TK Forum Versorgung – Neue Wege für psychisch Kranke[1]
typo3/#_ftn1Die Techniker Krankenkasse hat eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, das „TK Forum Versorgung“ zur Diskussion aktueller Probleme der Versorgung. Thema der Eröffnungsveranstaltung am 4. 9. 2013 in Berlin waren psychische Erkrankungen.
Im Fokus standen Onlinetherapie, Ursachen und Folgen der Zunahme an Diagnosen psychischer Erkrankungen und ambulante Behandlungsformen.
Wolfgang Schneider, Uni Rostock, sprach von einer Pathologisierung sozialer Probleme und der Medikalisierung psychischer Erkrankungen.
Es werde mehr psychosoziales Erleben in die Sprache der Medizin übersetzt, zudem sei der Gesundheitsbegriff der WHO problematisch. Die Medizin entwickle einen expansiven Charakter, es würden nicht nur Krankheiten, sondern auch Risiken behandelt. Die Technik der Intensivmedizin werde immer ausgefeilter, der Mensch in seinem Leiden aber oft nicht mehr gesehen.
Diese Entwicklung lasse sich anhand epidemiologischer Daten nachvollziehen.
- 2012 habe jede 3. Frau und jeder 4. Mann eine klinische Störung aufgewiesen.
- Anstieg der Fehltage auf Grund psychischer Erkrankungen von 2006 bis 2011 um 60%.??
- Frühberentungen auf Grund psychischer Erkrankungen seien seit 2011 um 40% gestiegen.
Diese Entwicklung sei durch eine Ausweitung des Krankheitsbegriffs zu erklären, von 106 auf weit über 300 Diagnosen (DSM I bis DSMIV). Da nur die symptomatische Ebene betrachtet werde, bestehe das Risiko, viele Erkrankungen falsch einzuordnen.
Von 100 überprüften Gutachten, die langzeitarbeitslose Patienten als arbeitsunfähig klassifizierten, seien 80 Patienten als erwerbsfähig einzuschätzen.
Der enorme Anstieg psychischer Erkrankungen wie der Anstieg der Fehlzeiten auf Grund psychischer Erkrankungen ließen nicht nur die GKV nach Ursachen und Lösungen suchen.
Im zweiten Block der Veranstaltung wurde über neue Therapieformen diskutiert.
Christine Knaevelsrud, FU Berlin, wies auf die Vorteile der Online Therapie hin, wie
- erhöhte Flexibilität
- ??bessere Erreichbarkeit
- ??Verkürzung von Wartezeiten
- ??erleichterte Kontaktaufnahme
- ??beschleunigte Selbstöffnung des Patienten
- ??aktivere Einbindung von Patienten
- ??erleichterte Archivierung
- ??eine individuelle Anpassung der Inhalte
- ??Zeitersparnisse.
Aber non-verbale Signale könnten nicht wahrgenommen werden, die Online-Diagnosemöglichkeiten seien begrenzt, es könne in Krisen nicht interveniert werden. Im europäischen Ausland sei die Online-Therapie bereits stärker in die Regelversorgung eingebunden als in Deutschland.
Die Beziehung zum Therapeuten spiele auch in der Online-Therapie eine bedeutende Rolle. Art und Umfang der juristischen Rahmenbedingungen seien noch zu klären. Datenschutz sei in diesem Zusammenhang ein „heißes“ Thema.
Laut Ulrich A. Müller, Landespsychotherapeutenkammer Hessen, ist Psychotherapie kein unklarer Begriff, seit dem Psychotherapeutengesetz klar definiert und durch die Kammern geschützt. Psychotherapeuten erbrächten psychotherapeutische Behandlungen im persönlichen Kontakt und dürften diese nur in begründeten Ausnahmefällen über elektronische Kommunikationsmedien und unter Beachtung besonderer Sorgfaltspflichten durchführen.
Thomas Ballast betrachtete die Online-Therapie als Ergänzung der Psychotherapie. Letztlich sei entscheidend, ob Versorgungstudien ihre positive Wirkung nachweisen könnten. Aber wie stelle man Ulrich A. Müller (PTK Hessen) sicher, dass der Therapeut keine Maschine sei? Christine Knaevelsrud bestätigte den Verdacht: Sie arbeiteten mit Textbausteinen, doch das sei nie ein Problem gewesen, das sei die eigene ethische Verantwortung des Therapeuten.
Die Internet-Therapie scheint ein Konzept mit vielfältigen Stärken und Schwächen zu sein. Schamvolle“ Nutzer sind, so die Information auf dem Forum, die primäre Zielgruppe für Online Angebote, da diese eine face-to-face Therapie meiden. Die Online-Therapie kann Wartezeiten sparen, eine Möglichkeit zur Verringerung der Patientenzahlen ist sie aber sicher nicht, sondern bedeutet wohl im Gegenteil zusätzliche Patienten.
Die Wirksamkeit moderner Kommunikationsmittel sei belegt, resümierte Thomas Ballast. Ob aber von Tastatur zu Tastatur das gleiche Vertrauen aufgebaut werden könne, daran beständen Zweifel. Sie wollten dieser neuen Form eine Chance geben nachzuweisen, dass sie erfolgreich sein könne. Aspekte wie Haftungsfragen, Qualitätssicherung und Patientensicherheit müssten noch geklärt werden.
Dass die Datenschutz-Problematik angesichts des NSA-Skandals kaum thematisiert wurde, ist erstaunlich.
Der dritte Themenblock behandelte den Grundsatz „ambulant vor stationär?“. Marius Greuèl, MVZ-Pinel, und Thomas Schillen, Klinikum Hanau, stellten neue Modelle der ambulanten psychiatrischen Versorgung vor.
Matthias Heißler, Johanniterkrankenhaus Geesthacht, führte aus, dass Demenzkranke andere Möglichkeiten als ein Heim benötigten. Sie hätten deshalb ein Netzwerk ambulanter Dienste aufgebaut. Zur Pauschale: Sie trage zur Flexibilisierung des Krankenhauses und Aktivierung des Sozialraums bei.
Alle vorhandenen Betten würden gefüllt, es könne also auch zu einer Verdopplung der Patientenzahlen führen. Dann sei der Effekt eine Gelddruckmaschine. Man brauche einen „cut-off“, sonst könne man immer mehr Geld investieren.
Thomas Ballast zog in seinen Schlussworten ein Fazit – Alternativen und Zukunftsmodelle in der Psychotherapie und Psychiatrie seien aufgezeigt worden. Nicht alles, was als Krankheit daherkomme, sei auch eine Krankheit. Was an zusätzlichen Anforderungen auf sie zukomme, sei beherrschbar.
[1]Quelle: Highlights-Journal, Ausgabe 24/13, vom 17.09.; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.