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Kongress  • VPP 2/2012

Psychotherapie kann wirklich mehr! - 27. DGVT-Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung vom 1. März bis 4. März 2012 an der Freien Universität in Berlin

04. Mai 2012
 

Wieder einmal ist ein Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung in Berlin, nun schon der 27., nach weitgehend übereinstimmender Meinung der TeilnehmerInnen und OrganisatorInnen erfolgreich zu Ende gegangen. Die in langen Jahren erworbene Organisationsprofessionalität vieler DGVT-MitarbeiterInnen, die engagierte inhaltlich-thematische Planungsarbeit der Kongressvorbereitungsgruppe, die Unterstützung von ehrenamtlichen KollegInnen in der DGVT und das Management-Know-how der Kongressorganisation von Kelcon in Berlin haben eine geeignete Plattform für einen fachlichen Austausch und eine interdisziplinäre Diskussion von psychotherapeutischer und psychosozialer Theorie und Praxis geschaffen. Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt!

Unter dem Thema „Psychotherapie kann mehr …“ wurde referiert, diskutiert und das Gehörte in den themenbegleitenden Workshops vertieft. Eine breite Palette spezieller fachlicher Themen wie z. B. „Achtsamkeitsbasierte Verfahren“, „Neuronale und biologische Aspekte von psychischen Störungen und Psychotherapie“ sowie „Umgang mit arbeits- und berufsbezogenen Problemstellungen in der stationären und ambulanten Psychotherapie“ trug für die rund 1 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu erlebnisreichen Kongresstagen bei.

Nach der Eröffnung des Kongresses durch den Präsidenten der Freien Universität, Prof. Dr. Peter-André Alt, begrüßten für die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie Dr. Heiner Vogel, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der DGVT, und für die Kongressplanungsgruppe Bernhard Scholten die Kolleginnen und Kollegen und führten in das Thema des Kongresses ein.

Musikalisch umrahmt wurde die Eröffnung durch das Berliner Sextett „Die Kleine Kapelle“, das mit jazzigen Klängen (Trompeten, Kontrabass, Percussion, Akkordeon und eine Sängerin) für eine entspannte Atmosphäre im Audimax des Henry-Ford-Baus sorgte. Mit dem Hinweis, dass „alle Band-Mitglieder bereits erfolglose Psychotherapien hinter sich haben“, hatten sie gleich die Lacher auf ihrer Seite.

Eröffnung mit Prof. Maercker und Musik

Prof. Dr. Andreas Maercker, Universität Zürich, gab in seinem Eröffnungsvortrag „Trauma überwinden – Was kann die Psychotherapie leisten?“ einen Überblick über die aktuelle Traumaforschung. In seinem Vortrag warb er zum einen für mehr größeres politisches Engagement der DGVT für Menschen, die von traumatischen Erfahrungen gezeichnet sind. Besonders viele traumatisierte Menschen seien aus ihren Heimatländern, in denen sie Gewalt und Folter erlebt hätten, nach Deutschland geflohen. Oftmals seien sie nur geduldet und hätten somit keinen ausreichenden Zugang zu einer guten gesundheitlichen Versorgung.

Weiter verwies Maercker auf die Spätfolgen von traumatischen Erfahrungen bei der Kriegsgeneration, die heute 80 Jahre und älter ist. Diese Personen leiden heute im Alter wieder unter den Erfahrungen der Bombennächte, der Flucht- und Kriegserlebnisse. In diesem Zusammenhang berichtete er auch von der derzeitigen Kontroverse bei der Revision des ICD 10/11 zu „Stress- und Traumafolgen-Erkrankungen“, in der es auch um die Klärung der Frage geht, wann Trauerreaktionen als pathologisches Symptom zu verstehen seien. Sein Referat gab einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Traumaforschung und -therapie und war damit ein guter Einstieg in das Kongressthema „Psychotherapie kann mehr“; denn es machte deutlich, dass Psychotherapie Menschen helfen kann, traumatische Erlebnisse so zu verarbeiten, dass sie diese in ihr Leben integrieren können.

Hauptvorträge und Internationales Symposium

Christine Knaevelsrud, Junior-Professorin an der FU Berlin für klinisch-psychologische Interventionen und Förderpreisträgerin der DGVT von 2008, skizzierte in ihrem Vortrag „Psychotherapie 2.0? – Einsatzmöglichkeiten und Grenzen der Online-Therapie“ den Forschungsstand zu den Methoden und Strategien der internetbasierten Psychotherapie. Knaevelsrud lernte die internetbasierte Psychotherapie während eines Studienaufenthaltes in den Niederlanden kennen und wollte, da es zum damaligen Zeitpunkt noch keine empirisch abgesicherten Studien über die Wirksamkeit von internetbasierten Psychotherapien gab, diese überprüfen. Knaevelsrud berichtete, dass sie zu Beginn der Studie überzeugt gewesen sei, dass diese Methoden nicht wirksam seien, doch die mittlerweile vorliegenden Studien belegen, dass Psychotherapie auch ohne direkten visuellen Kontakt – nur vermittelt über den internetbasierten Austausch – erfolgreich ist, bei einigen Störungen wie bei der Trauma-Therapie sogar tendenziell bessere Ergebnisse erzielt als die „klassische“ Psychotherapie. Knaevelsrud, die bei Maercker in Zürich über die internetbasierte Behandlung von Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung promovierte, stellte außerdem Ergebnisse aus der Forschung zur Behandlung von Menschen aus der Kriegsgeneration (www.lebenstagebuch.de) vor.

Christine Knaevelsruds Vortag provozierte zahlreiche Fragen. Für die DGVT besonders wichtig ist die Frage, ob und wie die internetbasierten Methoden und Strategien zur psychotherapeutischen Behandlung in die Ausbildung integriert werden können. Eine Frage, die dann auch noch am Rande des Kongresses weiter erörtert wurde – und sicherlich auch in den kommenden Jahren die Aus- und Weiterbildungskommission und die Ausbildungszentren beschäftigten wird.

Hochkarätig besetzt war das Internationale Symposium: Tom Borkovec (emeritierter Professor für klinische Psychologie an der Universität von Pennsylvania), Steven C. Hayes (University of Nevada, Reno) und Stefan G. Hofmann (Boston University) stellten ihre Grundüberlegungen zu einer „Theory of Psychotherapy vor. Deutlich wurde, dass die drei Wissenschaftler unterschiedliche Ansätze verfolgen. Bei der von Ulrike Willutzki (Ruhr-Universität Bochum) und Andreas Veith (DGVT-Ausbildungszentrum Dortmund) moderierten Podiumsdiskussion nutzten die ZuhörerInnen die Möglichkeit nachzufragen und die Referenten die Möglichkeit ihren Standpunkt zu präzisieren.

Den Reigen der am Kongressthema orientierten Hauptvorträgen beendete Siegfried Gauggel, Professor und Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universitätsklinik Aachen, mit seinem Beitrag zur „Praxis der Neuropsychologischen Psychotherapie“, die seit November 2011 vom Gemeinsamen Bundesausschuss neben der Verhaltenstherapie, der Psychoanalyse und der Tiefenpsychologie als weiteres psychotherapeutischen Verfahren anerkannt wurde. Gauggel gab einen Überblick über die Methoden und Forschungsansätze der Neuropsychologischen Psychotherapie, beschrieb auch die Schnittstellen und Anknüpfungspunkte zur Verhaltenstherapie und warb für eine konstruktives Miteinander dieser beiden klinisch-psychologisch fundierten Psychotherapien, die gemeinsam sicherlich das Versprechen der Kongresses erfüllen können „Psychotherapie kann mehr“.

Die Geister leben in uns!?

Ein Blick in eine andere Welt vermittelte bei der City-Night-Lecture in der rheinland-pfälzischen Landesvertretung in Berlin-Mitte Professor Dr. Dieter Vaitl, seit 2001 Leiter des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg, mit seinem Vortrag „Die Faszination des Paranormalen – oder: die Geister leben in uns“. Vaitl referierte in sehr unterhaltsamer Weise die verschiedenen Studien zur Klärung der Frage, ob es paranormale Vorgänge gibt, und kam dabei zu dem Ergebnis, dass die Frage letztlich nicht zu beantworten ist, denn die Daten zeigen, dass bestimmte Phänomene häufiger auftreten als sie nach der Zufallswahrscheinlichkeit dürften, dass die Effekte aber andererseits nicht so stark sind, dass sie als Argument für die Existenz einer „paranormalen Parallelwelt“ benutzt werden könnten.

Das Ambiente der City-Night-Lecture war für alle, die kamen, ein Höhepunkt des Kongresses; denn der Leiter der rheinland-pfälzischen Landesvertretung, Dr. Hans-Ulrich Bieler, begeisterter Jazz-Trompeter, hatte wenige Tage zuvor auf einer Dienstreise nach Trier Johannes Jungbauer, Diplom-Psychologe, DGVT-Mitglied und talentierter Jazz-Pianist, kennengelernt und von ihm erfahren, dass er auch zum DGVT-Kongress kommen würde. So haben sie sich die beiden spontan zu einer kleinen Jazz-Session vor der City-Night-Lecture verabredet und gaben – begleitet noch einem Bassisten – der City-Night-Lecture ein musikalisches Gesicht. 

Erste DGVT Spring-School für Promovierende

Die erste DGVT-Spring-School im Rahmen des Kongresses stand unter dem Motto „Grundlagen, Ansätze und Modelle moderner Psychotherapie-Forschung“ statt. Ausgehend von der Idee des Scientist-Practitioner-Modells, wonach kompetentes psychotherapeutisches Handeln stets in enger Verbindung zu neuen (grundlagen-)wissenschaftlichen Entwicklungen im Bereich von Methodik und Störungswissen stehen sollte, bestand der zentrale Gedanke der Spring-School darin, Nachwuchswissenschaftler/innen mit aktuellen Ansätzen der Psychotherapieforschung vertraut zu machen und gleichzeitig ein Forum für den Austausch wissenschaftlicher Ideen und Fragestellungen zu schaffen. Mit der Spring-School sollte somit im Rahmen des DGVT-Kongresses neben dem bewährten Workshop-Angebot im Bereich praktisch-psychotherapeutischer Interventionsmethoden erstmalig auch ein forschungsorientiertes Fortbildungsangebot und eine Diskussionsplattform für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler speziell während der Promotionsphase geschaffen werden.

Mit Prof. Dr. Wolfgang Lutz (Universität Trier) konnte für die Spring-School einer der renommiertesten Psychotherapie-Forscher in Deutschland gewonnen werden. Die 23 Teilnehmer/innen bekamen eine umfassende und lebendige Einführung in aktuelle Entwicklungen im Bereich der Wirksamkeitsforschung psychotherapeutischer Interventionen. So wurden anhand beeindruckend großer Datensätze der Universitäten Trier, Bochum und Bern Grundlagen, Methoden und Ergebnisse einer modernen patientenorientierten Verlaufsforschung reflektiert. Innovative Konzepte wie diskontinuierliche Therapieverläufe („sudden gains and losses“) und die Vorhersage individueller Therapieverläufe mit Methoden aus der Lawinenforschung („nearest neighbour analyses“) fanden ebenso Erwähnung wie methodische und politische Hintergründe aktueller Psychotherapie-Forschung anhand der großen, bundesweit durchgeführten TK-Studie. Das Einbringen eigener Forschungsprobleme und konkreter Fragestellungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gestaltete den Workshop von Beginn an lebendig und interaktiv.

Im zweiten Teil des Workshops wurden gezielt methodische Aspekte moderner Psychotherapie-Forschung besprochen und die Teilnehmer/innen bekamen einen ersten praktischen Einblick in die Analyse-Software MPlus, die sich hervorragend zur Auswertung und Modellierung von Längsschnittdaten im Rahmen der Psychotherapie-Forschung eignet. Am Ende der Veranstaltung wurde dieses neue Angebot von den Teilnehmern sehr gelobt. Endlich habe man als wissenschaftlicher Nachwuchs auch einen Platz auf dem Kongress, der sich vornehmlich an Praktiker richtet. Es möge doch bitte ein Auftakt sein für weitere interessante Workshops…

Neben dem Spring-School-Workshop fand ein Symposium statt (Moderation: Prof. Lutz und Dr. Andrea Benecke, Klinische Psychologie und Psychotherapie/Universität Mainz), bei dem die Teilnehmer/innen ihre eigenen Promotionsprojekte vorstellen und diskutieren konnten. Die Themen dieses Symposiums waren breit gefächert und reichten von der Evaluation des Einsatzes von Simulationspatienten in der Psychotherapieausbildung (Julia Eckel und Rudi Merod), der Analyse linearer und nicht-linearer Veränderungsmuster in der Psychotherapie (Julian Rubel und Wolfgang Lutz) über die Erhebung und Beurteilung integrativer Konzepte in Beratung und Psychotherapie (Jan Thivissen) bis hin zum Themenbereich der Computerspiel-Abhängigkeit (Eva-Maria Zensen, Thomas Mößle und Florian Rehbein).

Auf Grund der hohen Nachfrage, der engagierten Teilnahme und durchweg positiven Resonanz der Teilnehmer/innen  ist eine Neuauflage und Erweiterung der Spring-School für Promovierende für den kommenden 28. DGVT-Kongress 2014 in Berlin fest geplant.

Angela Baer, Andrea Benecke, Waltraud Deubert, Bernhard Scholten, Michael Witthöft