Laudatio zur Verleihung des D.G.V.T. – Preises an Frau Roswitha Beck
Bernhard Scholten, Dipl. Psych., Mitglied der Planungsgruppe des 16. Kongresses für klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung, Referent für Psychiatrie und Behindertenhilfe im Ministerium für Arbeit, Soziales, Familie und Gesundheit, Rheinland-Pfalz
Sehr geehrte Frau Beck,
meine sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
es ist für mich eine besondere Ehre heute für Sie, sehr geehrte Frau Beck, liebe Roswitha, die Laudatio halten zu dürfen anlässlich der Verleihung der Distinguished German Visionary Trophy. Diesen Preis verleiht die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie in diesem Jahr zum 4. Mal. Der erste Preisträger im Jahr 2000 war Heiner Keupp, Professor für Sozial- und Gemeindepsychologie, der für seine Arbeiten zur Präventionsforschung, zur Selbsthilfe und zu gemeindepsychologischen Perspektiven ausgezeichnet wurde.
Alexa Franke, Professorin für Rehabilitationspsychologie an der Universität Dortmund, erhielt diesen D.G.V.T. – Preis im Jahr 2002. Ausgezeichnet wurde sie für ihre Arbeiten zur „Salutogenese“. Ihrem Engagement ist es wesentlich zu verdanken, dass die Gedanken und die Werke von Aaron Antonovsky im deutschsprachigen Raum bekannt wurden.
Beim 15. Kongress für klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung im Jahr 2004 wurde Gerd Sommer, Professor für klinische Psychologie an der Universität Marburg mit dem D.G.V.T. – Preis ausgezeichnet. Ihm wurde der Preis verliehen, weil er seinem Werk die Bedeutung sozialer Unterstützungssysteme und sozialer Netzwerke für die Prävention psychischer Störungen beschrieben hat.
Sie,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
erkennen sicherlich sogleich das Gemeinsame dieser drei ersten Preisträgerinnen und Preisträger: sie kommen nicht nur alle aus dem universitär-akademischen Raum, sondern alle Drei betonen – wenn auch mit unterschiedlichen Themen – die Bedeutung und die Notwendigkeit der Teilhabe und der Selbstbefähigung der betroffenen Menschen. Wenn ich das Ergebnis dieser Forschungen in einem Satz zusammenfassen darf, so lautet es: Einem Mensch gelingt es eher eine seelische Krise, in der er hineingeraten ist, zu bewältigen, wenn er zum Einen ein Netzwerk von Menschen hat, das ihn in dieser Krise auffängt und trägt, damit er so seine Ressourcen und Fähigkeiten nutzen kann, um einen Ausweg aus der Krise zu finden – oder doch zumindest stark wird, um die Krise zutragen; denn manche seelischen Verwundungen können nicht verheilen – nur vernarben.
Doch Menschen in seelischen Krisen und Menschen mit psychischen Erkrankungen tendieren aber eher dazu, sich zurückzuziehen, ihre „seelische Erkrankung“ zu verstecken und zu verheimlichen. Auch die Angehörigen ignorieren seelische Krisen, bagatellisieren diese, breiten den großen Mantel des Schweigens aus, versuchen „Normalität“ herzustellen, obwohl jede und jeder Beteiligte unter der Situation leidet.
Ich will und kann Ihnen jetzt nicht im Detail die Wirkmechanismen von Empowerment, Partizipation, Teilhabe und des Kohärenzgefühls beschreiben – doch allen dieser Prinzipien ist gemein, Menschen zu befähigen, eine schwierige und kritische Situation verstehbar und erklärbar und damit bedeutsam und handhabbar zu machen. Und dies ist auch ein wesentlicher Grund, warum sich die Inhaltliche Planungsgruppe des Kongresses und der DGVT-Vorstand für Roswitha Beck als diesjährige Trägerin des D.G.V.T.-Preises ausgesprochen haben.
Bei der Vorbereitung dieses Kongresses standen Planungsgruppe und DGVT-Vorstand vor der Frage, wer denn bei diesem 16. Kongress für klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung die Destinguished German Visionary Trophy erhalten soll. Vorschläge für Personen aus dem akademischen Bereich gab und gibt es mit Recht einige. Doch – so fragte sich die Inhaltliche Planungsgruppe – wo bleiben denn die Visionen bei einer solchen Preisverleihung? Der Preis – so hatte es der DGVT-Vorstand Ende der 90iger Jahre beschlossen – „wird verliehen für hervorragende Leistungen auf den Gebieten:
- der Entwicklung der Psychotherapie/Verhaltenstherapie in gesellschafts- und gesundheitspolitischer Verantwortung oder
- der Weiterentwicklung gesundheitsförderlicher bio-psychosozialer Prävention und Intervention.“
Soweit der Vorstandsbeschluss zum D.G.V.T. – Preis und zu der Aufgabe der Inhaltlichen Planungsgruppe eine würdige Preisträgerin für das Jahr 2006 zu finden. Eine weitere Person aus dem akademischen Umfeld auszuzeichnen wäre sicherlich auch nicht ganz einfach gewesen, denn es gibt mehrere Personen, die diesen Preis auf Grund ihrer Leistungen verdienen; doch ein solches Vorgehen barg – so sah es die Planungsgruppe – die Gefahr in sich, dass mit dem Preis zunehmend Menschen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet werden. Doch dies ist nicht die Intention dieses Preises – auch wenn eine Auszeichnung für ein Lebenswerk für einige Menschen, die lange in herausragenden Positionen gearbeitet haben, verdienstvoll und wichtig wäre. Nebenbei gesagt: bei einer solchen Diskussion zeigt sich, dass auch die dgvt und mit ihr einiger ihrer Protagonistinnen und Protagonisten „in die Jahre“ kommen und sich auch verändert haben; denn in den 80iger Jahren wäre es sicherlich für die meisten DGVT-Mitglieder undenkbar gewesen, dass es einen D.G.V.T.-Preis für ein Lebenswerk gibt. Mit diesen Methoden des Establishments wollten damals viele von uns nichts zu tun haben.
Doch zurück zum D.G.V.T.-Preis 2006. Mit diesem Preis möchte die inhaltliche Planungsgruppe des Kongresses einen „neuen“ Weg beschreiben – und die Breite der Ausschreibung des Preises auch nutzen. Nachdem der Preis dreimal an Personen, die an einer Hochschule arbeiten, verliehen wurde, wollten wir Blick weiten – von der Universität hinaus in den Alltag der Menschen. Was – so fragten wir uns - geschieht denn im Alltag von Menschen mit psychischen Erkrankungen oder in seelischen Krisen? Wie steht es um die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen? Was hat sich in den letzten – mittlerweile 30 Jahren – seit der Veröffentlichung der Psychiatrie-Enquete im Alltag verändert? Gibt es Menschen, die diese Veränderung leben? Die die Gleichstellung behinderter Menschen einfordern, die Teilhabe verwirklichen und ihnen Selbstbestimmung ermöglichen?
Und ich denke, dass du, liebe Roswitha, mit deiner Arbeit in den letzten zehn Jahren für die Unterstützung der Gemeindenahen Psychiatrie in Rheinland-Pfalz diesen Preis für eine hervorragende und visionäre Arbeit mehr als verdient hast. Du hast mit deiner Arbeit, die Prinzipien des Empowerments, die andere erforscht und beschrieben haben, in Alltagshandeln umgesetzt. Ich möchte dies beispielhaft belegen und begründen:
Du wurdest Anfang der fünfziger Jahre in der Südpfalz geboren, wuchst in Knittelsheim, einem kleinen Ort zwischen Landau und Germersheim mit mindestens zwei sehr guten Restaurants, auf. Ging’s zur Schule, wurdest als junge Frau zur Friseurin ausgebildet und in dieser Zeit lerntest du einen jungen Mann aus Steinfeld, ein kleiner Ort an der deutsch-französischen Grenze, kennen und lieben. Er schloss gerade seine Ausbildung aus Elektromechaniker ab. 1968 wurde geheiratet. Dein Mann war schon damals neben der Abendschule in der Gewerkschaft aktiv und damit häufig auch abends unterwegs war. Als du junge Mutter wurdest, wurde dein Mann freigestellter Personalratsvorsitzender in seinem Betrieb, Mitglied in der SPD und dann – der Sohn wurde eingeschult – Mitglied im Kreistag. So waren die Rollen in deiner Familie klar verteilt: während der Mann für die große Politik zuständig und viel unterwegs war, warst du für Kindererziehung und Familie verantwortlich, gingst arbeiten, um das bescheidene Familieneinkommen aufzubessern. So hast du schon früh in deinem eigenen Alltag lernen müssen, für dich selbst ein zustehen und dich stark zu machen – auch für deinen Sohn.
Doch in deinem Leben wartete noch größere Herausforderungen auf dich; nach der Wahl deines Mannes in den Kreistag wurde er dann 1979 erstmals in den rheinland-pfälzischen Landtag gewählt, 1985 wurde er parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion, 1991 ihr Fraktionsvorsitzender und dann am 26. Oktober 1994 zum Ministerpräsidenten des Landes Rheinland-Pfalz gewählt. Du bliebst in all’ diesen Jahren zuhause, sorgtest dich um deinen Sohn, gingst arbeiten und warst der „ruhende Pol“ in deiner Familie.
Auch nach diesem 26. Oktober ändertest du deine Lebensweise nicht. Du wolltest weiter in deinem Beruf arbeiten, unabhängig und selbstständig bleiben, wolltest den Kontakt zu deinen Kundinnen und Kunden nicht aufgeben. Gleichzeitig wurden neue Erwartungen an dich gerichtet. Du solltest – wie andere Ehefrauen von prominenten Politikern – sozial aktiv werden. Und für dich war die Entscheidung von Anfang an klar: du wolltest dich für die Belange psychisch kranker und behinderter Menschen einsetzen. Als Friseurin hattest du einmal Anfang der achtziger Jahre im Frisörsalon der Pfalzklinik Landeck, damals die einzige psychiatrische Klinik in der Pfalz, gearbeitet und so direkt und unmittelbar die Situation psychisch kranker Menschen gelernt. Sie waren sowohl deine Kundinnen und Kunden in diesem Frisörsalon wie auch deine Kolleginnen. Eine Langzeitpatientin von der Station, auf der ich damals als Psychologe in dieser Klinik arbeitete, war Friseurin von Beruf und arbeitete stundenweise in diesem Frisörsalon. Du kamst mit ihr ins Gespräch und erkanntest, dass sie nicht nur unter den Auswirkungen ihrer psychischen Erkrankungen litt sondern vor allem unter dem Stigma „psychisch krank“ zu sein.
So war für dich deine Entscheidung im Winter 1994 klar: du wolltest einen Verein gründen, der die Entwicklung der gemeindenahen Psychiatrie in Rheinland-Pfalz zu Gunsten der psychisch kranken Menschen unterstützt. Und dabei gingst du von Anfang an ungewöhnliche Wege:
Es gelang dir zur Gründungsveranstaltung sowohl politische Prominenz einzuladen – ich nennen hier nur beispielhaft Rainer Brüderle, den damaligen Wirtschaftsminister von Rheinland-Pfalz oder DR. Richard Auernheimer, den heutigen Staatssekretär im Sozialministerium – wie auch politisch Verantwortliche bei den Kostenträgern – wie den AOK-Vorsitzenden Walter Bockemühl – und fortschrittliche Professionelle – wie Dr. Wolfgang Guth den Ärztlichen Direktor der Rheinhessen-Fachklinik Alzey. Doch dein Verein ist kein klassischer Prominentenverein, der sein soziales Gewissen mit einigen Wohltätigkeitsveranstaltungen beruhigt, sondern du hast von Anfang an den kontroversen Austausch zwischen Prominenz und betroffenen Menschen gefördert und gefordert. So wurden auch Vertreter der Psychiatrie-Erfahrenen und der Angehörigen psychisch kranker Menschen in das Kuratorium des Vereins berufen. Ergänzt wurde der bunte Reigen dann noch durch den Personalratsvorsitzenden der Pfalzklinik Landeck.
Dein Verein zur Unterstützung Gemeindenaher Psychiatrie in Rheinland-Pfalz war von Anfang an der gelebte Trialog zwischen Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen und Professionellen einschließlich der politisch Verantwortlichen. Das Kuratorium des Vereins ist ein Forum, in dem unterschiedliche Meinungen und Positionen ausgetauscht werden, es fördert die Bereitschaft, einander zuzuhören und erhöht die Chance, dass der eine die Position der anderen versteht. Sicherlich bleiben auch in diesem Forum die unterschiedlichen Interessen bestehen, sie auflösen zu wollen, wäre auch illusionär – und sicherlich nicht dein Anliegen. Entscheidend ist jedoch, dass das gegenseitige Verständnis für die Haltung des jeweils Anderen durch den ständigen Dialog wächst.
Ich weiß nicht, ob du dies alles so von Anfang im Detail geplant ist. Mir ist allerdings in den letzten zehn Jahren, in denen ich deine Arbeit aus der Distanz begleiten und beobachten durfte, aufgefallen, wie du mit dieser Arbeit selbst gewachsen bist – und wie du andere diesem Wachsen teilhaben lässt.
Gestatte mir, dieses Wachsen an einem kleinen Beispiel zu erläutern. Du wurdest 1996 erstmals zum einem Kongress nach Hamburg eingeladen, solltest dort ein Grußwort sprechen und gleichzeitig den Vorsitz eines Preiskomitees übernehmen, das innovative Projekte aus dem psychosozialen Bereich auszeichnen sollte. Du hast zugesagt, obwohl du doch bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal in deinem Leben vor einem großen Fachauditorium gesprochen hattest. Du warst so mutig, dies zuzugeben und um Unterstützung nachzufragen. Mit wie viel Herzklopfen bist du damals mit dem ICE nach Hamburg gefahren? Ich durfte dich begleiten und ich wollte die Zugfahrt für einen Crashkurs in Selbstsicherheit nutzen. Doch in dem Gespräch mit dir. Wurde mir schnell klar, dass du mit deiner Art keinen Kursus in Selbstsicherheit benötigst. Entscheidend für dein Auftreten bei diesem Kongress – und dann auch bei zahlreichen anderen Tagungen und Fachveranstaltungen - war, dass du nicht in die Rolle „die Gattin des Ministerpräsidenten“ geschlüpft bist, mit der du alleine durch das dazugehörige Auftreten Distanz und Ehrfurcht erzeugt, sondern du bist „Roswitha Beck“ mit deiner Aufregung und deinem Lampenfieber geblieben. Du hast deine Unsicherheit nicht verschwiegen – bist du selbst geblieben und hast die Herzen der Menschen gewonnen.
Spannend war für mich zu beobachten, wie du mit deinen Reden und Gesprächen Sicherheit für dich gewinnen konntest, du wurdest dir deiner sicher, nicht weil du dir diese Sicherheit und dieses Auftreten trainiert hattest, sondern weil dir das, was du zu sagen hattest und was du erreichen wolltest, wichtig war. Du bist mit und an deiner Aufgabe gewachsen.
Dabei has du mit deinem Verhalten auch anderen Mut gemacht, sich zu entwickeln und zu wachsen. So hat beispielsweise deine Anwesenheit bei den Jahrestagungen der Psychiatrie-Erfahrenen diesen auch Mut gemacht, über sich und über ihre Erkrankung zu sprechen. Du hast durch dein Kommen zu jeder Tagung der Psychiatrie-Erfahrenen diesen auch eine Öffentlichkeit geschaffen, ihr der sie ihre Belange vortragen konnten. Dabei hast du ihnen auch ganz persönlich Mut gemacht:
So hat mir Brigitte Theisen, ein langjähriges Vorstandsmitglied des Landesverbandes der Psychiatrie-Erfahrenen in Rheinland-Pfalz auf dem DGVT-Kongress 2000 hier in Berlin bei einem Kaffee erzählt, dass sie den Mut gefunden habe, zu einem solch’ großen Kongress zu fahren und einen Vortrag über Krisenintervention zu halten, weil du sie dazu ermutigst hast. Sie habe dich 1998 bei der Fachtagung des LVPE in Trier kennen gelernt. Diese Fachtagung stand unter dem Thema „Krisenintervention im ländlichen Raum“ – und du hast, so berichtete mir Brigitte Theissen über deine Gedanken zur Krisenintervention berichtet. Dabei hast du auch davon erzählt, wie aufgeregt du warst, denn es war für dich die 1. Fachtagung der Psychiatrie-Erfahrenen in Rheinland-Pfalz, für die du die Schirmherrschaft übernommen hattest. So hast du mit deinem Verhalten und mit deiner klaren Haltung andere Menschen ermutigt, es dir nachzumachen. Das ist, so denke ich, gelebtes „Empowerment“ – oder einfacher gesagt: du ermutigst andere zum Handeln durch dein eigenes Handeln. Du siehst die Fähigkeiten, die andere haben, kannst diese nutzen und sie in ihrer Tätigkeit bestärken.
Es gäbe noch viele weitere Beispiele dafür wie du anderen – seien es Psychiatrie-Erfahrene seien es Angehörige psychisch kranker Menschen – Mut gemacht hast, für ihre Belange einzutreten. Deinem öffentlichen Einsatz auf mittlerweile unzähligen Veranstaltungen ist es zu verdanken, dass die Psychiatrie in Rheinland-Pfalz nicht mehr zu den „Schmuddelkindern“ gehört sondern von der Politik ernst genommen wird. Klaus Dörner hat am 3. September letzten Jahres in der Staatskanzlei in Mainz mit großem Erstaunen festgestellt, dass es doch Ministerpräsidenten Zeit nehmen, um einem Psychiatrie-Erfahrenen zuzuhören. Auch dir ist es zu verdanken, dass es in Rheinland-Pfalz selbstverständlich ist, dass Tagungen von Angehörigen und Psychiatrie-Erfahrenen selbstverständlich in Rathäusern und Kreistagen stattfinden können.
Mit deinem Engagement hast du die Berührungsängste Dritter gegenüber der Psychiatrie vermindert. Wo gibt es das schon, dass in einer Stadionzeitung über die Psychiatrie berichtet wird? Du hast ganz selbstverständlich im Jahrbuch des 1 FC Kaiserslautern, in dem ansonsten von den Großtaten der Pfälzischen Fußballkünstler berichtet wird, auch einen Artikel über Psychiatrie und psychische Erkrankung geschrieben. Das Schicksal des Fußballspielers Sebastian Deißler, der an einer schweren Depression erkrankte, berührte dich sehr und motivierte dich gleichzeitig, deine Stimme noch stärker gegen die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen zu erheben.
Du hast es mit deinem Engagement möglich gemacht, dass das Lebenswerk des jüdischen Dichters Jakob van Hoddis, der seine letzten Jahre in der jüdischen Heil- und Pflegeanstalt für psychisch kranke Menschen in Bendorf-Sayn verbrachte – für alle Nicht-Rheinland-Pfälzer, das liegt in der Nähe von Koblenz –, auch in Rheinland-Pfalz bekannt wurde. Es gab eine Ausstellung von Irene Stratenwerth, die das Lebenswerk Jakob van Hoddis aus den verschiedenen Perspektiven: persönliche Biographie – als Dichter – als jüdischer Dichter – als jüdischer Dichter, der psychisch erkrankte und als Jude, der von den Nazis ermordet wurde – darstellte. Diese Ausstellung wurde in dem Gebäude der ehemaligen jüdischen Heil- und Pflegeanstalt in Bendorf-Sayn gezeigt – und der Verein zur Unterstützung Gemeindenaher Psychiatrie in Rheinland-Pfalz e.V. hat diese Ausstellung zu großen Teilen finanziert.
Diese Ausstellung ist übrigens auch noch aus einem anderen Grund beispielhaft und bemerkenswert für unsere heutige Preisverleihung. Die Ausstellung zeigte das Leben von Jakob van Hoddis – und förderte gleichzeitig auch das direkte Engagement der Psychiatrie-Erfahrenen aus dieser Region Es waren Psychiatrie-Erfahrene, die damals die Einlasskontrolle und die Aufsichtsführung über diese Ausstellung übernahmen. Sie alle waren seid Jahren arbeitslos, verbrachten ihren Tag in der Tagesstätte. Mit dieser Arbeit begriffen sie, dass auch sie nützliche Tätigkeiten erbringen können; ohne ihre Arbeit wäre die Ausstellung nicht möglich gewesen. Gleichzeitig erhielten sie von Dritten eine hohe Wertschätzung und in der Verbindung von Kultur, Literatur und Psychiatrie eröffneten sich auch für die Psychiatrie-Erfahrenen neue Perspektiven. Ermutigt durch deine Arbeit, liebe Roswitha, gründeten die Psychiatrie-Erfahrenen unter Leitung von Wolfgang Kluck den Förderverein gemeindenahe Psychiatrie im Landkreis Neuwied. Und nicht nur in diesem Fall bestand deine Ermutigung nicht nur aus schönen Worten, sondern sie war mit einem finanziellen Beitrag verbunden. Nur am Rande sei erwähnt, dass du in den letzten Jahren gut 500.000 Euro gesammelt hast, mit dem dein Verein örtliche und regionale Initiativen von Angehörigen, Psychiatrie-Erfahrenen und Professionellen fördert. Mittlerweile hat der Neuwieder Förderverein – dank deiner Unterstützung – eine rollende Buchhandlung eingerichtet, die bei wichtigen Fachtagungen in Rheinland-Pfalz fast immer dabei ist und Fachliteratur aber auch Literatur zum Entspannen anbietet. Diese rollende Buchhandlung gibt es mittlerweile auch als Buchhandlung vor Ort, die auch Arbeitsplätze für Psychiatrie-Erfahrene schafft.
Ich könnte noch über zahlreiche weitere Aktivitäten berichten, die du aufgegriffen, angestoßen oder unterstützt hast. Eine letzte will ich noch erwähnen: gemeinsam mit dem Berufsverband der bildenden Künstlerinnen und Künstler in Rheinland-Pfalz hast du eine Ausstellung zum Thema „Bilder aus gesunden und kranken Tagen“ initiiert, die Bilder von gesunden und kranken Künstlerinnen und Künstler zeigt. Diese Ausstellung wanderte durch Rheinland-Pfalz, war auch eine zeitlang hier in Berlin zu sehen. Ihre Botschaft ist eindeutig: Es gibt keinen Unterschied zwischen Künstlerinnen und Künstler, die psychisch gesund oder zeitweise psychisch krank sind. Psychisch krank zu sein, ist eine mögliche Form des menschlichen Lebens Krisen zu ertragen oder zu meistern. Auch hier hast du wieder die Notwendigkeit betont, dass Menschen zu sich selbst stehen, ihre gesunden und kranken Anteile wahrnehmen und dass sie ihre Stärken stärken. Deine Rede zur Eröffnung dieser Ausstellung in Berlin wird wie viele andere, die du in den letzten zehn Jahren zu verschiedenen Gelegenheiten gehalten hast, in einem Buch im DGVT-Verlag erscheinen. Dieses Buch soll neben dem Preis, der dir heute verliehen wird, ein weiteres Danke schön für deine engagierte Arbeit sein.
So hast du nebenbei auch die Psychiatrieszene in Rheinland-Pfalz ermutigt, sich einmal in anderen Gefilden umzuschauen und Kontakte in die Welt der Kultur und des Sports zu knüpfen. So wurde die psychiatrische Tagesklinik in Neustadt nach Jakob van Hoddis genannt, das Gemeindepsychiatrische Zentrum in Saarburg nennt sich „Robert-Walser-Haus“, um an Robert Walser zu erinnern, der Weihnachten 1956 in einer psychiatrischen Klinik in der Schweiz starb.
Und bei meiner Recherche nach einem kleinen Stück Literatur, das dann auch meine Laudatio schmückt, bin ich auf ein kleines Gedicht von Robert Walser gestoßen, das – so meine ich - auch zu unserem heutigen Anlass passt. Es trägt den Titel „Gelassenheit“ – und so erlebe ich auch dich, auch wenn es mal stressig wird, weil die Autobahnen nicht frei sind oder ein Zug Verspätung hat oder ein Redner – wie ich? – vielleicht länger spricht als erwartet:
Seit ich mich der Zeit ergeben,
fühl' ich etwas in mir leben,
warme, wundervolle Ruh.
Seit ich scherze unumwunden
mit den Tagen, mit den Stunden,
schließen meine Klagen zu.
Und ich bin der Bürd' entladen
meiner Schulden, die mir schaden
durch ein unverblümtes Wort:
Zeit ist Zeit, sie mag entschlafen,
immer findet sie als braven
Menschen dich am alten Ort.
Doch – und das will ich bevor ich schließe auch noch erwähnen – du weichst auch den Schattenseiten der Psychiatrie nicht aus. Nachdem durch die Flucht es Menschen, der ein junges Mädchen sexuell missbraucht hatte und in deshalb in die Psychiatrie eingewiesen worden war, die Emotionen in der unmittelbaren Umgebung dieser Klinik hoch kochten, warst du bereit, dich mit den Menschen aus diesem Dorf hinzusetzen, um über mögliche Gefahren zu sprechen, die von Menschen ausgehen, die auf Grund ihrer psychischen Erkrankung ihre Handlungen nicht steuern können oder keine Einsicht in die Unrechtmäßigkeit ihr Handlungen haben. Du hast die Sorgen und Ängste dieser Menschen ernst genommen, hast sie verstanden, kennst sie sicherlich auch selbst. Gleichzeitig hast du aber auch um Verständnis für die Arbeit der Klinik und für die dort untergebrachten Menschen geworben. Es war ein schwieriger und anstrengender Dialog um die Sicherheit der Bevölkerung und der Klinik. Du stehst jetzt seid mittlerweile fünf Jahre diesem Dialog zwischen Bürgerinnen, Bürger, Klinik, Polizei, Politik, Kirchen, Angehörigen und Psychiatrie-Erfahrenen zur Verfügung. Es ist keine Arbeit, für die man in aller Regel Lorbeeren erringt. Doch bisher hast du danach auch nicht gefragt.
Dir waren die Menschen wichtig und du hast dich selbst und deine Person hinter die Aufgabe gestellt, die du umsetzen wolltest – und deshalb möchte dich heute die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie für dieses Engagement mit seinem D.G.V.T. - Preis auszeichnen. Und ich verbinde damit auch die Hoffnung, dass du diese Arbeit – auch über den 26. März hinaus (alleine deshalb muss dieser Tag auch für deinen Mann erfolgreich sein) fortsetzen kannst.
Die DGVT verleiht ihren diesjährigen D.G.V.T. – Preis dir, liebe Roswitha,
- weil du durch dein Handeln andere – besonders Psychiatrie-Erfahrene und Angehörige psychisch kranker Menschen – ermutigst, sich für ihre eigenen Belange einzusetzen, zu ihrer Erkrankung zu stehen und diese nicht zu verleugnen,
- weil es dir gelungen ist, die gesellschaftlichen Grenzen zu Gunsten der Psychiatrie zu öffnen und damit
- einen Betrag zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen leistest.
Ich gratuliere dir zu diesem Bereich und danke dir auch ganz persönlich für deine Arbeit und dein Engagement. Du bist eine würdige Preisträgerin.
Quelle: VPP 2/2006