borderline) Typus

Bei der hier angesprochenen Teilgruppe handelt es sich um Personen, die sich durch eine affektive Hyperreagibilität auszeichnen und gleichzeitig gering ausgeprägte und unflexible Kontrollmechanismen aufweisen. Diese führen zu intensiven, unkontrollierten Handlungsimpulsen, aus denen dann reaktiv-aggressives Verhalten resultiert.

Diese Subgruppe ist relativ gut behandelbar. Bei ihr wirken Methoden, die aus der Behandlung von Borderline-Patienten bekannt sind. Dabei ist zu beachten, dass die DBT-A bzw. die DBT kein spezifisches Behandlungsprogramm für Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung ist, sondern bei allen impulskontrollgestörten Menschen (so auch bei ADHS) erfolgreich eingesetzt werden kann.

  • Dissoziale Persönlichkeit vom psychopathischen Typus

Diese zweite Gruppe unterscheidet sich von der ersten vor allem im Bereich der (beobachtbaren) Emotionalität. Merkmale dieser Gruppe sind einerseits im Bereich der Emo­tionalität:

  • Ein Mangel an Empathie und Verbundenheit
  •  Das Fehlen von Reue und Schuldgefühl
  • Furchtlosigkeit und Reizsuche
  • Kein Lernen an Strafe

weitere Merkmale dieser Gruppe sind

  • Egozentrismus, Dominanzstreben, geringe Frustrationstoleranz
  • Ausbeuterische Beziehungen
  • Autonomiestreben, Einzelgängertum

Wie sehen nun die Forschungsergebnisse zu den beiden unterschiedlichen Gruppen aus?

  • Forschungsergebnisse: neurobiologische Grundlagen der (psychopatischen) antisozialen Personen

Im Zusammenhang mit der Diagnose „Dissoziale Persönlichkeitsstörung“ wurde schon recht früh an biologische Faktoren gedacht, die diese Störung zumindest mit determinieren. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass bei diesem Störungsbild die neurobiologische Forschung in den letzten Jahren auch sehr umfangreich war.

Nur ein Beispiel aus Deutschland, aus der Forschung zur Dissozialität bei Jugendlichen: Die Kölner GAP Studie (Gewalt Aggressivität Persönlichkeit). Das Ziel der GAP Studie bestand darin zu untersuchen, welche Vulnerabilitätsfaktoren bei Jugendlichen das Auftreten von Persönlichkeitsauffälligkeiten im Erwachsenenalter vorhersagen. In diesem Zusammenhang interessierte vor allem eine persönlichkeitspathologische sowie eine dissoziale Entwicklung bei Jugendlichen (Sevecke et al., 2005). Sie kommen zu dem Schluss, dass die Verhaltensdimension der Psychopathy (nach Hare) erfasst mit der PCL-YV (Psychopathy Checklist- Youth Version, Forth et al, 2003) auch schon bei Jugendlichen zu finden und zu diagnostizieren ist.

Die Gruppe um Niels Birbaumer hat sich mit der klassischen Konditionierung von Angstreaktionen bei psychopathischen Personen beschäftigt. Diese Kondi­tionier­ungs­ex­peri­mente zeigten, dass beim Vergleich von psychopathischen Personen und Gesunden im fMRT (funktionelle Magnetresonanztomographie) während einer klassischen Konditionierung von Angstreaktion deutliche Unterschiede auftraten. Gemessen wurde die BOLD-Reaktion[1]. Die BOLD-Reaktion auf den konditionierten Angstreiz (CS), ein neutrales menschliches Gesicht, auf das ein unangenehmer Druckreiz folgte, wurde verglichen mit einem CS ohne negative Folgen. Man fand, dass vor allem der ventrale Orbitokortex bei Psychopathen nicht aktiv war (Birbaumer et al. 2005, Flor et al. 2002). Psychopathen zeigen reduzierte Aktivierung in der Amygdala, vorderen Insula, Zingulum und Orbitofrontalkortex bei Antizipieren von Angstreizen. Weiterhin findet man, dass der Hautwiderstand in Antizipation aversiv-bestrafender Reize nicht erniedrigt und die Potenzierung des Schreckreflexes unterdrückt ist. Weiterhin hat sich gezeigt, dass Menschen mit einer psychopathischen Persönlichkeit sich in Situationen antizipatorischer sozialer Angst durch eine Unteraktivierung des Amygdala-präfrontalen-Inselkomplex-Furchtsystems aus­zeichnen.

Auch die Gruppe um Sabine Herpertz (Herpertz et al. 2001, 2002) konnte diese Ergebnisse zeigen. In ihrer Untersuchung zum Zusammenhang zwischen Amygdala und psychopathischer Persönlichkeit zeigte sich, das diese Jugendlichen Schwierigkeiten haben, Gesichts­ausdrücke der Angst zu erkennen. Bei ihnen fanden sich ebenfalls Beeinträch­tig­ungen des konditionierten Lernens und eine herabgesetzte autonome Reaktion (Hautwiderstand).

Ein wichtiges Ergebnis dieser Forschung war, dass die emotionale Modulation des Startle-Reflexes aufgehoben ist, d.h. die autonomen Reaktionen aufgehoben sind.

In eine ähnliche Richtung gehen auch die Untersuchungen von Sterzer et al (2004).  Interessant in diesem Zusammenhang ist auch der Beitrag von Müller & Hajak (2004), die eine Zusammenfassung empirischer Befunde zum Bereich der Psychopathischen Persön­lich­keit erstellt haben. Diese beiden Forscher kommen ebenfalls zu vergleichbaren Ergebnissen, dass bei Menschen mit psychopathischen Zügen die Biologie eine wichtige Rolle spielt und diese sich dabei von anderen Gruppen deutlich unterscheiden.

  • Schlussfolgerungen aus den neurobiologischen Befunden

Aus den neurobiologischen Untersuchungen kann man zum jetzigen Zeitpunkt einige bedeutsame Schlüsse ziehen, die dann aber auch Auswirkungen auf den Umgang bzw. die Therapie mit diesen Personen haben. Diese Menschen zeichnen sich durch Furchtlosigkeit sowie geringe emotionale Ansprechbarkeit aus, so wie es in dem Märchen „Von einem der auszog das Fürchten zu lernen“ beschrieben ist. Daraus resultiert, dass die Aufmerksamkeitsausrichtung auf Emotionales nur gering ausgeprägt ist. Dies sind die Kernprobleme der hyporeagiblen antisozialen Menschen, die bisher auch zu negativen Einschätzungen hinsichtlich der Therapieerfolge geführt haben. Die Vermeidung antisozialen Verhaltens, z.B. durch Konditionierung von Furchtreaktionen wird nicht gelernt. Damit fällt dieser Schutz durch die Furcht vor unangenehmen Konsequenzen bei diesen Personen weg.

Durch die neurobiologischen Bedingungen haben diese Menschen auch schon im jugendlichen Alter ein erhöhtes Risiko, unter psychosozialer Gefährdung pro-aktive Aggression zu erlernen. da sie ja einseitig nur die positiven Konsequenzen ihres Verhaltens erleben und speichern. Eine Folge davon kann aber auch eine mangelnde Unterdrückung von Wut sein, da das Ausleben der Wut unmittelbar negativ und positiv verstärkt wird und eine Angstreaktion nicht folgt. Auch die mangelnde Orientierung an sozialen Normen wäre damit erklärbar, da auch hier negative Konsequenzen aus dem nicht-befolgen nicht automatisch über das implizite Gedächtnis erlebt werden.

Gleichzeitig hat diese Gruppe natürlich ein erhöhtes Risiko, in Frustrationssituationen reaktive Aggression zu zeigen, da auch hier die Hemmschwelle sehr niedrig bis nicht vorhanden ist und derartiges Verhalten wird positiv verstärkt, da diese Menschen nur die positiven Konsequenzen (Macht! Erfolg durch Einschüchterung) erleben. Sie zeigen also beide Formen der Gewalt in den verschiedensten Situationen.

Birbaumer (2010) berichtet, dass es gelungen ist bei einer Gruppe psychopathischer Mörder den frontalen Cortex zu aktivieren. Dies macht Hoffnung, dass es vielleicht (irgendwann) möglich sein könnte, diese Menschen doch zu therapieren. Zum jetzigen Zeitpunkt kann aber noch keine Aussage darüber getroffen werden, ob eine Therapie nach dieser Aktivierung erfolgreich ist.

Was folgt nun daraus? Nicht die Sozialprognose sollte in Zukunft Grundlage über die Entscheidung in Richtung einer Sicherheitsverwahrung sein, sondern die Diagnostik einer dissozialen Persönlichkeitsstörung vom hyporeagiblen Typus. Nach Gewalttaten, also auch nach der ersten, wäre somit eine genaue Diagnostik zu erstellen und wenn eine Gewalttat zur Verurteilung kommt, ist festzustellen, ob der/die Täter/in eine psychopatische Persönlichkeit hat. Sollte dies der Fall sein, plädiere ich, zum Schutz der Umwelt, weiterhin für eine dauerhafte Sicherheitsverwahrung, auch wenn es mir (sicherlich mehr als dies bei den Tätern der Fall ist) immer wieder Bauchschmerzen bereitet. Es gilt natürlich genauso Fehleinschätzungen in der anderen Richtung zu verhindern. Deshalb müssen die Gutachter nachweisen, dass sie auf dem aktuellsten Stand der Forschung sind.

Rudi Merod, Bad Tölz

Literatur:
Birbaumer, N. & Schmidt, RF, (2006) Biologische Psychologie, Berlin: Springer
Birbaumer N. 2010 Night Lecture Vortrag beim Kongress der dgvt Berlin
Birbaumer, N., Veit, R., Lotze, M., Erb, M. Hermann, C., Grodd, W. & Flor, H., (2005) Deficient Fear Conditioning in Psychopathy, Achives of General Psychiatry, 62, p 799 – 805
Flor, H., Bierbaumer, N., Herrmann, C. Ziegler, S. & Patrick, CJ. (2002) Aversive Pavlovian Conditioning in Psychopaths: Peripheral and Central Correlates, Psychophysiology 39: 505-518
Forth, AE, Kosson DS & Hare, RD, (2003) Hare Psychopathy Checklist: Youth Version (PCL-YV), Technical Manual. Multi-Helth Systems, Toronto
Herpertz SC, Werth U, Lukas G, Qunaibi BS, Schuerkens A, HJ Kunert, R Freese, M Flesch, R Mueller-Isberner, M Osterheider, Sass H (2001) Emotion in criminal offenders with psychopathy and borderline personality disorder. Archives of General Psychiatry 58:737-745
Herpertz SC, Dietrich T, Werth U, Qunaibi M, Lukas G, Schuerkens A, Kunert HJ, Fresse R, Flesch M, Müller-Isberner R, Osterheider M, Sass H (2002) Affect regulation in borderline personality disorder; experimental findings from psychophysiology and functional neuroimaging.
Acta Neuropsychiatrica 14(2):71-76
Merod, R. 2010 Aggressive Jugendliche- Dissoziale Erwachsene?, in R. Merod (Hrsg) 2010, Persönlichkeitsstörungen bei Kindern und Jugendlichen Tübingen, dgvt Verlag p 181 – 204
Müller, J. & Hajak, G. (2004) „Psychopathy“ – Empirische Befunde zur gemütlosen Persönlichkeit, in: Stephan, A. & Walter, H. (Hrsg.) Moralität, Rationalität und die Emotion, (p 233 – 250) Ulm: Humbold-Studienzentrum
Sevecke, K, Krischer, M, Döpfner, M, & Lehmkuhl, G, 2005, Psychopathy, Impulsivität und ADHS als Prädiktor für delinquentes Verhalten bei delinquenten Jugendlichen – Ergebnisse aus der Kölner GAP-Studie, in: Saimeh , N. (Hrsg.) Was wirkt? (20. Eickelborner Fachtagung zu Fragen der Forensischen Psychiatrie), 256 -265
Sterzer,P. Stadler,C., Krebs, A., Kleinschmidt, A. & Poustka, F. (2005), Abnormal Neural Response to Emotional Visual Stimuli in adolescents with Conduct Disorder, Biological Psychiatry, 57: 7 - 15


[1] Zur Erläuterung der BOLD Reaktion = blood oxydation level dependance, siehe z.B Birbaumer & Schmidt, 2006