Noch viele Fragen offen - Zur Gründung des Forums für Prävention und Gesundheitsförderung
Noch gibt es keine Rechtsform, keine Geschäftsführung und - was noch viel schlimmer ist - kein Geld. "Aber wir werden eins nach dem anderen anpacken", verspricht die Bundesgesundheitsministerin. Die Prävention soll nach dem Willen der Bundesregierung zur vierten Säule im Gesundheitswesen ausgebaut werden - neben der kurativen Medizin, der Rehabilitation und der Pflege.
Bis Oktober (!) will Ulla Schmidt zunächst die Strukturen geklärt haben. Ihr schwebt eine Stiftung vor, "allein schon aus steuerlichen Gründen". Und noch eine Botschaft verkünden die Gründungsmitglieder: Ob mit dieser Gesundheitsministerin oder jemand anderem, die Arbeit im Forum würde unberührt von Parteiinteressen fortgesetzt.
Genau 90 Minuten dauerte es, bis hinter verschlossenen Türen die Gemeinsame Erklärung der Gründungsmitglieder verabschiedet war, und eine strahlende Gesundheitsministerin mit je einem Vertreter der Ärzte, der Krankenkassen und der Patienten vor die Presse trat. Für die Ministerin war dieser Augenblick wenn schon nicht historisch, so zumindest ein "Meilenstein für das Gesundheitswesen". Rolf Stuppardt, der dieses Thema für die gesetzlichen Krankenkassen schon seit Jahren unermüdlich beackert, bewertete allein schon die "neue Formation als Wert an sich und einmalig in Europa", und Ärztechef Manfred Richter-Reichhelm unterstrich den breiten, sonst nicht üblichen Konsens der Akteure beim Thema Prävention.
Nun ist die Stimmung auf Gründungsveranstaltungen immer sehr zuversichtlich. Die Gründer schauen optimistisch in die Zukunft und kämpfen für ihre Sache. Denn schließlich geht es um nichts Geringeres als die Volksgesundheit. Was bedeutet das neue Forum für das Gesundheitswesen tatsächlich? Was kann es leisten? Ist es mehr als Aktionismus? Bisher gibt es wenig Konkretes, aber immerhin eine Absichtserklärung, die sich von den vielen jahrelang gepflegten Lippenbekenntnissen eindeutig unterscheidet. Sie sagt: "Wir wollen jetzt" Alle Gutachten, insbesondere das des Sachverständigenrates, machen deutlich, daß dringender Handlungsbedarf für ein Mehr an Prävention besteht. Die genannten Beispiele überzeugen sowohl ethisch-moralisch als auch ökonomisch - eine seltene Kombination in der Gesundheitspolitik.
Wenn die Arbeit im Forum von Erfolg gekrönt sein soll, dann muß erstens ein gut ausgestatteter Etat her, und zweitens "eine Type"- eine echte Persönlichkeit - die Spitze der Präventionsbewegung anführen. Die Prävention muß ein Gesicht erhalten. Nur mit persönlichem Engagement kann das Thema mit Leben erfüllt werden. Wer für das Forum steht, der sollte aber auch die Interessen der Akteure genau kennen. Denn mit der vierten Säule im Gesundheitswesen wird in erster Linie auch ein neuer Markt geschaffen, an dem die meisten Gründungsmitglieder ein starkes wirtschaftliches Interesse haben. Hilfreich könnte auch die von Schmidt angekündigte wissenschaftliche Begleitforschung sein, die belegen soll, welche Angebote sich am besten eignen. Außerdem muß die Prävention als eine dauerhafte Kampagne angelegt sein, wenn sie - wie Schmidt es nennt - "gesellschaftsfähig"-gemacht werden soll. Dazu gehört für jede Zielgruppe die richtige Sprache. Genau deshalb läuft die AIDS-Aufklärungskampagne so erfolgreich.
Die ersten vier Themenfelder, auf die sich die Gründungsmitglieder geeinigt haben, scheinen der kleinste gemeinsame Nenner in Bezug auf Wirtschaftsinteressen zu sein. Auf der Agenda ganz oben stehen Herz-Kreislauferkrankungen, Gesundheitsförderung in Kindergarten und Schule, Prävention im Alter und betriebliche Gesundheitsförderung.
Das Forum kann nur so stark und groß werden, wie die Mitglieder selbst es gestatten. Die Ministerin hätte gern noch viele mehr im Boot. Namentlich nannte sie die Privaten Krankenversicherungen, aber auch das Bundesministerium für Arbeit- und Sozialordnung.
Die alles beherrschende Frage nach dem Geld für die Prävention konnte Schmidt nicht beantworten. Allerdings wüßte sie schon, welche Quellen sie anzapfen würde. Zu dem Zweck könnten Tabak und Alkohol höher besteuert werden, schlug sie vor. Außerdem sollten die Unternehmen mehr Gesundheitsvorsorge finanzieren.
Auf die Frage, was für eine Rolle denn noch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung spiele, meinte Schmidt: "Wir werden auf die guten Erfahrungen vor allem im Kinder- und Jugendlichenbereich zurückgreifen und diese mit einbinden".
Fazit: Mit dem Forum haben sich die Beteiligten, allen voran Ulla Schmidt, ein hohes Ziel gesteckt. Von den Finanzen und dem persönlichen Engagement hängt der Erfolg ab, aber nicht nur davon. Wie hoch die "gemeinsam entwickelte Kultur" ist, von der Patientenvertreter Christoph Nachtigäller bei der Gründungsveranstaltung schwärmte, wird sich dann zeigen. Wenigstens ist es der Gesundheitsministerin mit der Gründung des Forum gelungen, im Wahlkampf noch einen Akzent zu setzen - und außerdem hat sie jetzt eine Institution, auf die sie verweisen kann, wenn nach den Ergebnissen des Runden Tisches gefragt wird.
1:Gesundheitspolitischer Informationsdienst Nr. 24 vom 05.07.2002. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des gid.