Optimistisch Altern[1]
1. Kongress „Zukunftsforum Langes Leben“ in Berlin
„Die Zukunft Deutschlands liegt bei den Alten“, erklärte Kongresspräsident Ulf Fink zur Eröffnung des ersten Kongresses „Zukunftsforum Langes Leben“ am 15. September in Berlin. Und begründete: „Auch angesichts des Fachkräftemangels in der Wirtschaft können wir uns nicht länger leisten, ein Drittel des Lebens als „Ruhezeit“ zu betrachten.“ Für die ältere Generation habe sich ein „Menschheitstraum“ erfüllt: Längeres Leben bei guter Gesundheit. Die älteren Menschen heute seien „aktiv, lernbereit und offen für Neues“. Diese Entwicklung müsse man positiv bewerten und bewusst gestalten.
Der Kongress und die zugehörige Messe wollten daher „Lust auf langes Leben“ vermitteln. Sie wenden sich ab vom „Defizitmodell“ des Alters und orientieren auf die verbesserten Möglichkeiten zur Aufrechterhaltung der Selbständigkeit sowie auf innovative Hilfen für die Älteren im technischen und sozialen Bereich. Dabei sollten umsetzbare Konzepte vorgestellt werden, nicht teure Exoten, die aus dem Stadium der Experimente und Modellversuche nicht herausgekommen seien. Es ging den Veranstaltern um marktgängige Produkte und Dienstleistungen, die auch ohne Sozialtransfers wirtschaftlich lebensfähig und damit für Wirtschaftsunternehmen attraktiv sind. Ganz in diesem Sinne erwähnte Fink mit sichtlichem Stolz, dass auch die Veranstaltung selbst ohne öffentliche Gelder zustande gekommen sei.
Ganz ohne (öffentliche) Unterstützung musste der Kongress jedoch nicht auskommen. Die Schirmherrschaft hatten das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) übernommen. Der Parlamentarische Staatssekretär im BMBF, Thomas Rachel MdB, sprach sich bei der Eröffnung dafür aus, „das Altern der Gesellschaft nicht als Bedrohung, sondern als Chance“ wahrzunehmen. Deutschland werde auch für die Wirtschaft „nicht trotz, sondern wegen des demographischen Wandels zukunftsfähig“ sein. Nach der Demographie-Enquête des Deutschen Bundestages (eingesetzt 1992, Schlussbericht als BT-Drucksache 14/8800 vom 28. März 2002) habe die Politik viel zu lange mit Befürchtungen vor der „Vergreisung der Gesellschaft“ verbracht und zu spät erkannt, dass Altersgrenzen nicht biologisch, sondern gesellschaftlich definiert seien. Hier müsse man umsteuern und aufholen.
Der demographische Wandel könne zum „Motor der gesellschaftlichen Modernisierung“ werden. Beispiel dafür seien die „Erneuerung der Arbeitswelt für ältere Belegschaften“, das „lebenslange Lernen“ und die „Entwicklung neuer Märkte für intelligente Produkte und Dienstleistungen“ („Silver Market“). Innovative Assistenzsysteme für Senioren könnten z.B. Exportchancen in alle jene Länder eröffnen, die eine ähnliche Altersentwicklung hätten wie Deutschland. Das gelte etwa für Japan und China. Daher arbeite das BMBF an einem „nationalen Demographie-Forschungskonzept“, das alle Aspekte der künftigen Bevölkerungsentwicklung mit einbeziehen solle: Arbeit und Produktivität, Bildung und Erwerbsbiographie, Mobilität und Teilhabe an der Gesellschaft, Wohnen und Sicherheit, Gesundheit und Lebensqualität. So „sollten den Jahren mehr Leben und dem Leben nicht nur mehr Jahre zugeführt werden“.
Das Projekt "1.000 Wohnungen - Leben mit innovativer Technik" sei eine der vielen praxisnahen Aktivitäten, mit denen das BMBF den Herausforderungen des demographischen Wandels begegne. In einem von der Gesundheitsstadt Berlin e.V. koordinierten Feldversuch würden 1.000 Wohnungen mit intelligenten Assistenzsystemen ausgerüstet. Diese Systeme unterstützten Senioren auf vielfältige Weise, ihren Alltag zu Hause und auch unterwegs zu meistern. An diesem Projekt seien alle wesentlichen Akteure beteiligt und erprobten gemeinsam neue Geschäftsmodelle: Die Wirtschaft, die Kranken- und Pflegekassen, Pflegedienstleister, die Wohnungswirtschaft und Technologieanbieter. Das Zukunftsprojekt werde voraussichtlich 20 Mio. Euro umfassen; mehr als die Hälfte stelle das BMBF bereit.
Die Idee zu Kongress und Messe sei von der „Initiative Deutschland - Land des Langen Lebens“ angestoßen worden, der es um ein „neues Bild des Alters“ geht. Sie wird getragen von dem früheren Berliner Sozialsenator Ulf Fink, der früheren Bundesministerin Prof. Ursula Lehr, der Publizistin Lea Rosh, dem früheren Bremer Bürgermeister Henning Scherf und der langjährigen Bundestagspräsidentin Prof. Rita Süssmuth. Als Hauptsponsor des Kongresses wurde der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V. (GdW) gewonnen. Von den rund 600 Teilnehmern kam denn auch etwa die Hälfte aus der Wohnungswirtschaft und den entsprechenden Finanzinstituten. Auch viele Aussteller der Messe hatten mit Wohnen und Bauen zu tun. Die barrierearme Umgestaltung altersgerechter Wohnungen war ebenso ein Schwerpunkt wie das Angebot von technischen Assistenzsystemen, die an Telekommunikation und Internet anknüpfen.
Ingeborg Esser, Mitglied der Geschäftsführung des GdW, dessen Mitgliedsunternehmen rund sechs Mio. Mietwohnungen bewirtschaften, berichtete in diesem Zusammenhang, dass bereits 300.000 Wohnungen barrierefrei oder mindestens barrierearm umgebaut worden seien. Hier beginne die Prävention von Pflegebedürftigkeit und die Ermöglichung ambulanter Pflege bzw. die Vermeidung stationären Pflegebedarfs. "93 Prozent der über 65-Jährigen leben in ihrer angestammten Wohnung und wollen nicht in ein Heim", erklärte dazu Lutz Freitag, der Präsident des GdW. Die wichtigsten Handlungsfelder seien daher Umbauten im Bestand für ein barrierearmes Wohnen, ergänzende technische Ausstattung für mehr Wohnkomfort sowie zielgruppenorientierte personenbezogene Services. Damit solle älteren Menschen möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben in den vertrauten vier Wänden und gleichzeitig Bewohnern aller Altersklassen ein bedarfsgerechtes Wohnungs- und Serviceangebot ermöglicht werden. Das "Vernetzte Wohnen" spiele dabei als sinnvolle Verbindung von Technik und personenbezogenen Services eine herausragende Rolle. Im Hinblick auf die Anwendung von intelligenten Systemen des „Ambient Assisted Living“ beklagte Ingeborg Esser allerdings, dass die telemedizinischen Leistungen noch nicht im Erstattungskatalog der Krankenkassen enthalten seien.
Dass moderne technische Unterstützungssysteme gute Anwendungschancen haben, beweist eine Studie derFirma Philips Deutschland. Nach einer von Philips in Auftrag gegebenen Umfrage des FORSA-Instituts bewerten die Alten den technischen Fortschritt gerade in der Medizin positiv. Neun von zehn der über 65-Jährigen sind der Ansicht, dass sich neue Technologien bei Vorsorge, Diagnosestellung und Behandlung positiv ausgewirkt hätten. 55 Prozent der Generation 65plus freuen sich, wenn neue Technologien auf den Markt kommen. 62 Prozent sehen sich sogar selbst in der Pflicht herauszufinden, welche Technologien ihrer Gesundheit dienen könnten. 54 Prozent geben an, dass sie denken, ihre Gesundheit läge ganz in ihren Händen und weitere 37 Prozent erklären, es mache dafür einen entscheidenden Unterschied, wie sie sich selbst um sich kümmerten. Die Älteren seien also - der Umfrage zufolge - sehr wohl bereit und in der Lage, Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen und sich dabei auch moderner technischer Hilfsmittel zu bedienen.
Im Rahmen der Schirmherrschaft des BMFSFJ ließ es sich Bundesministerin Kristina Schröder nicht nehmen, zu einer programmatischen Rede auf dem Kongress zu erscheinen: Das Alter sei heute nicht mehr von Krankheit und Gebrechen gekennzeichnet. Das „Geschenk einer neuen Lebensphase“ eröffne die Zeit und die Bereitschaft für ehrenamtliches Engagement. Es sei die Aufgabe der Politik, „diesen Schatz zu heben“. Einer der wichtigsten lebensverlängernden Impulse sei bekanntlich „das Gefühl, gebraucht zu werden“. Wenn durch die Abschaffung der Wehrpflicht der verpflichtende Zivildienst entfalle, sei es ihr Ziel, einen freiwilligen Zivildienst an dessen Stelle zu setzen. Dieser solle dann für Männer und Frauen geöffnet werden und für alle Altersgruppen zugänglich sein. Der zweite aktuelle Vorschlag ihres Ministeriums in diesem Zusammenhang sei die gesetzliche Förderung von Familienpflegezeit. Hier sei dringender Handlungsbedarf, weil heute - im Gegensatz zu früher - die Mehrheit der Pflegenden berufstätig sei und bleiben wolle. Das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei zu lange nur im Hinblick auf die Kinder betrachtet worden. In der alternden Gesellschaft müsse aber gerade auch die Pflege bei diesen Überlegungen stärker berücksichtigt werden.
Nicht beteiligt war das Bundesgesundheitsministerium (BMG). Man habe dort nicht nachgefragt, so Ulf Fink ausdrücklich, weil man nicht die Vermutung in den Vordergrund stellen wollte, das Alter sei vorwiegend durch Krankheit gekennzeichnet. Man habe vielmehr die Chancen des Alterns hervorheben wollen. Bei der im nächsten Jahr geplanten Fortsetzung des Kongresses sei es aber durchaus denkbar, „dass wir das BMG dann mit einbeziehen.“
[1]Quelle: Gesundheitspolitischer Informationsdienst (gid), vom 24.09.2010, Ausgabe 24, 15. Jg; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.