Skip to main content
 
VPP 3/2013  • Suizidassistenz

Suizidalität und Internet: Zwischen Gefährdung und Hilfe[1]

08. August 2013
 

 

»Heute nicht Tatort gucken!«, titelte die »Bild am Sonntag« im Jahr 2002 und warnte vor dem SWR-Film »1000 Tode«. »Selbstmordszenen gefährden Jugendliche«, hieß es. Dabei berief sich das Blatt auf den sogenannten »Werther-Effekt«. Der Goethe-Roman »Die Leiden des jungen Werthers« (1774) hatte seinerzeit etliche Suizide ausgelöst. Psychologen warnten vor den drastischen Szenen, die insbesondere Jugendliche gefährden würden, weil sie die Suizidneigung verstärkten und zu Angstträumen führten.

Die Drehbuchautorin Dorothee Schön legitimiert sich, dass »dieser Tatort jugendliche Internet-Nutzer misstrauischer gegen Selbstmordforen machen« soll. Der Täter im Tatort benutzt ein Internetforum, um Mädchen, die gemeinschaftlich Suizid begehen wollen, zu ködern und in seine Gewalt zu bringen. Sie sollen dann dazu gebracht werden, sich vor laufender Kamera umzubringen. Die Filme werden wiederum im Internet gezeigt. Warnt Bild also vornehmlich vor den Fernsehbildern, so der Fernsehfilm vor dem Internet.

»Todespillen aus dem Internet«, »Bei Mausklick Selbstmord?«, »Verabredung zum Suizid im Internet«, »Selbstmord-Sucht im World Wide Web«. Solche und ähnliche Schlagzeilen ließen in den letzten Jahren immer mal wieder nicht nur Netzkritiker aufhorchen. Spätestens nach dem ersten bekannt gewordenen, über das Netz verabredeten Selbsttötungs-Rendezvous im Jahr 2000 zwischen dem 24-jährigen norwegischen Computerexperten Daniel V. mit der Österreicherin Eva D., 17, das mit einem gemeinsamen Sprung von einer Felsenklippe in Südnorwegen endete, scheint eine weitere destruktive Quelle des Internet entlarvt zu sein.

Die Kontroverse um die »Suizidforen«

Angesprochen ist damit die Existenz sogenannter »Suizidforen«, d.?h. virtuelle Diskussionsplattformen, in denen sich vorrangig Menschen mit Suizidgedanken austauschen. Eine exakte Angabe über die Anzahl der Foren kann nicht gemacht werden, da eine hohe Fluktuation besteht. Nach Schätzungen existieren im deutschsprachigen Raum ca. 30 solcher Foren. Dabei variiert das Klima der Foren und der gegenseitige Umgang mit tiefer Verzweiflung zwischen einzelnen Suizid-Portalen und hängt stark von den Motiven und der Gestaltung sogenannter Forenmaster ab. Forenmaster sind die Initiatoren solcher Foren, können professionell ausgebildet oder auch selbst betroffene Laien sein. Dabei ist das Vorurteil, dass laienhafte Forenmaster durchgehend Diskussionen über die effektivste Suizidmethode zulassen oder favorisieren (sog. »Methodenforen«) und somit einen sorglosen Austausch unter Menschen in Krisen begünstigen würden, nicht zutreffend. Es existieren WWW-Angebote, die nicht nur eine Kommunikationsmöglichkeit für Suizidale zur Verfügung stellen, sondern auch reichhaltiges Informationsmaterial zu Selbsthilfe anbieten und ebenso Adressen von professionellen Ansprechpartnern auflisten. Ein Beispiel hierfür ist das Selbstmordforum (www.selbstmordforum.net) mit derzeit über 8.300 registrierten Mitgliedern. Alle Teilnehmer des Forums werden vor Eintritt auf bestimmte Regeln aufmerksam gemacht (http://selbstmordforum.net/wbboard/thread.php?threadid=23999), die u.?a. das Anbieten und den Handeln mit Suizidmitteln (z.?B. Waffen, Tabletten etc.) ausdrücklich untersagen.

Verfolgt man einzelne Diskussionsstränge in diesem Forum, so fällt auf, dass bei Abweichungen von diesen Regeln der Eingriff seitens der Administratoren nur selten notwendig ist, sondern die Teilnehmer selbst bestrebt sind, ein Klima im Rahmen dieser Regeln aufrechtzuerhalten und Abweichungen durch Erinnerung an diese Optio­nen und Ermahnungen selbst zu regulieren. Während beispielsweise der Handel mit Suizidmitteln in den meisten Foren strikt untersagt wird, existieren jedoch ebenso Foren, in denen »Methodendiskussionen« explizit erlaubt sind (z.?B. »Das Suizid-, Freitod- und Selbstmord-Forum« [http://www.voy.com/228518/]: »Grundsätzlich werden Methodendiskussionen seitens der Forenleitung nicht zensiert, da zur verantwortungsvollen Auseinandersetzung mit dem möglichen Freitod auch das Abwägen der einzelnen Risiken gehört. Methodendiskussionen sollen mit dem nötigen Respekt und Ernst geführt werden.«).

Werden das generelle Potenzial des Internets zur Selbsthilfe bei verschiedenen Störungen und Problembereichen sowie die Chancen zur Suizidprävention mittels dieses Mediums in Fachkreisen insgesamt positiv eingeschätzt, so ist die Beurteilung bezüglich der Gefahren bzw. des Nutzens dieser Suizid-Selbsthilfeforen sehr heterogen. Dabei beruhen die Beurteilungen fast ausschließlich auf theoretischen Überlegungen bzw. der anekdotischen Berichten. Es überwiegen deutlich alarmierende Stimmen. Vonseiten der Politik als auch von Sozialpädagogen und Lehrern wurde seit der Geschichte von Daniel V. und Eva D. eine Epidemie von organisiertem Suizid im Internet visioniert. Insbesondere Jugendliche fänden in den sogenannten Suizidforen eine Ideenbörse zur Umsetzung ihrer lebensmüden Gedanken: Ratschläge für effiziente Suizidmethoden, Angebote zum Kauf tödlicher Medikamente seien Hauptinhalte solcher Foren, was dringend staatliche Gegenmaßnahmen erfordere. Demgegenüber stehen relativierende Positionen, die diesen Foren auch suizidpräventive Funktionen zuschreiben durch die Enttabuisierung eines in der Gesellschaft stark stigmatisierten Themas (zur Kontroverse siehe Tabelle 1).

Empirische Studien zur Bewertung
der »Suizidforen«

Die Notwendigkeit, die psychosoziale Präventionsarbeit als auch Hilfeangebote für suizidale Personen zukünftig konsequenter auszubauen, ist unter Fachleuten kaum umstritten. Gerade das Internet als ein alltäglich gewordenes Medium bietet eine potente Plattform, um aufzuklären und niederschwellige Krisenangebote rund um die Uhr zur Verfügung zu stellen.

Die allgemeine Entwicklung zeigt in der Tat eine Zunahme des Themas Suizidalität im Internet. Bei näherer Betrachtung fällt jedoch auf, dass Suizidforen nur einen kleinen Teil dazu beisteuern. Der größte Anteil der WWW-Seiten, die den Problemkomplex Suizidalität thematisieren, fällt in den Bereich von strukturierten Informations- und Beratungsangebote für suizidale Menschen (s.?u.). Das ist ein Aspekt, den dramatisierende Medienberichte häufig unterschlagen. Vielmehr werden spektakuläre Einzelfälle von verabredeten Suiziden im Netz aufgriffen und die im deutschsprachigen Web existierenden Suizidforen generalisiert zu »Tummelplätzen für Selbstmörder«.

Die empirische Forschungslage zu den Inhalten, Funktionen und Effekten dieser Foren war lange Zeit ist nicht nur ergänzungs-, sondern grundsätzlich klärungsbedürftig. Auch bis einige Jahre nach dem ersten bekannt gewordenen durch das Internet verabredete »Selbsttötungsrendezvous« lagen erst drei systematische Studien vor, die sich empirisch mit der Thematik befassen. Fekete stellte 2002 mittels einer inhalts­analytischen Untersuchung divergierende Kommunikationsmuster in unterschiedlich ausgerichteten Foren (Depression, Angst, Suizidalität) fest.

Armin Schmidtke und Kollegen von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg gingen 2003 der Frage nach, ob sich in solchen Foren Häufungen bei Suiziden oder Suizidversuchen in bestimmten Zeiträumen nachweisen lassen. Ihre Hypothese ist, dass eine episodische überzufällige Häufung von Verabredungen zu suizidalem Verhalten Imitiationseffekte nahelegt. Zwar weisen ihre Ergebnisse in diese Richtung – Postings mit der Suche nach Suizidpartnern traten in bestimmten Zeiträumen gehäuft auf – jedoch ist damit noch kein Imitationsverhalten innerhalb eines Forums bewiesen, da auch andere Ursachen (saisonale Effekte, Berichte in anderen Medien) diese erhöhte Häufigkeit bedingt haben könnten.

An der Universität Bremen wurde im Rahmen einer Dissertation eine multimethodale Studie (siehe elib.suub.uni-bremen.de/diss/docs/E-Diss1238_sui.pdf) durchgeführt mit dem Ziel, Informationen über das Nutzerklientel und das Interaktionsverhalten in »Suizidforen« zu gewinnen, um Hinweise auf die Gestaltung von adäquaten Online-Beratungsangeboten zu erhalten. Die Befunde zeigen eindeutig, dass User an solchen Foren konstruktive Eigenschaften wie emotionale Entlastung und gegenseitige Hilfe schätzen und die Möglichkeit, sich über Suizidmethoden auszutauschen, nur von einer sehr geringen Minderheit als positive Funktion herausgestellt wird.

In einer eigenen Studie (Eichenberg 2008) sollten spekulativen Annahmen über destruktive vs. konstruktive Funktionen von »Suizidforen« empirische Ergebnisse gegenübergestellt werden.

Folgende offene Forschungsfragen wurden aufgegriffen:

1. Welche soziodemografischen Merkmale besitzen die Teilnehmer von »Suizidforen«? 2. Welche »suizidale Geschichte« haben sie?

3. Welche Motive sind ausschlaggebend für die Partizipation an solchen virtuellen Plattformen?

4. Welche Inhalte dominieren die Forendiskussion?

5. Lassen sich verschiedene Nutzertypen identifizieren?

6. Welche Effekte sind zu erwarten?

Um die aufgeführten Fragen zu klären, wurde in dem am meistfrequentierten Forum im deutschsprachigen Internet (einst: www.selbstmordforum.de, aktuell erreichbar unter www.selbstmordforum.net) eine Online-Befragungsstudie durchgeführt. Diese Datenerhebungsmethode war der niederschwelligste Zugang zu der Stichprobe. 164 Personen, überwiegend im jungen Erwachsenenalter (59?% < 21 Jahre; 88?% ? 30 Jahre), beantworteten unseren Fragebogen (je 50?% männlich bzw. weiblich). Im Folgenden werden die zentralen Ergebnisse der Studie vorgestellt.

Welche soziodemografischen Merkmale besitzen die Teilnehmer von
»Suizidforen«? Welche »suizidale
Geschichte« haben sie?

Bezüglich der suizidalen Geschichte zeigte sich, dass die Gruppe derer mit einer kurzen Vergangenheit (< 1 Jahr) hinsichtlich des Erlebens suizidaler Gedanken relativ gering war (14?% der Gesamtstichprobe); demgegenüber bestanden bei 40?% suizidale Tendenzen zwischen 1?–?3 Jahre und 34?% der befragten Forumsnutzer hatten die Suizidgedanken schon länger als fünf Jahre. Bei denjenigen, die angaben, noch nie suizidale Gedanken gehabt zu haben (12?%), wurden die weiteren Fragen zur Erhebung der suizidalen Erfahrungen ausgeschlossen.

Von den Befragungspersonen mit erlebten Suizidgedanken hatten über die Hälfte mindestens einen Suizidversuch unternommen (55?%); 19?% gaben an, zwei- bis dreimal versucht zu haben, sich das Leben zu nehmen. Noch häufigere Suizidversuche wurden selten berichtet.

Gegenüber der suizidalen Belastung der Stichprobe zeigte sich allerdings eine geringe Inanspruchnahme professioneller Hilfe­angebote: Nur knapp 40?% der Befragten gaben an, jemals wegen der Suizidgedanken in ärztlicher/psychotherapeutischer Behandlung gewesen zu sein; 23?% befanden sich zum Befragungszeitpunkt in professio­neller Behandlung, 14?% hatten vor, sich therapeutische Hilfe zu suchen, der überwiegende Teil lehnte diese Form der Hilfe für sich jedoch ab (63?%). Ärztlich verordnete Psychopharmaka nahmen 12?% der Personen zum Erhebungszeitpunkt ein.

Welche Motive sind ausschlaggebend für die Partizipation an solchen
virtuellen Plattformen?

Ingesamt nutzten 78?% der Befragungsteilnehmer ausschließlich das Selbstmordforum, nur 22?% gaben an, noch weitere »Suizidforen« im Internet zu frequentieren. Die Nutzungsintensität des untersuchten Forums war hoch: Knapp der Hälfte der Stichprobe (45?%) besuchte es im Durchschnitt mindestens täglich, wobei Gelegenheitsbesucher (seltener als einmal im Monat) aber auch deutlich vertreten waren (17?%). Was suchen und erhoffen sich die User von der Teilnahme an einer solchen Community? Wie oben erwähnt, wird in der Öffentlichkeit, aber auch in Fachkreisen als hauptsächlichstes Motiv angenommen, dass solche Foren aufgesucht werden, um Hinweise zu effektiven Suizidmethoden zu erhalten und Verabredungen zu gemeinschaftlichem Suizid zu treffen.

Um die Motive der User zur Teilnahme am Selbstmordforum zu erfassen, wurden mögliche Gründe vorgegeben, die die Befragungspersonen nach dem Grad des Zutreffens für sich einschätzten. Als wichtigster Grund wurde genannt: »um Menschen mit ähnlichen Problemen und Gedanken kennenzulernen«. 81?% gaben an, dass dieser Grund teilweise bis vollkommen für sie zutrifft. Daneben war das Motiv wichtig, »um meine Probleme, die hinter meinen Selbstmordgedanken stehen, mitteilen zu können«. Nicht zutreffend war hingegen das Motiv, »um Informationen zu bekommen, wie ich professionelle Hilfe finde« – für 77?% der Befragten traf dieser Grund wenig oder gar nicht zu. Dies deckt sich mit den Befunden zum generell kaum ausgeprägten Bedürfnis, fachliche Unterstützung zu suchen. Auch das Motiv, »um jemanden zu finden, der sich mit mir zusammen umbringt«, traf für 81?% der Befragten wenig oder gar nicht zu.

Insgesamt ließen sich zwei Motivgruppen unterscheiden: konstruktive Motive, d.?h. solche, die eher hilfesuchender Natur nach produktiver Problemlösung sind, und destruktive Motive, zu denen z.?B. Informationen zu Suizidmethoden zu erhalten zählt.

Welche Inhalte dominieren
die Forendiskussion?

Grundsätzlich ist möglich, aktiver oder passiver (ausschließliches Mitlesen der Beiträge anderer) Teilnehmer zu sein. Gut ein Drittel (34?%) der Befragungsteilnehmer gab an, rein passiver Nutzer zu sein. Die meisten User schrieben direkt beim ersten Besuch (22?%) bzw. ein paar Tage später (29?%) einen eigenen Beitrag.

Befragt man die Nutzer zu den Inhalten ihrer eigenen Postings (Diskussionsbeiträge), so wird – analog zu den Motiven, das Forum zu frequentieren – deutlich, dass die Beiträge vor allem darin bestanden, die eigenen Hintergründe/Anlässe für die suizidalen Gedanken zu beschreiben und auf andere und deren Probleme, die zu den Suizidgedanken geführt haben, einzugehen. Die Aussage, »ich beschreibe die Probleme, die zu meinen Selbstmordgedanken führten«, traf für 74?% der Befragten teilweise bis vollkommen zu. 68?% stimmten der Aussage »Ich gehe auf die Selbstmordgedanken anderer ein« teilweise bis vollkommen zu.
Die Auskünfte dazu, wie häufig die User welche Arten von Reaktionen auf die eigenen Postings erhielten und in welchem Ausmaß ihnen die verschiedenen Formen von Feedback halfen, ergaben, dass die Reaktio­nen der Community eher unterstützend und konstruktiv waren. Entsprechend wurden auch verständige und tröstende Antworten/Reaktionen, ebenso wie Ablenkung und Aufheiterung als am meisten hilfreich empfunden. Antworten, die Suizidwünsche bestärken und forcieren, kamen so gut wie nie vor und wurden als überhaupt nicht hilfreich erlebt.

Die Inhalte der eigenen Postings im Selbstmordforum ließen sich unterscheiden in eher eigenzentrierte (z.?B. »Ich äußere meine Selbstmordgedanken«), zum anderen eher fremdzentrierte Inhalte (z.?B. »Ich gehe auf die Selbstmordgedanken anderer ein«).

Exemplarische Inhalte
des Selbstmordforums

Inhaltlich ist das Selbstmordforum in sechs Unterforen unterteilt: »Zum Forum«, »Suizid«, »Probleme und Erkrankungen«, »Medien«, »Kreativecke« »Allgemeines Miteinander«. Liest man die Beiträge in »Suizid«, so kann man bei diesem Forum nicht feststellen, dass man sich gegenseitig zum Sterben animiert oder die Diskussion um Waffenbeschaffung, Medikamentenhandel etc. kreisen. Die Themen haben eine große Spannweite und drehen sich z.?B. um die Frage nach der Verarbeitung eines Suizides in der Familie, eine andere Betroffene berichtet von ihren Missbrauchserfahrungen und den damit zusammenhängenden Suizidgedanken, worauf sie von anderen ermutigt wird, mit ihrem Arzt über ihre Erlebnisse und Suizidgedanken zu sprechen. Drängt ein Forumsmitglied die Frage nach der Notwendigkeit eines Testaments, so wandelt sich das Thema nach nur wenigen Postings zu einem sehr emotionalen Austausch über Suizidgedanken allgemein:

*zustimm* Ich seh das genauso ... ich bin auch eher emotional was sowas betrifft ... habe auch bei manchen Beiträgen schon echt n paar Tränchen verdrücken müssen ... ihr redet über Freitod, als würdet ihr heute Nachmittag noch Brot und Käse kaufen müssen ... seid ihr echt schon soooo abgehärtet?

Zu den Problemen und Auslösern von Suizidgedanken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehören ganz unterschiedliche Faktoren, von denen meist einige zusammenwirken, über längere Zeit bestehen und sich so verstärkt haben mögen. Zu den Belastungsfaktoren zählen z.?B. Entwicklungskrisen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Alkoholismus in der Familie, gestörte Beziehungen zu Familienmitgliedern, Trennungen von den Eltern oder Trennung der Eltern, körperliche Erkrankungen der Eltern, schlechte Schulleistungen, Konflikte in der Schule, Konflikte am Arbeitsplatz sowie Beziehungsprobleme mit Freunden und Freundinnen.

All diese Schwierigkeiten, mit denen Adoleszente typischerweise konfrontiert werden im Laufe ihrer Entwicklung, werden auch im Selbstmordforum deutlich. Aktuell auslösende Situationen und Hintergründe der suizidalen Gedanken sind überwiegender Inhalt der Postings, die zur Folge habe, dass andere Betroffene ihre Erfahrungen schildern, trösten, Mut zusprechen und konstruktive Bewältigungsmöglichkeiten aufzeigen, ohne Suizidwünsche und -absichten zu übergehen, zu verharmlosen oder ihnen moralisierend zu begegnen.

Hi ihr da ...

Als Erstes möchte ich alle grüßen, seien es Selbstmordgefährdete, Helfer oder auch ganz normale Menschen ...

Vor sechs Monaten hätte ich eigentlich nie gedacht, nach etwas im Internet zu suchen, das mein Leben in gewisser Weise verändern wird ... Die letzten sechs Monaten waren die Hölle für mich ... drei Jahre Beziehung gingen vor ihnen zu Ende ...

Meine große ((Liebe)) verließ mich ... sei es, ich war ein Arschloch, oder irgendwas anderes ... Gestern habe ich erfahren, dass sie sich in jemanden anderen verliebt hat und somit für mich die zweite Welt zusammengebrochen und der ganze Scheiß jetzt wieder von vorne anfängt ...

Ich versuche mich abzulenken ... doch das klappt nicht, es tut einfach so unglaublich weh ... weiß nicht mehr, wohin mit mir, versteh auch nicht mehr so viel von dem ganzen Mist hier ... Hätte nie gedacht das ((Liebe)) so wehtun kann, und doch liebe ich sie immer noch, aber das wird jetzt nie wieder erwidert ...

Meine Frau fürs Leben könnte man mal so sagen ... Doch fängt jetzt alles von Neuem an und ich weiß einfach nicht mehr, wohin ... weiß mich nicht zu beschäftigen ... habe einfach die Lust am Leben verloren ... Ich denke, ich werde es am Wochenende noch mal versuchen ist ja keiner hier ...

Wünsch euch allen noch was und baut keinen Scheiß ...

Einige Antworten:

Es tut weh ... Aber es geht vorbei ... manchmal dauert es auch lange ... Kennst du das Lied »Ein Herz, das kann man nicht reparieren« von Udo Lindenberg? Wenn nicht, hör es dir aufmerksam an …

Hi, habe das gleiche Problem. Habe auch eine dreijährige Beziehung hinter mir, die sehr schmerzhaft endete. Kann Dich sehr gut verstehen. Ich hab sie auch mit nem Neuen gesehen ... Ich weiß, wie sehr es einen quält, ich kann Dir nur berichten, wie ich es schaffe, noch am Leben zu bleiben ... Du musst unter Leute, wenn Du anständige Freunde hast, dann rede mit ihnen, sag ihnen, wie Du Dich fühlst. Versuche am Wochenende abends wegzugehen, bleibe nicht alleine zu Hause, das macht es nur noch schlimmer. Du kannst mir auch ’ne E-Mail schicken, und Dich ausführlicher auslassen ... Bleib tapfer, es ist leicht gesagt, aber ich kenne es nur zu gut ... Ich wünsche Dir viel Kraft.

So wie dir geht’s mir auch. Es ist damit geendet, dass ich nen Suizidversuch gestartet hab und in der Psychiatrie gelandet bin. Ich will dich damit jetzt nicht schocken. aber du musst versuchen sie zu vergessen, sonst kommst du aus diesem Teufelskreis nicht mehr raus. Ich kenne dieses Gefühl, wenn sie eine neue Beziehung hat. Es ist jedes Mal so, als würde wieder alles über einem zusammenbrechen. Das ist die Hölle! Mach keine Dummheiten!!! Versuch es doch erst mal mit einer Therapie! Mir hilft das auch.

Ebenso berichten Forumsteilnehmer über vergangene Suizidversuche, woraufhin nicht – wie z.?B. von Solveig Prass 2002 in dem Buch »Suizid-Foren im World Wide Web. Eine neue Kulturgefahr«, berichtet – destruktive Reaktio­nen folgen, sondern vielmehr ein Mitfreuen, dass es dem Betroffenen besser geht:

Hallo, ich war schon mal hier vor einem Monat oder so. Ich bin weiter in der Psychiatrie. Vor einen Monat hab ich einen Selbstmordversuch angekündigt. Der hätte auch geklappt, aber weil ich ja in der Psychiatrie bin, haben die mich schnell gefunden. Gott sei dank. Jetzt geht es besser. Werd bald entlassen. Wollt mich nur wieder melden.

Einige Antworten:

Das freut mich echt, dass es dir wieder besser geht! Ich wünsche dir noch ein schönes Leben!

Hallo, es freut mich zu lesen, dass du wieder gern lebst, ich wünsche dir alles Gute auf deinem Weg …

Lassen sich verschiedene
Nutzertypen identifizieren?

Es zeigte sich, dass die User von Suizidforen keine homogene Gruppe sind. Es ließen sich drei Nutzertypen ausmachen, die sich sowohl hinsichtlich der konstruktiven als auch bezüglich der destruktiven Motive, das Forum zu besuchen, unterscheiden. Auch in Bezug auf eigenzentrierte bzw. fremdzentrierte Inhalte der eigenen Beiträge fanden sich bedeutsame Unterschiede.

Typ 1 (21?% der Nutzer) erscheint als der eigentlich problematische User, da hier mit Abstand am stärksten (auch) aus destruktiven Motiven das Forum aufgesucht wird. Allerdings weist dieser Nutzertyp ebenso eine starke Tendenz auf, sich aus konstruktiven Motiven am Forum zu beteiligen. Diesen Nutzertypen könnte man als den »ambivalent Hilfesuchenden« bezeichnen. Hinsichtlich der Beiträge im Forum fällt auf, dass Typ 1 stärker eigen- aber kaum fremdzentrierte Inhalte veröffentlicht. 66?% der Nutzer dieses Typs sind im Forum auch aktiv.

Typ 2 (31?% der Nutzer) fällt durch eine signifikant niedrigere Ausprägung in fast allen Motiven des Forumbesuchs auf. Er hat also weder stark ausgeprägte konstruktive noch destruktive Motive und frequentiert das Forum vermutlich also weder, um sich von einem Leidensdruck zu entlasten oder um gegenseitige Hilfe zu erfahren, noch um Unterstützung zum Vollziehen des eigenen Suizids zu erhalten. Diesen Typen nennen wir im Folgenden den »unspezifisch Motivierten«. Obwohl 53?% dieses Typs Beiträge veröffentlicht haben, weisen die Postings weder stark eigen- oder fremdzentrierte Inhalte bezüglich einer suizidalen Problematik auf.

Typ 3 (48?% der Nutzer) kann als Person mit den am stärksten ausgeprägten konstruktiven Motiven im Sinne des Problemaustausches und der Kommunikation mit Menschen, die ähnliche Gedanken und Gefühle haben, beschrieben werden. Demgegenüber spielen die destruktiven Motive wie bei Typ 1 fast keine Rolle. Aufgrund dieser Motivlage bezeichnen wir diesen Nutzertyp im Folgenden als den »konstruktiv Hilfesuchenden«. Bezüglich der Inhalte der eigenen Beiträge weist Typ 1 gleichermaßen ausgeprägte Tendenzen zu eigen- und fremdzen­trierten Inhalten auf. Typ 1 scheint auch am aktivsten im Forum zu sein 74?% dieser User beteiligen sich durch eigene Beiträge.

Welche Effekte sind zu erwarten?

Eine pessimistische Annahme ist, dass der virtuelle Austausch unter suizidalen Personen das Ausmaß der Suizidalität verstärken würde durch gegenseitiges Hineinsteigern. Ansteckungseffekte werden befürchtet (vgl. Tabelle 1). Somit wurden die Befragungsteilnehmer gebeten, das Ausmaß ihrer Suizidgedanken unmittelbar vor dem ersten Besuch des Selbstmordforums und zum Erhebungszeitpunkt auf einer Skala einzuschätzen. Es zeigte sich eine signifikante Reduktion des Ausmaßes der Suizidgedanken. Natürlich kann vom Rückgang der Suizidgedanken nicht auf eine Wirkung der Teilnahme am Suizid-Selbsthilfeforum geschlossen werden. Die Befundlage legt aber die Überprüfung einer solchen Vermutung nahe.

Vergleicht man die drei Nutzertypen hinsichtlicht der Selbsteinschätzung des Ausmaßes der suizidalen Gedanken vor dem ersten Besuch des Forums und im Moment so fällt auf, dass der »ambivalent Hilfesuchende« (Typ 2) sowohl hinsichtlich der suizidalen »Ausgangslage« vor dem Besuch des Forums als auch im Moment des Erhebungszeitpunkts das höchste Ausmaß an Suizidalität aufweist. Die stark ausgeprägten Motive, im Forum ebenso Hinweise auf Suizidmethoden und Kontakte zum gemeinschaftlichen Suizid zu finden, könnten sich vielleicht aus einem besonders hohen Leidensdruck dieses Nutzungstypen erklären. Gleichzeitig teilen diese Motive nur ein geringer Anteil der Forumsteilnehmer insgesamt (21?%), sodass die Kommunikation von aggressiven Aspekten (z.??B. über die Diskussion von effizienten Suizidmethoden) vermutlich auf wenig Resonanz stößt oder sogar durch forumsimmanente Überzeugungen negativ sanktioniert wird und somit keine Entlastung schafft. Bei dem »konstruktiv Hilfesuchenden« gab es im Vergleichszeitraum den stärksten Rückgang im Ausmaß der Suizidgedanken, was eventuell dadurch erklärt ist, dass Personen mit vorwiegend konstruktiven Hilfegesuchen von der Teilnahme an solchen Foren stärker profitieren als Menschen, deren konkrete Motivlage eher unspezifisch ist (Typ 2).

Um Schlussfolgerungen auf mögliche Imitationseffekte ziehen zu können, wurden die Befragungsteilnehmer um ihre Erfahrungen mit der Suizidierung von Forumsteilnehmern gebeten: Der größte Teil (72?%) hatte in der gesamten Zeit der Nutzung von Suizidforen nicht erlebt, dass sich ein Teilnehmer suizidiert hat. Von denjenigen mit solchen Erfahrungen (28?%) gaben 34 Personen an, dass sie im Mittel von zwei Personen wussten, die sie aus dem Selbstmordforum kannten, und sich das Leben genommen hatten.

Ob das Selbstmordforum ein geschlossener virtueller Lebensraum ist, sollte durch Fragen nach der Ausweitung auf andere Kommunikationsmodi geklärt werden. Offensichtlich wird privaterer Kontakt wie ein Rückzug aus dem öffentlichen Forum und der Wechsel auf die Ebene persönlicher E-Mails oder Treffen wenig präferiert: Lediglich gut ein Drittel (36?%) gab an, mit durchschnittlich 3,5 Usern in regelmäßigem E-Mail-Kontakt zu stehen. Andere Personen aus dem Selbstmordforum bereits persönlich getroffen zu haben, gaben jedoch immerhin 16?% an.

Informations- und Beratungsangebote
im Internet

Internet-Ressourcen liefern für Fachkreise, die beruflich mit suizidalen Personen in Kontakt kommen (Ärzte, Psychologen, Seelsorger, Sozialpädagogen, Pflegepersonal und andere), vielfältige Informationen. Darüber hinaus finden Suizidgefährdete, ihre Angehörigen und weitere Bezugspersonen wie z.?B. Lehrer Hilfeangebote im Netz. Unterscheiden lassen sich hier reine Informationsressourcen (für eine Auswahl s. Tabelle 2) von internetbasierten Beratungsangeboten.

Beratungsangebote

Verschiedene Organisationen bieten netzbasiert Hilfe für Menschen in suizidalen Krisen an. Dabei werden verschiedene Netzdienste (wie E-Mail oder Chat) genutzt. Vorab sei bemerkt, dass viele Online-Berater, die sich an Menschen in psychosozialen Problemsituation jeglicher Art richten, explizit den Ausschluss ihrer Tätigkeit bei vorliegender Suizidalität betonen. Dies scheint nachvollziehbar aufgrund rechtlicher Aspekte und der Einschränkungen diagnostischer und interventiver Möglichkeiten durch die internetimmanente Kanalreduktion auf die hauptsächlich schriftliche Modalität. Erfolgt die Beratung zudem asynchron via E-Mail, was die häufigste Form der Online-Beratung ausmacht, wird das Interventionspotenzial im akuten Krisenfall durch die Zeitversetzung zusätzlich geschwächt. Dennoch stehen auch Online-Berater, die Suizidalität als Kontraindikation für ihre Tätigkeit deklarieren, vor dem Problem, damit trotzdem konfrontiert zu werden: Zum einen können suizidale Mitteilungen indirekt sein – z.?B. geäußert als passiver Todeswunsch –, zum anderen kann sich suizidale Akutizität auch erst im Laufe des Beratungskontakts herausstellen. Erfolgt die Beratung im Rahmen eines Gruppenchats, wird zusätzlich die Frage virulent, welche Strategien bei der Formulierung von Suizidabsichten eines Teilnehmers sinnvoll erscheinen im Sinne des Schutzes der anderen Ratsuchenden. Der Umgang mit latenter sowie akuter als auch der – z.?B. durch Lust am Tabubruch motivierten – potenziell vorgetäuschten Suizidalität im Online-Setting, ist somit ein notwendiges, hoch prekäres, aber auch nicht vernachlässigtes Thema unter psychosozialer Helfern im Internet (ausführlich Eichenberg & Pennauer 2003).

Eine Vorreiterstellung für E-Mail-Beratung bei Suizidalität nimmt die Suizid-Selbsthilfe-Organisation »The Samaritans« (www.samaritans.org) in Großbritannien ein. Seit 1992 besteht das Internetangebot. Ein Deutschland bietet die Diakonie Bielefeld Krisenberatung für suizidgefährdete Menschen via Einzelchat an (erreichbar über www.das-beratungsnetz.de). Über ein reines Informationsangebot ebenso hinaus geht das Kompetenznetz Depression (www.kompetenznetz-depression.de). Neben einer breiten Aufklärung über das Krankheitsbild Depression wird ein Forum für Betroffene und ihre Angehörige angeboten, das von professionellen Mitarbeitern moderiert wird. Nicht selten werden dort auch Suizidgedanken thematisiert, ein häufiges Symptom im Rahmen depressiver Erkrankungen. Wie im Krisenfall netzvermittelt interveniert wird, beschreiben die Mitarbeiter des Kompetenznetzs (Bussfeld & Althaus 2003).

Explizit an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene richtet sich »neuhland« (www.neuhland.de), Berlin. Neuhland ist ein Verbund von psychotherapeutisch orientierter Beratungsstelle und Krisenunterkunft. Kinder und Jugendliche bis 25 Jahre, die nicht mehr weiterwissen und daran denken, sich das Leben zu nehmen, können sich an diesen Krisendienst wenden, telefonisch oder persönlich. Auch für Angehörige ist das Beratungsangebot offen. Das Besondere dieser Hilfsmöglichkeit ist, dass in Notfällen Jugendliche vorübergehend in einer Krisenwohnung aufgenommen werden können. Dieses Betreuungsangebot ist in Deutschland einmalig. Fachkreise können sich auf der neuhland-Website umfassend über das Konzept informieren, Angebote zu Fortbildungen abrufen, und Lehrer erhalten Hinweise zur Suizidprävention in der Schule sowie einen Leitfaden für ein Lehrer-Schüler-Gespräch. Betroffenen Jugendlichen wird das Krisenangebot in einer gesonderten Rubrik vorgestellt. Zudem wird eine Liste überregionaler Hilfsdienste bereitgestellt, die Betroffenen und Angehörigen in suizidalen Krisen eine Anlaufstelle am Wohnort bieten. Neuhland hat sein Angebot ebenso über die lokalen Grenzen von Berlin hinaus ausgedehnt, indem es bundesweit eine Chat-Beratung für betroffene Jugendliche anbietet.
Ein weiteres Angebot, dass sich dezidiert an Jugendliche und junge Erwachsene wendet ist [U25] (www.u25-freiburg.de), ein Projekt der Suizidprävention für Jugendliche des Arbeitskreis Leben Freiburg (AKL). Neben Buchtipps, Aufklärung über Vorurteile von Suizidalität, steht jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren ein Beratungsangebote via E-Mail zur Verfügung. Dabei wird auf ein Peerkonzept zurückgegriffen, d.?h. ehrenamtliche Jugendliche beantworten Anfragen der Betroffenen. Dabei werden sie von erfahrenen Therapeuten unterstützt.

Fazit

Die sogenannten Suizidforen im Internet bieten vielen Menschen die Möglichkeit, ihre Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit anderen Leidensgenossen anonym bzw. pseudonym mitzuteilen und stützendes Verständnis zu finden. In solchen Krisensituatio­nen haben Betroffene oftmals das Gefühl, sich ihnen nahestehenden Personen im »realen« Umfeld nicht anvertrauen zu können, nicht verstanden zu werden. Der Austausch mit ähnlich fühlenden Menschen kann emotionale Entlastung bringen und einen Prozess anregen, auch außerhalb des Internets Unterstützung zu suchen. Weitere, aktuellere Studien belegen diese Befunde (z.?B. Pourshirazi 2007; Harris et al. 2009; für kulturkonvergente Motive zur Nutzung von Suizidforen von Japan und Deutschland siehe Sueki & Eichenberg 2012).

Forumsteilnehmer weisen sich häufig gegenseitig auf solche Beratungs- und Therapieangebote hin, ermutigen einander, Freunden oder Familienangehörigen die eigenen Probleme mitzuteilen. Der oftmals befürchtete Effekt, Internetcommunitys würden zu einer Flucht ins Virtuelle führen und sogar Sucht auslösendes Potenzial haben, kann in Einzelfällen zutreffen, ist aber nicht die Regel.

»Suizidforen« unterscheiden sich hinsichtlich des Umgangs mit dem Thema Suizidalität – die häufig dringlich geäußerte Notwendigkeit, all diese Foren von staatlicher Seite her zu schließen, hat nicht nur dramatisierenden Charakter, sondern würde vielen Menschen eine Anlaufstelle in Krisenzeiten nehmen, die rund um die Uhr erreichbar ist. Die konstruktiven Funktionen solcher Foren sollen jedoch nicht darüber hinwegsehen lassen, dass es auch missbräuchliche Nutzung gibt. Werden in manchen Foren öffentlich Hinweise auf Quellen für Suizidmittel gegeben oder werden suizidale Handlungen propagiert, so müssen solche destruktiven Impulse unterbunden werden: Entweder durch Eingreifen der Moderatoren oder – als letzte Maßnahme – durch Schließung solcher Foren (bspw. durch Einrichtungen des Jugendschutzes, siehe www.jugendschutz.net).

Allerdings sollte aus einigen spektakulären Vorfällen kein Trend generiert werden. Epidemiologische Daten geben jedenfalls für Deutschland bislang nicht wieder, dass es einen Anstieg der Suizide durch die Verbreitung des Internets gegeben hat. Der Blick über alarmierend dargestellte Einzelfälle hinaus ermöglicht, Betroffene zu hören, die ihre Krisenbewältigung – neben anderen Unterstützungsformen – auf die Teilnahme an solchen Foren zurückführen.

»Nach ein paar Tagen und Nächten, die ich mit der Lektüre der Nachrichten verbrachte, wusste ich, dass ich hier richtig war. Hier konnte ich zum ersten Mal meine Gedanken aussprechen – ohne Angst haben zu müssen, mich auf einer geschlossenen Station wiederzufinden. Dieser offene und ehrliche Ton der Newsgroup war Balsam für meine gehetzte Seele. Und das Beste war, ich konnte die Intensität des Austausches selbst bestimmen [...]: Ich kann selbst entscheiden, wann ich wie viel Kontakt haben will. Ich kann selbst bestimmen, wann ich neue Mails herunterlade und wann ich sie lese. Und (noch viel wichtiger): Ich kann selbst entscheiden, wann und welche Mails ich beantworten will. [...] Als meine schwerste Krise zu Ende ging, beendete ich das Abonnement ... denn Selbstmord war nicht mehr mein vorherrschender Gedanke, und so brauchte (und wollte) ich auch nicht mehr den ständigen Austausch darüber.« (Auszug aus Katrin Jaeger 1998)

Unsere Aufmerksamkeit sollte sich vor allem auf Möglichkeiten richten, die Selbsthilfeaktivität suizidaler Internetnutzer mit professioneller Online- und Offline-Hilfe zu vernetzen, um die suizidpräventiven Möglichkeiten des Mediums möglichst effektiv auszuschöpfen. Ebenso sollte in Schulen das Thema »Suizidalität« im Allgemeinen wie »Suizidforen« im Speziellen aufgegriffen werden. Als Unterrichtsmaterial ist ab der 9. Klasse z.?B. die Lektüre des Theaterstücks »norway.today« von Igor Bauersima, 2003 als Taschenbuch im Fischer Verlag erschienen, zum Einstieg in die Diskussion gut einsetzbar.

Literatur

Bussfeld, P.; Althaus, D. (2003) Suizidalität im Internet: Ein Erfahrungsbericht aus dem Kompetenznetz »Depression«. In R. Ott; C. Eichenberg (Hg.), Klinische Psychologie im Internet (S. 327?–?336). Göttingen

Eichenberg, C. (2008) Internet Message Boards for Suicidal People: A Typology of Users. CyberPsychology & Behavior, 11, 1, 98–?104

Eichenberg, C.; Pennauer, J. (2003) Krisenintervention im und via Internet: Angebote und Möglichkeiten. Psychotherapie im Dialog, 4, 411–?415

Fekete, S. (2002) The Internet – A New Souce of Data on Suicide, Depression an Anxiety: A Preliminary Study. Archives of Suicide Research, 6, 351–?361

Harris, K.?M.; McLean, J.?P.; Shefield, J. (2009) Examining Suicide-Risk Individuals Who Go Online for Suicide-Related Purposes. Archives of Suicide Research, 13, 264–?276

Jäger, K. (1998) Im virtuellen Selbsthilfenetz. In L. Janssen (Hg.), Auf der virtuellen Couch – Selbsthilfe, Therapie und Beratung im Internet (S. 40–?52). Bonn

Pourshirazi, S. (2007) »Mireden darf nur, wer da eingetreten ist in die Finsternis« – Über Suizidforen im Internet. Psychosozial, 30, 111–?125

Prass, S. (2002) Suizid-Foren im World Wide Web. Eine neue Kulturgefahr. Jena

Schmidtke, A.; Schaller, S.; Kruse, A. (2003) Ansteckungsphänomene bei den neuen Medien – Fördert das Internet Doppelsuizide und Suizidcluster? In E. Etzersdorfer, G. Fiedler; M. Witte (Hg.), Neue Medien und Suizidalität. Gefahren und Interventionsmöglichkeiten (S. 150–?166). Göttingen

Sueki, H.; Eichenberg, C. (2012) Suicide Bulletin Board Systems Comparison Between Japan and Germany. Death Studies, 36, 6, 565–?580

 

Die Autorin

PD Dr. Christiane Eichenberg
Sigmund Freud Privat Universität
Department Psychologie
Schnirchgasse 9a
A-1030 Wien
www.christianeeichenberg.de

 

 

Tabelle 1: Potenzielle Risiken und Chancen von Suizid-Selbsthilfeforen

Gefährdende Effekte

Suizidpräventive Effekte

Weitere Labilisierung insbesondere bei
jungen und psychisch kranken Menschen

Enttabuisierung eines in der Gesellschaft
stark stigmatisierten Themas

Verbreitung von Suizidmethoden

Abbau suizidalen Handlungsdrucks durch Diskussionen über Suizidmethoden

Ansteckung u. Imitation (»Werther-Effekt«)

anonymen u. unzensierten Austausch mit
anderen Betroffenen mit dem Effekt der
sozialen Unterstützung

Schwellenerniedrigung i.?S. des Abbaus
von Ambivalenzen durch Prozesse
des Gruppendrucks

Kontaktaufnahme zu suizidalen Menschen
vonseiten Professioneller, die auf andere
Weise nicht erreicht würden

Veränderung der Einstellungen zum Suizid

Erleichterter Zugang zu
professionellen Krisenangeboten

Schlussfolgerung:
staatliche Maßnahmen zur Zensur
entsprechender Internet-Inhalte
und zur Foren-Schließung

Schlussfolgerung:
Selbsthilfeaktivität suizidaler
Internetnutzer fördern

Tabelle 2: Informationsangebote

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS)

www. suizidprophylaxe.de

American Association of Suicidology

www.suicidology.org

Suicide Awareness/Voices of Education

www.save.org

Therapiezentrum für Suizidgefährdete (TZS) der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf

www.uke.uni-hamburg.de/extern/tzs/TZS_d.html

Homepage von W. Dorrmann, Autor von »Suizid.
Therapeutische Interventionen bei Selbsttötungsabsichten« (1998)

www.krisen-intervention.de

Homepage von H. Mück

www.dr-mueck.de/HM_Depression/HM_Suizid.htm

Bundesverband für verwaiste Eltern in Deutschland e.?V.

 

 

 


[1]Quelle: sozialpsychiatrische informationen; Ausgabe 2/2013; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.