Leserbrief zum Artikel „Seelenqual, die keinen kümmert“
Es wäre Manfred Lütz vieles zu entgegnen. Die meisten seiner mit flotter Feder und erkennbarer Lust an der Provokation hingeworfenen Behauptungen ließen sich ohne Mühe Punkt für Punkt widerlegen, schlicht durch die Darstellung wissenschaftlicher Studienergebnisse zu Wirksamkeit und volkswirtschaftlichem Nutzen von ambulanter Psychotherapie. Die entscheidende Frage aber lautet: Was erreicht der Autor mit seinem Beitrag? Nehmen wir ihn beim Wort, dann möchte er eine Lanze brechen für die hilfsbedürftigsten Mitglieder der Gesellschaft, die er in Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen erkennt. Dafür könnte man ihn preisen, erwiese er der Sache nicht zugleich mit seinem Artikel einen Bärendienst. Denn statt um eine angemessene und am tatsächlichen Bedarf der Patienten orientierte Ausstattung in allen Bereichen psychiatrischer und psychotherapeutischer Gesundheitsversorgung zu kämpfen, verfällt er in ein gleichermaßen schlichtes wie falsches Freund-Feind-Denken. Damit bringt er ausgerechnet die Akteure gegeneinander in Stellung, die nur Seit’ an Seit’ den Hauch einer Chance hätten, dem Skandal der gesundheits- und finanzpolitisch erzeugten und gewollten Unterversorgung der Betroffenen etwas entgegen zu setzen.
Statt Psychiatrie und Psychotherapie aus verletzter Eitelkeit und mit besitzstandwahrenden Denkschemata gegeneinander auszuspielen, wäre es die Aufgabe von Lütz, gegen himmelschreiend fehlgeschlagene Bedarfsplanungen, mangelnde Präventions- und Früherkennungsangebote auf dem Gebiet psychischer Stressfaktoren und fehlende Versorgungsangebote für sozial und gesundheitlich benachteiligte Personengruppen anzuschreiben. Dann wäre er ein glaubwürdiger Kämpfer für die Schwachen in der Gesellschaft und mehr als nur ein weiterer Vertreter der von ihm beklagten Lobbygruppen.
Rudi Merod, Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Bad Tölz