Liebe und Freundschaft gesucht[1] – Die „Schatzkisten“[2] vermitteln Menschen mit Behinderungen
von Astrid Möllenkamp und Jacqueline Andrée
Auch Menschen mit Behinderungen haben den Wunsch nach einer festen Beziehung und nach gelebter Sexualität. Die rund vierzig regionalen „Schatzkisten“ in Deutschland vermitteln entsprechende Kontakte und bieten Veranstaltungen dazu an.
„Ich mag blonde Frauen gerne, egal ob sie ein bisschen kräftig sind, mir ist das egal. Hauptsache sie ist eine schöne Frau. Und sie sollte Fußballfan sein und ins Stadion gehen.“
Diese Beschreibung ist exemplarisch für die Kunden und Kundinnen der Schatzkiste. Männer und Frauen mit Beeinträchtigungen, die auf der Suche nach einer festen Beziehung oder einem freundschaftlichen Kontakt sind.
Die Hürden auf dem Weg zur Zweisamkeit können groß sein, hier setzt das Konzept der Schatzkiste, Partnervermittlung für Menschen mit Behinderungen, an. Die Schatzkisten sind offen für alle Menschen mit Beeinträchtigungen, seien sie körperlicher, geistiger oder seelischer Form. Allerdings brauchen nicht alle Menschen dieses Unterstützungsangebot, sondern finden im eigenen Lebensumfeld Kontakte und gehen in Eigeninitiative Partnerschaften ein.
In Zeiten der gelebten Inklusion stellt sich schnell die Frage, ob das Angebot der Schatzkisten nicht überholt, da exklusiv ist. Die Einrichtungen sind ganz bewusst ausschließlich Anlaufstelle für Menschen mit Beeinträchtigungen. Das mag exklusiv und ausgrenzend wirken, aber die Gedanken, die dahinter stecken, sind sehr inklusiv; nämlich zum einen der Schutz vor Übergriffen, und zum anderen das Ziel, dass Partnerschaft und Freundschaften für alle Menschen zugänglich sein müssen.
Beginn in Hamburg
Die erste Partnervermittlungsagentur wurde 1998 in Hamburg vom Diplom-Psychologen Bernd Zemella gegründet, als Projekt der evangelischen Stiftung Alsterdorf. Er traf in seiner Tätigkeit, der Lebensberatung für Menschen mit Behinderungen, immer wieder auf das Thema „unerfüllter Partnerwunsch“. Der Wunsch nach einer festen Beziehung und gelebter Sexualität, damals noch ein Randthema, das sich erst langsam aus der Tabuzone entwickelte, begegnete ihm in seinem Beratungsalltag sehr häufig. Das brachte ihn auf die Idee eine Kontaktvermittlung schwerpunktmäßig für Menschen mit Beeinträchtigungen ins Leben zu rufen.
Der Zulauf war von Anfang an enorm und es zeigt sich bis heute, dass er hier eine Idee auf den Weg gebracht hat, die dem Wunsch nach einem Leben in Eigenständigkeit und Selbstbestimmung Rechnung trägt.
„Wir wissen heute, dass die Sexualität zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehört, genauso wie Essen und Trinken. Wir wissen, dass sich Sexualität nicht auf "Sex", auf den Geschlechtsverkehr, reduzieren lässt. Denn in jeder Zärtlichkeit, in jedem angenehmen und lustvollen Empfinden, in jeder liebevollen Begegnung ist auch Sexualität. Sie ist eine Energie, eine Kraft, Freude zu empfinden. Sexualität motiviert uns, auf andere zuzugehen, von anderen bestätigt zu werden und sich bei anderen zu bestätigen. Sie ist damit auch eine Triebfeder zu sozialem Verhalten.“ (Textauszug aus: Klee; Behinderung und Sexualität)
Angebote bundesweit vertreten
Aus einer ersten Vermittlungsagentur sind bis heute an die 40 regionale Schatzkisten entstanden, über Deutschland verteilt und verbunden unter dem Dach des gemeinnützigen Vereins „Die Schatzkiste e. V.“
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Eingeschränkte Selbstbestimmung
Frauen mit Behinderungen sind besonderen Gefährdungen ausgesetzt. Die Studie „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderung und Beeinträchtigung in Deutschland“ hat dies belegt; die Untersuchungsergebnisse können als 432-seitige Broschüre von der Webseite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend kostenlos heruntergeladen werden (www.bmfsfj.de).
"Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen mit Behinderungen viel öfter in ihrem Leben Gewalt erfahren als andere Frauen und Mädchen", sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, Dr. Hermann Kues, "besonders alarmierend ist, dass Frauen mit Behinderung und Beeinträchtigung zwei bis dreimal häufiger sexuellem Missbrauch in Kindheit und Jugend ausgesetzt waren als der weibliche Bevölkerungsdurchschnitt. Auch im Erwachsenenleben erfahren sie überdurchschnittlich häufig sexuelle Übergriffe und Gewalt. Frauen, die in Einrichtungen der Behindertenhilfe leben und arbeiten, sind in hohem Maße Gewalt ausgesetzt."
Nach solchen Erfahrungen sind Frauen sicherlich wesentlich vorsichtiger und zurückhaltender in der Suche nach einem Partner oder einer Partnerin. Obwohl die Arbeit und das Konzept der Schatzkiste ja gerade auch ein Schutz für alle Menschen sein soll, kann dieses Angebot nicht alle erreichen.
Astrid Möllenkamp und Jacqueline Andrée
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Auch diesen Verein gründete Zemella, im Jahre 2002. Der Bundesverein hat sich zum Ziel gesetzt, Organisationen der Behindertenhilfe bei der Gründung einer regionalen Schatzkiste zu unterstützen und eine Plattform und Austauschforum zu sein.
Angesiedelt sind die regionalen Agenturen hauptsächlich im Westen und der Mitte Deutschlands. Einige gibt es im Norden und Osten. Eine Schatzkiste eröffnete im Jahr 2016 auch in Zürich. Der Süden ist leider noch weitestgehend unerschlossen, da würden sich die Initiatoren der Schatzkiste, über Anfragen von Einrichtungen der Behindertenhilfe freuen.“
Das Konzept der Schatzkiste ist schnell erklärt: Menschen sollen in ihrem Wunsch nach Freundschaft und gelebter Partnerschaft unterstützt werden,. Die Anmeldung und Aufnahme in die Datenbank der Schatzkiste erfolgt im Rahmen eines persönlichen Gespräches in der jeweiligen Agentur vor Ort. Ein solches Gespräch dauert zwischen dreißig Minuten und einer Stunde und hilft den Vermittlern und Vermittlerinnen, einen persönlichen Eindruck von dem einzelnen Menschen zu gewinnen. Für jeden Interessierten wird dann eine digitale Karteikarte angelegt. „Das Kennenlernen im persönlichen Gespräch ist äußerst wichtig, denn nur so können wir eine seriöse Vermittlung gewährleisten. Die Aufnahme in die Schatzkisten-Kartei ist in den meisten Fällen kostenlos, einige Niederlassungen erheben einen kleinen Unkostenbeitrag.
Internetgestützte Datenbank
Das „Herzstück“ der Vermittlungsarbeit ist die internetgestützte Datenbank, auf die alle regionalen Schatzkisten Zugriff haben. Hier können die Vermittler und Vermittlerinnen nach einem passenden Gegenüber schauen. Sollte sich dabei direkt eine Übereinstimmung finden, werden beide Interessierte angeschrieben und sich gegenseitig in einer Art Steckbrief vorgestellt. Beide haben so die Gelegenheit den Vorschlag auf sich wirken zu lassen und sollten sich dann in der Agentur zurückmelden.
Möchten beide Interessenten sich persönlich kennenlernen, kommt es zu einem ersten Treffen in den Räumen der Schatzkiste. Hier begleitet ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin das erste Kennenlernen so weit wie nötig. Meistens kristallisiert sich recht schnell heraus, ob die „Chemie“ stimmt. Dieses erste Treffen ist auch für die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter aufregend, aber das größere Herzrasen haben meistens die beiden Menschen, die sich zum ersten Mal persönlich treffen.
Hürden können überwunden werden
Diese ersten Begegnungen sind unverbindlich und verpflichten zu nichts, führen aber manchmal auch schon zur nächsten Verabredung. Hier sind dann gerade Menschen, die nicht so selbständig sind, auf Unterstützung aus ihrem Umfeld angewiesen, damit ein Kontakt zu einer Freundschaft werden kann. Kleine bis größere Hürden müssen überwunden werden, das Vereinbaren von Terminen kann schon ein Problem darstellen.
Die Kunden und Kundinnen der Schatzkiste sind zum Teil in ihrer Mobilität eingeschränkt, da kann es gerade im ländlichen Raum, ohne ein ausgedehntes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln, schwierig werden, sich gegenseitig zu besuchen. Dennoch verhilft die Arbeit und das Engagement der Vermittler und Vermittlerinnen der regionalen Schatzkisten immer wieder Menschen dazu, einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Einige Paare haben auch schon den Bund fürs Leben geschlossen und geheiratet.
Aber nicht nur für die große Liebe fühlt sich die Schatzkiste zuständig, auch Menschen, die nach Freizeitkontakten oder Freundschaften suchen, sind hier richtig.
Denn es geht der Schatzkiste in erster Linie darum, Menschen mit Handicap darin zu unterstützen, ihre sozialen Kontakte zu erweitern.
Das wird auch untermauert durch die Zusatzangebote, die viele Schatzkisten, über die klassische Vermittlungsarbeit hinaus, anbieten. Das ist regional verschieden. Von regelmäßigen Angeboten, wie beispielsweise der „Schwatzkiste“, einer Möglichkeit, Menschen im direkten Kontakt bei einem netten Gespräch kennen zu lernen. Aber auch Partys oder Seminartage, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, runden das Repertoire ab.
Mehr Männer als Frauen
In der langjährigen Vermittlungsarbeit ließen sich viele Erfahrungen sammeln. Es zeigt sich bei allen regionalen Schatzkisten, dass sie mehr interessierte Männer als Frauen in ihren Karteien haben. Dieses Phänomen ist bisher nicht belegbar zu erklären. Aufgrund der langjährigen Erfahrungen gibt es dafür aber Vermutungen, die sich in drei Schwerpunkten zeigen:
- Frauen scheinen insgesamt sozial kompetenter und aktiver zu sein als Männer. So suchen sie sich ihre Freundschaften und Beziehungen eher aus eigener Motivation.
- Des Weiteren ist es leider belegt, dass Frauen mit Beeinträchtigungen viel häufiger von sexuellen Übergriffen betroffen sind.
- Als einen weiteren Aspekt sehen die Experten der Schatzkiste die Vorbehalte und Ängste, die bei Eltern von Frauen mit Lernschwierigkeiten Thema sind, denn mit einer Partnerschaft stellt sich auch die Frage der gelebten Sexualität und für Frauen eben auch das Thema Verhütung und Kinderwunsch.“
Den Wunsch nach Partnerschaft und Beziehungen zu unterstützen bedeutet eben auch, sich der Thematik intensiver zu widmen. Eltern hegen hier zum Teil die Befürchtung, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema bei ihren Kindern Bedürfnisse wecken könnten, die nicht mehr kontrollierbar sind.
Es zeigt sich in der Vermittlungstätigkeit bei den Schatzkisten, dass der Wunsch nach gelebter Sexualität zwar Raum einnimmt,
aber viel wichtiger ist immer noch, jemanden an seiner Seite zu haben, sich nicht mehr allein zu sehen, sondern als Paar auftreten zu können. Ein Wunsch, den viele Menschen haben, ob mit Beeinträchtigungen oder ohne. Das Ziel als Erwachsener eine Familie zu gründen ist für Menschen mit Beeinträchtigungen und ohne Beeinträchtigung.
Das Ziel als Erwachsener eine Familie zu gründen ist für Menschen mit Beeinträchtigungen Thema, aber eben auch unter dem Gesichtspunkt, dass es der wahrgenommenen Lebensnorm entspricht. Geht man hier intensiver ins Gespräch zeigt sich, dass die Verantwortung und der Stress, den Familienleben und Kinder bedeuten, für viele Menschen mit Beeinträchtigungen dann doch eher gegen dieses Lebensziel sprechen und sie eine realitätsnahe Haltung entwickeln können.
Für die Arbeit der Schatzkisten bedeutet das, sich auch der Beratung zu widmen. Sexuelle Aufklärung, eigene Grenzen setzen, Leben und Auseinandersetzung als Paar, all das sind Themen, die in der Begleitung von Menschen mit Beeinträchtigungen aufkommen. Aus diesem Grunde bieten einzelne regionale Schatzkisten auch Seminare und Beratungsangebote für ihre Kundinnen und Kunden an. Oder sie verweisen an Beratungsstellen, hier gibt es vor Ort eine zunehmend gute Vernetzung, denn der Schwerpunkt der Schatzkisten-Tätigkeit liegt ja in der Kontaktvermittlung.
Wie man eine Schatzkiste gründen kann
Der zeitliche Aspekt spielt für viele Kolleginnen und Kollegen eine Rolle. Das Angebot ist nicht refinanzierbar, läuft also bei den meisten Einrichtungen nebenher. Oft sind es Abteilungen, deren Tätigkeitschwerpunkte in der Assistenz oder Familienentlastung liegen, denen die Schatzkisten angegliedert sind.
Um eine regionale Schatzkiste zu gründen braucht es vor Ort eine Organisation der Behindertenhilfe oder der Sozialarbeit, die sich als Träger dieses Angebotes zur Verfügung stellt. Diese wird Mitglied im Bundesverein „Die Schatzkiste e.V.“. Der Jahresbeitrag liegt seit Gründung konstant bei 200 Euro, so finanziert der Verein die internetgestützte Datenbank und die Webseite. Der Vereinsvorstand arbeitet ehrenamtlich.
Für die Vermittlungsarbeit sollte eine wöchentliche Arbeitszeit von 4-5 Stunden angesetzt werden. Anfangs liegt der Tätigkeitsschwerpunkt darin, das Angebot publik zu machen und ausreichend Kontaktsuchende in die Kartei aufzunehmen, um dann in die Vermittlung einsteigen zu können.
Es zeigt sich, dass es Schatzkistenagenturen im ländlichen Raum schwerer haben, da die Interessierten aus einem größeren Umkreis kommen und die Infrastruktur oft nicht so optimal ist, dass sich Freundschaften auch pflegen lassen.
Da aber die Möglichkeit besteht, sich mit anderen Schatzkisten zu vernetzen und auszutauschen, können hier manchmal Lücken geschlossen werden und Kontakte entstehen in der Kooperation.
Resümee
Menschen auf dem Weg in Beziehung und Partnerschaft zu begleiten ist eine sehr schöne Aufgabe. Die Imitatoren der Schatzkisten würden gern noch mehr Kontakte auf den Weg bringen und sie freuen sich über weitere Anfragen von Trägern und Organisationen, um das Netz der regionalen Schatzkisten noch dichter zu weben. Die Webseite des Bundesvereins „Die Schatzkiste e. V.“ listet die bestehenden Einrichtungen auf und vermittelt weitere Informationen für die bundesweite und regionale Arbeit.
www.schatzkiste-partnervermittlung.euAstrid Möllenkamp ist Vorsitzende des Bundesvereins „Die Schatzkiste e.V.“
Hauptberuflich arbeitet sie bei der gemeinnützigen Gesellschaft für paritätische Sozialarbeit in Mainz. Schwerpunkt ihrer Arbeit dort ist die psychosoziale Unterstützung von Menschen mit seelischen Erkrankungen. Seit 2008 leitet sie, gemeinsam mit einer Kollegin, die Mainzer Schatzkiste. www.schatzkiste-partnervermittlung.eu
Jacqueline Andrée ist 2. Vorsitzende des Bundesvereins „Die Schatzkiste e. V.“. Sie arbeitet als Sozialpädagogin beim Evangelischen Verein für Innere Mission in Nassau (EVIM), Gemeinnützige Behindertenhilfe, in Wiesbaden. Im Jahr 2005 hat sie die Schatzkiste Wiesbaden aufgebaut. Seit 2012 bietet sie im Rahmen der Schatzkistenarbeit auch Beratung für Menschen mit Beeinträchtigungen an, mit einem umfangreichen Veranstaltungsangebot.
www.schatzkiste-partnervermittlung.de
[1]Quelle: Blätter der Wohlfahrtspflege, Heft 2, Jg. 164; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorinnen.
[2] Die Schatzkiste e. V., Partnervermittlung für Menschen mit Behinderungen, www.schatzkiste-partnervermittlung.eu.