Konsensuskonferenz „Qualitätsindikatoren für psychiatrische Störungsbilder“
Am 21. Februar 2011 fand in Marburg die Konsensuskonferenz „Qualitätsindikatoren für psychiatrische Störungsbilder“ statt, zu der die Arbeitsgemeinschaft Wissen-schaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften (AWMF) und die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie (DGPPN) die relevanten Fachverbände eingeladen haben. Hintergrund war, dass die DGPPN Qualitätsindikatoren für zunächst vier psychiatrische Störungsbilder (Alkoholabhängigkeit, Demenz, Depression, Schizophrenie) auf der Basis vorhandener Leitlinien entwickelt hat.
Die Messung von Behandlungsqualität in der Psychotherapie und der Medizin ge-winnt zunehmend an Bedeutung, und die Qualitätsindikatoren können hierbei einen wichtigen Beitrag leisten.
Die von der DGPPN berufene Steuergruppe[1] sowie die Expertengruppe[2] hatten bei ihrer Vorarbeit eingangs festgelegt, dass im Interesse der Machbarkeit und Imple-mentierung in die klinische Praxis das Qualitätsindikatorenset überschaubar sein soll und deswegen nicht mehr als 20 Qualitätsindikatoren pro Störungsbild umfassen sollte. Dies ist sicherlich sinnvoll, wenn es um das Ziel geht, diese Qualitätsindikatoren in die alltägliche Versorgung zu integrieren.
Im bisherigen Entwicklungsprozess ist zunächst eine Sichtung bereits vorhandener Qualitätsindikatoren im deutschsprachigen Raum erfolgt. Anschließend wurde eine systematische Recherche nach Qualitätsindikatoren in bestehenden nationalen und internationalen Leitlinien sowie vorhandenen Qualitätsindikatordatenbanken durchgeführt.
Die hierbei gefundenen Qualitätsindikatoren wurden von den Mitgliedern der Steuergruppe vorbewertet und anschließend seitens der Steuergruppe sowie von den Mit-gliedern der Expertengruppe einem QUALIFY-Verfahren unterzogen.
Die als sinnvoll erachteten Qualitätsindikatoren wurden sodann in einem einmaligen Konsensusprozess im RAND/UCLA-Verfahren mit den relevanten Verbänden bei dieser Konferenz vorgestellt und abgestimmt.
Was bedeutet dieses RAND/UCLA-Verfahren, das in diesem Treffen durchgeführt wurde, für:
- Depression,
- Demenz,
- Alkoholabhängigkeit,
- Schizophrenie?
Zunächst geht es darum, die Gütekriterien zu bewerten und zwar in Hinblick auf:
- Bedeutung des mit dem Qualitätsindikator erfassten Qualitätsmerkmals für das Versorgungssystem
- Nutzen
- Berücksichtigung potenzieller Risiken / Nebenwirkungen
- Klarheit der Definitionen
- Validität
- Verständlichkeit und Interpretierbarkeit
- Beeinflussbarkeit der Indikatorausprägung
- Implementationsbarrieren
Die Bewertung von Qualitätsindikatoren an Hand dieser Gütekriterien erfolgt in ma-ximal zwei Runden:
So sieht das Vorgehen in der 1. Runde aus: Für jedes Gütekriterium wird ein ge-trennter Stimmzettel ausgeteilt mit den Bewertungsstufen
1 = trifft nicht zu
2 = trifft eher nicht zu
3 = trifft eher zu
4 = trifft zu
Enthaltung
Alle zu bewertenden Qualitätsindikatoren waren auf einem Stimmzettel tabellarisch aufgelistet. Es darf pro Qualitätsindikator nur eine Antwort angekreuzt werden. Ent-haltungen sind möglich. Die Ergebnisse der ersten Bewertungsrunde werden einge-sammelt und ausgewertet.
Bei Vollzähligkeit und gleichzeitigem Konsens der Bewertungen für ein Gütekriterium zu einem Qualitätsindikator ist die Bewertung dieses Qualitätsindikators für das betreffende Gütekriterium abgeschlossen.
Vollzähligkeit bedeutet, dass alle Bewertungen gültig sind und es keine Enthaltung gibt. Bei fehlender Vollzähligkeit (durch Enthaltungen, ungültige Bewertungen) oder Dissens in der ersten Bewertungsrunde werden die aggregierten Ergebnisse in dem Bewertungsgremium zur Diskussion gestellt mit dem Ziel eines Informationsaustausches. Es darf kein Konsens erzwungen werden. Im Anschluss an die Diskussion geben die Mitglieder erneut ihre Bewertung ab. Dies stellt dann die zweite und letzte Bewertungsrunde in einem solchen Konsenstreffen dar. Die Bewertung erfolgt wie in der ersten Runde.
Die Bewertungen der zweiten Bewertungsrunde werden wie im ersten Durchlauf eingesammelt und ausgewertet. In diesem zweiten Durchgang ist die Bewertung dann gültig, wenn höchstens 1/3 der Anwesenden nicht an der Bewertung teilgenommen haben, also mit Enthaltung gestimmt haben.
Wenn auch in der zweiten Runde das Ergebnis in einer ungültigen Bewertung be-steht, entfällt eine weitere Bewertung dieses Kriteriums.
Im Falle eines gültigen Bewertungsergebnisses wird der gerundete Mittelwert berechnet und die Spannweite angegeben. Zur Verdeutlichung wieder ein Beispiel: Bewertungsergebnis: abgerundeter Mittelwert: „2 = trifft eher nicht zu“, Spannweite 1-4).
Aber auch ein Beispiel, wie ein ungültiges Bewertungsergebnis dargestellt wird, so dass auch hier Klarheit besteht: Qualitätsindikator x: für das Gütekriterium y wird keine gültige Bewertung erzielt.
Konsens bedeutet also eine gewichtete Zustimmung zu dem jeweiligen Indikator.
Zum besseren Verständnis ein Beispiel: Qualitätsindikator Diagnostik / Erkennen de-pressiver Erkrankungen, Gütekriterium Risiko der Fehlsteuerung:
keine Enthaltung,
80% der Stimmen: „3 = trifft eher zu“
20% der Stimmen: „4 = trifft zu“
Zur Vorbereitung dieser Konferenz wurde den teilnehmenden Vertretern der ver-schiedenen Fachverbände das Set an Qualitätsindikatoren nach dem Delphi-Verfahren zunächst zugesandt mit der Bitte, die jeweiligen Einschätzungen und etwaige Änderungswünsche mitzuteilen sowie diese zu begründen.
Durch diese Vorgehensweise verlief die Konsensrunde positiv und die Zeit war insgesamt ausreichend.
Ich hoffe nun auf zwei Dinge: einmal dass diese Qualitätsindikatoren bald veröffentlicht werden. Aber noch viel wichtiger erscheint mir zu sein, dass diese Indikatoren möglichst schnell im Alltag umgesetzt werden. Nur dann sind sie letztendlich sinnvoll und helfen, die Versorgung der PatientInnen zu verbessern.
Rudi Merod, Bad Tölz
[1]Die Mitglieder der Steuergruppe: Prof. Dr. W. Gaebel, Prof. Dr. P. Falkai, PD Dr. B. Janssen, PD Dr. J. Zielasek, PD Dr. T. Wobrock, Dipl.-Psych. K. Sommerlad, D. Reich-Erkelenz M.A.
[2]Die Mitglieder der Expertengruppe: Prof. Dr. W. Gaebel, Prof. Dr. P. Falkai, PD Dr. B. Janssen, PD Dr. J. Zielasek, PD Dr. T. Wobrock, Prof. Dr. I. Kopp, Dipl. Psych. C. Klesse, Prof. Dr. K. Mann, Dr. A. Spottke, Dr. S. Weinbrenner, PD Dr. C. Lange-Asschenfeldt, Prof. Dr. W. Maier