Neuer Missbrauchsbeauftragter kämpft gegen das Vergessen
Johannes-Wilhelm Rörig hat die Nachfolge der ersten Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann, angetreten. Er ist seit Ende letzten Jahres im Amt. Rörig ist Betriebswirt und Jurist, seit 1998 im Bundesfamilienministerium tätig und langjähriger Mitarbeiter von Christine Bergmann. Seine Aufgabe ist es nun, die Verbände und Organisationen dabei zu unterstützen, Strukturen zu verbessern, um die Gefahr eines sexuellen Missbrauchs zu minimieren.
Rörig hat sich bereits mit Vertretern von Kirchen und Dachverbänden wie zum Beispiel dem Deutschen Olympischen Sportbund, der Arbeiterwohlfahrt und dem Paritätischen getroffen und will auch im Bundestag für weitere Unterstützung werben. Es wurde ein Verhaltenskodex ausgearbeitet, der Kontakte zwischen BetreuerInnen und Jugendlichen und Kindern regelt. Hierbei geht es unter anderem um die Anwesenheit von Erwachsenen in Schlaf- und Duschräumen sowie um Privatkontakte.
Doch nach wie vor wartet Rörig auf einen Bericht aus den zuständigen Ministerien, was sich in punkto Ausbau der Hilfsangebote getan hat. Bei den Ministerien scheint aber in der Zwischenzeit der Alltag eingekehrt zu sein und das Thema ist offenbar nicht mehr sehr präsent. Einen Bericht habe man mangels Zeit bisher noch nicht erstellen können und ein für Anfang März vereinbarter Termin im Sozialministerium, in dessen Zuständigkeit die Reform des Opferentschädigungsgesetzes fällt, wurde abgesagt. Im Familienministerium wird noch diskutiert, bei wem das für Herbst geplante Online-Portal für die Opfer angesiedelt werden soll, ob beim Ministerium selber oder beim Missbrauchsbeauftragten.
Der Missbrauchsbeauftragte Rörig hat keinen leichten Stand. Zwei Jahre ist es her, dass die Bundesregierung die Einrichtung eines Runden Tisches „Sexueller Kindesmissbrauch“ beschlossen hat. Die Empfehlung vom vergangenen Herbst, einen 100-Millionen-Hilfsfonds für die Opfer einzurichten, verbunden mit einer Clearingstelle, die die Ansprüche schnell prüfen sollte, stockt ebenso wie der Ausbau des Hilfesystems. Unterdessen wird die eingerichtete Telefon-Hotline des Missbrauchsbeauftragten stark frequentiert. Betroffene möchten Hilfe in Anspruch nehmen, wissen aber nicht wie. Ihnen soll das neue Online-Portal weiterhelfen, das noch nicht eingerichtet ist. Im Herbst will Rörig eine Kampagne starten, die sich an Eltern und Fachkräfte richten soll, um sie zu ermutigen, in Vereinen und Schulen nachzufragen, welche Präventionsangeboten es dort gibt.
Im Herbst wird sich der Runde Tisch noch einmal treffen, um zu prüfen, was aus seinen Empfehlungen geworden ist. In der Zwischenzeit ist immerhin der Fachbeirat institutionalisiert, dem Vertreter aus Ministerien, Kirchen, Wissenschaft sowie Missbrauchsopfer angehören. Dem Gremium gehört auch Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, an.
Waltraud Deubert