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VPP 3/2017

Schweigen hilft Tätern und Täterinnen – Was tun für einen verbesserten Schutz vor sexuellem Missbrauch und bei Verdachtsfällen? -Präventions- und Interventionsmöglichkeiten in Einrichtungen und Organisationen

03. August 2017
 

von Johannes-Wilhelm Rörig,

Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Trotz steigendem Bewusstsein und erhöhter Achtsamkeit ist die Gefahr von Kindesmissbrauch in Einrichtungen nach wie vor gegeben. Auf Dauer angelegte präventive Maßnahmen und legislative Anpassungen können jedoch zu einem spürbar verbesserten Schutz und zu einem nachweisbaren signifikanten Rückgang von Kindesmissbrauch beitragen.

Die Dimension von Kindesmissbrauch in Deutschland ist enorm

Sexueller Missbrauch ist kein Randgruppen- oder Nischenthema. Er findet real, täglich, mitten unter uns und niemals zufällig statt: In der Kleinstadt, in der Metropole, in allen sozialen Milieus – in Familien ebenso, wie in Kitas, Schulen und Sportvereinen.

Mädchen und Jungen jeden Alters können zum Opfer werden, durch Erwachsene, aber auch durch andere Jugendliche und Kinder und zunehmend mittels digitaler Medien. Digitale Medien führen oft zu ungewollten sexuellen Annäherungen, sie werden für die Anbahnung von sexualisierter Gewalt on- und offline genutzt und spielen bei der Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen eine große Rolle. Die Täter – Männer und Frauen – kommen in den meisten Fällen aus dem familiären und nahen sozialen Umfeld der Kinder. Sie kennen die Kinder gut und oft auch die Familien. Sie nutzen dieses Vertrauen mit ausgefeilten Strategien aus, um Kinder zu missbrauchen und eine Schweigespirale in Gang zu setzen. Auch in Einrichtungen setzen Täter und Täterinnen ihre perfiden Strategien ein und machen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen zu Tatorten sexueller Gewalt.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leben in Europa 18 Millionen Kinder und Jugendliche, die von sexueller Gewalt durch Erwachsene betroffen sind. Übertragen auf Deutschland sind dies rund eine Million Mädchen und Jungen, die sexuelle Gewalt erleiden oder erlitten haben. Auch die polizeiliche Kriminalstatistik belegt die ungebrochen große Dimension sexueller Gewalt gegen Minderjährige in Deutschland: Für das Jahr 2015 beziffert sie knapp 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs und zusätzlich circa 1.000 Fälle sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen, 400 Fälle sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen und 2.000 Fälle von „Cyber-Grooming“. Diese Zahlen zeigen uns nur das Hellfeld. Wir wissen, dass das Dunkelfeld um ein Vielfaches größer ist.


typo3/#_ftnref1Quelle: Blätter der Wohlfahrtspflege, Heft 2, Jg. 164; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.

Prävention und Intervention brauchen ein Konzept

Sexueller Missbrauch ist eine schwerwiegende und oftmals traumatisierende Erfahrung, die ein ganzes weiteres Leben zeichnen kann. Obwohl Handlungsmöglichkeiten bestehen, investieren Politik und Gesellschaft noch immer zu wenig in Schutz vor und Hilfen bei sexueller Gewalt. Um Kinder besser vor sexualisierter Gewalt schützen und ihnen bei Übergriffen schneller helfen zu können, sollten Schutzkonzepte zum selbstverständlichen Qualitätsstandard aller Einrichtungen gehören. Es ist wichtig, dass nicht erst im Verdachtsfall reagiert wird, sondern sich Fachkräfte unaufgeregt und sachlich mit dem Thema auseinandersetzen und dabei auch Eltern und Kinder einbeziehen. Es geht darum, angstfrei über Missbrauch zu sprechen und Regeln aufzustellen, die das Verhältnis von Nähe und Distanz, Erlaubtem und Unerlaubtem in Einrichtungen klar definieren. Schutzkonzepte helfen dabei, offen über sexuelle Gewalt zu sprechen und auf Vermutungen und Verdachtsmomente fachlich angemessen zu reagieren. Wegschauen, Angst und Hysterie haben in einer guten Präventionsarbeit keinen Platz.

Als wir 2012 und 2013 das erste Monitoring zu Schutzkonzepten in Einrichtungen und Institutionen durchgeführt haben, wurden neben Schulen, Internaten, Sportvereinen oder Kinderkliniken beispielsweise auch Kitas nach ihren Präventionsansätzen befragt. Es wurde deutlich, dass sich ein Teil der bundesweit über 50.000 Kitas im Bereich der Prävention schon auf den Weg gemacht hatte. Häufig fehlte es jedoch an konkretem Wissen über die Dimensionen von sexuellem Missbrauch, die Relevanz des Themas wurde oftmals unterschätzt. Rückmeldungen in unseren Befragungen wie „Wir sind eine Kita, bei uns gibt es dieses Thema nicht“, „Bei uns passiert so etwas nicht, weil wir nur kleine Kinder haben“, „[…],weil wir nur Frauen beschäftigen“ oder „[…],weil wir auf dem Land leben“, spiegeln die weit verbreitete Ahnungslosigkeit und Abwehrhaltung auch unter Erzieherinnen und Erziehern oder Kitaleitungen wider. Aber auch in anderen Arten von Einrichtungen und Organisationen wird das Leid der Mädchen und Jungen zu oft nicht wahrgenommen, weil sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche noch immer ein angst- und schambesetztes Thema ist und eine große Unsicherheit im Umgang damit besteht.

Prävention braucht flächendeckendes Investment – Die Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“

Internationale Studien bestätigen: Auf Dauer angelegte präventive Maßnahmen und legislative Anpassungen tragen zu einem spürbar verbesserten Schutz und zu einem nachweisbaren signifikanten Rückgang von Kindesmissbrauch bei. Es sollte unser aller Ziel sein, in den kommenden Jahren einen deutlichen Rückgang der Fälle sexueller Gewalt gegen Mädchen und Jungen zu erreichen. Dieses Ziel verfolgt die neue Initiative  „Schule gegen sexuelle Gewalt“, die ich im September 2016 in Nordrhein-Westfalen gestartet habe und bis Ende 2018 in allen weiteren Bundesländern gemeinsam mit den jeweiligen Kultusministerien umsetzen möchte.

Mit „Schule gegen sexuelle Gewalt“ wollen wir die mehr als 30.000 Schulen in ganz Deutschland aktivieren, Präventions- und Hilfemaßnahmen gegen sexuelle Gewalt zu entwickeln und Schutzkonzepte zum gelebten Schulalltag werden zu lassen. In Deutschland soll künftig zu sexueller Gewalt nicht mehr geschwiegen werden. Aus diesem Grund ist Schule für Prävention sexueller Gewalt ein besonders wichtiger Ort, denn nur dort können wir nahezu alle Kinder und Jugendlichen erreichen. Lehrkräften und anderen schulischen Beschäftigten kommen beim Schutz vor sexueller Gewalt deshalb wichtige Schlüsselrollen zu.

Sexuelle Gewalterfahrungen in der Kindheit

Erfolgreiche Bildung und Kinderschutz sind untrennbar miteinander verknüpft: Sexuelle Gewalterfahrungen können die Ursache für Verhaltensauffälligkeiten sein, die in der Folge auch mit schulischem Misserfolg einhergehen können. Fachleute gehen davon aus, dass sich in jeder Schulklasse – unabhängig von der Schulform und der örtlichen Lage der Schule – Mädchen und Jungen befinden, die sexuelle Gewalt erlitten haben oder aktuell erleiden. Dadurch, dass Lehrerinnen und Lehrer tagtäglich in Kontakt mit Schülerinnen und Schülern kommen, ergeben sich vielfältige Möglichkeiten, gefährdende Lebenssituationen oder Verhaltens-veränderungen bei ihnen wahrzunehmen. Lehrkräfte können nachfragen, sich für Gespräche und Unterstützung anbieten und gegebenenfalls Wege zu weiteren Hilfen aufzeigen – vorausgesetzt, das Thema sexuelle Gewalt wird offen und transparent in der Schule kommuniziert und es gibt unter den Lehrerinnen und Lehrern genügend Basiswissen hierzu. Darüber hinaus können Schulen einen zentralen Beitrag dazu leisten, dass durch präventive Maßnahmen und eine präventive Erziehungshaltung Mädchen und Jungen gestärkt werden und das Tabu insgesamt gebrochen wird. Schweigen zu sexueller Gewalt hilft nur Tätern und Täterinnen.

Konkrete fachliche Unterstützung

Die Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“ liefert Schulen konkrete fachliche Unterstützung bei der Entwicklung eines schulischen Konzepts zum Schutz vor sexueller Gewalt. „Schule gegen sexuelle Gewalt“ unterstützt und ermutigt Schulen, passgenaue schulische Schutzkonzepte zu entwickeln und das schwierige Thema im Kollegium und bei der Eltern- und Schülerschaft anzusprechen. In Zusammenarbeit mit den Kultusministerien und Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis sind umfangreiche Informations- und Arbeitsmaterialien entstanden, die im Laufe der Schuljahre 2016/17 und 2017/18 allen Schulen zur Verfügung gestellt werden: Hierzu zählen eine Infomappe mit Basisinformationen zu Schutzkonzepten sowie Plakaten und Elterninformationen, die über die jeweiligen Kultusbehörden an die Schulen verteilt werden. Zudem gibt es ein umfangreiches Fachportal (www.schule-gegen-sexuelle-gewalt.de), das Schulen einen praxisnahen Leitfaden für den Prozess der Konzeptentwicklung bietet. Das Fachportal konkretisiert und vertieft das Wissen zu den einzelnen Bestandteilen eines Schutzkonzepts und weist auf externe Unterstützungsmöglichkeiten wie Beratungsstellen oder schulbegleitende Dienste vor Ort hin. Das Fachportal ist dynamisch konzipiert und wird fortlaufend um landesspezifische Regelungen und Angebote erweitert.

Prävention vor sexueller Gewalt ist eine echte Daueraufgabe und Leitungsverantwortung

Die Entwicklung eines Schutzkonzeptes in jeder Einrichtung oder Organisation – nicht nur einer Schule - ist kein einmaliger Vorgang. Maßnahmen der Prävention müssen immer wieder neu vermittelt und gelernt werden, Strukturen und Abläufe müssen immer wieder überprüft und ggf. angepasst werden. Schutz vor sexueller Gewalt ist eine echte Daueraufgabe. Deshalb gehört auch ein Schutzkonzept nicht nur erstellt und einmalig implementiert, sondern muss im Alltag dauerhaft eine wichtige Rolle spielen. Ein Universalkonzept gibt es dafür nicht. Das Konzept muss sich im Alltag beweisen und gegebenenfalls immer wieder weiterentwickelt und überarbeitet werden: Ist das Konzept allen bekannt, die es angeht, auch der Elternschaft? Wie werden neue Kolleginnen und Kollegen in diesem Prozess mitgenommen? Wer ist dafür verantwortlich, dass das Thema nicht vernachlässigt wird?

Prävention gehört zur Leitungsverantwortung

Der Leitungsebene von Einrichtungen und Organisationen kommt eine zentrale Rolle zu: Nur wenn Kinderschutz von „ganz oben“ getragen und gewollt ist, können die Weichen für dauerhafte Prävention, Intervention und Hilfe richtig gestellt werden. Die Leitung sollte die Mitarbeitenden motivieren, sich aktiv an diesem Organisationsentwicklungsprozess zu beteiligen und ihre spezifischen Perspektiven einzubringen. Auch Mütter und Väter sollten in ihrer besonderen Rolle beim Schutz vor sexualisierter Gewalt angesprochen werden. Insbesondere Fragen der Erziehungshaltung, aber auch potenzieller Gefährdungen, wie zum Beispiel durch digitale Medien, sollten dabei im Mittelpunkt stehen. Mädchen und Jungen sollten durch eine gute Beteiligungskultur und durch präventive Angebote sensibilisiert und gestärkt werden.

Johannes-Wilhelm Rörig ist seit Dezember 2011 Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung. Durch Beschluss des Bundeskabinetts wurde Johannes-Wilhelm Rörig zum 1. April 2014 für die Dauer von weiteren fünf Jahren erneut zum Unabhängigen Beauftragten berufen. Seine Aufgaben umfassen die Unterstützung und Beobachtung der Umsetzung der Empfehlungen des Runden Tisches „Sexueller Kindesmissbrauch“, insbesondere die Einführung und Weiterentwicklung von Konzepten zum Schutz vor sexueller Gewalt in Einrichtungen und Organisationen. Außerdem unterstützt er die kontinuierliche Einbeziehung Betroffener an den gesellschaftlichen und politischen Prozessen durch den bei ihm angesiedelten Betroffenenrat sowie die Aufarbeitung durch die von ihm eingesetzte Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die Anfang 2016 ihre Arbeit aufgenommen hat. Rörig ist verant-wortlich für das „Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“ und das „Hilfeportal Sexueller Missbrauch“ und informiert die Öffentlichkeit zu Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, unter anderem durch die Initiative „Kein Raum für Missbrauch“. Im September 2016 startete der Beauftragte die bundesweite Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“, die Schulen dabei unterstützt, Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen einzuführen.

 

Weitere Informationen:
www.beauftragter-missbrauch.de
www.kein-raum-fuer-missbrauch.de
www.schule-gegen-sexuelle-gewalt.de
www.hilfeportal-missbrauch.de
Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (bundesweit, kostenfrei und anonym): 0800 – 2255530
twitter@ubskm_de